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Sitten & ModeFrauenzimmer-Lexicon 1715

Frauenzimmer, Heisset überhaupt dasjenige schöne und edle Geschlechte, so dem Männlichen entgegen gesetzet wird. Ihr Humeur, Geist, Eigenschaft, Inclination und Wesen scheinet nach ieder Landes-Art und Beschaffenheit von einander unterschieden zu seyn. Das Portugisische Frauenzimmer wird von denen Scribenten vor das schönste in gantz Europa, darbey aber auch vor hochmüthig, eyfersüchtig und argwöhnisch ausgegeben. Das Spanische soll nicht von sonderbahrer Schönheit, wohl aber träg und nachläßig seyn: es schläffet gerne lange, lässet sich am Tage sehr selten sehen, gehet es aber aus, so verdecket es sich das Haupt; schmincket, sich sehr starck, ist sehr verliebt, hat insgemein garstige und übelriechende Zähne, weswegen es sich auch starck zu parfumiren pfleget: zum Kleidern liebet es die schwartze Farbe, führet eine a parte Tracht; als einen sehr weiten und ausgesperten Unterrock, ein kurtzes Oberwammst mit Flügeln, einen Kragen und kleines Hütlein. Die Spendagen sind ihnen ange nehm. Wenn sie ihren Courtisanen eine Affection erweisen wollen, zeigen sie selbigen ihre Füsse, wormit sie gar spröde thun, weil sie hierinnen vor allen andern Nationen etwas besonders haben, angesehen selbige nette, schmal und sehr delicat sollen gewachsen seyn. Ohne Erlaubnüß hoher Damen in Spanien Füsse zu sehen, halten sie vor capital; anbey sind sie von mittelmäßiger Taille, doch sehr schlanck. Das Frantzösische Frauenzimmer hingegen ist lustig, beredt, neugierig, veränderlich in Moden, listig, verliebt, doch leichtsinnig, frey, doch sonder Verletzung der Erbarkeit, es liebet keine Röthe im Gesichte, sondern hält blaß seyn vor eine sonderbahre Schönheit, daher es fleißig zur Ader läst; hiernechst ist es sehr fruchtbar. Das Niederländische Frauen-Volck ist meistens ra massirt und ein wenig starck, doch darbey wohl gewachsen, ist sparsam, fleißig, haußhältig, hält viel auf Nettigkeit und Reinlichkeit im Hause, verdirbt keine Compagnie, und ist sehr complaisant. Das Engelländische Frauenzimmer ist schlanck und wohl gewachsen, schön von Gesichte, charmant, und hält viel auf Frantzöische Moden, liebet die Freyheit und alle galanterien, machet den Männern die Herrschafft gerne disputirlich, daher auch das Sprichwort enstanden; Engelland sey der Weiber Paradieß, in Conversation ist es nicht spröde, massen ein Fremder selbiges gar leicht sprechen kan, machet auch ein Pfeiffgen Tobac mit. Das Dänische Frauenzimmer ist schön von Gesichte, häußlich und fruchtbar, doch sehr mißtrauisch und eigensinnig. Das Schwedische hingegen von etwas starcker doch schöner Leibes-Gestalt, li beral, conversabel und höflich, absonderlich in der Haußhaltung wohl conduisiret. Was das Teutsche Frauenzimmer anbetrifft, so findet man hier und dar viel schöne Gesichter, sie lieben neue Moden sehr gerne, sind politisch und zu allen Dingen geschickt, curieux, können ihre Liebe sehr verbergen, mögen auch gerne Schmeicheleyen vertragen, seynd begierig auf die Galanterie, lassen sich zur Haushaltung wohl anführen, und bey ihrer Liebe eine nicht geringe Eyfersucht mercken, sie wissen sich meisterlich zu verstellen, lassen aber ihren Wanckelmuth hier und dar blicken, sie lieben die Music sehr, können sich in iede Tracht sehr wohl schicken, und seynd meistens gut gewachsen. Das Ungarische Frauenzimmer ist artig von Gesichte, lebet sehr eingezogen und ist sehr schamhafftig. Das Polnische ist gleichfalls meistentheils schöne, frey und conversabel und liebet die Frantzöische Tracht mehr als die ihrige. Das Moscowitische aber findet man von kleiner Statur, wohl gewachsen und feinen Angesichte; selbiges schmincket sich aber dennoch und färbet sich die Augenbraunen. Die verheyratheten Personen tragen ihr zusammen gerolltes Haar unter einer Mützen, mit Fuchs oder Bieberfellen bebrähmet, die Jungfern aber lassen sie in Zöpffe geflochten über die Schultern hengen; sie tragen Cafftars oder Ober-Röcke, so weiter als der Männer ihre sind, gehen auf Schuhen mit sehr hohen Absätzen und kleinen subtilen Nägeln beschlagen: die Moscowitischen Weiber erkennen die Affection der Männer durch öffters prügeln, je hefftiger der Streich, je grösser ist die Liebe. Das Türckische Frauenzimmer soll schön seyn, absonderlich das in Sukana; sehr annehmlich, sie gehen meist verdeckt, und lassen von ihrem gantzen Gesichte nichts mehr als die Augen sehen, halten sich sehr eingezogen, massen ihnen keine grosse Freyheit vergönnet wird, sie dürffen sich aus ihrem Hause nicht verlauffen, und und sollen von der Liebe nicht viel Staat machen. Das Schweizerische Frauenzimmer ist starck von Leibe, abeitsam, offenhertzig, doch manchmahl ein wenig simpel, es liebet die frantzöische Sprache, und träget kein Gold und Silber auf den Kleidern. Das Welsche Frauenzimmer ist höflich in conversation, verliebt, beredt, schön, doch an einem Orte besser als an dem andern, und wird ihre Keuschheit zu erhalten sehr eingeschränckt. Sehen wir in die andern 3. Theile der Welt, so finden wir in Asien das Japanische Frauenzimmer sehr keusch und schamhafftig, massen sie viel lieber sterben, als ihre Keuschheit entweihen lassen. In Siam ist es arbeitsam und häußlich, in Molta aber behertzt und streitbar. Hingegen in Africa trifft man das Frauenzimmer von wilden und abergläubischen Humeur an, sie sind von schwartzer Haut, und halten es vor eine sonderbare Schönheit, wenn sie recht schwartz sind: darneben sind sie sehr unflätig. Und endlich in America ist das Frauenzimmer sehr wild, rauch und abgöttisch, es gehet nackend, und hat nur um den Schos eine leichte Baumwollene Decke oder auch bunte Federn. Die Weiber sind harter Natur, und daher im gebähren sehr behertzt und glücklich. In Brasilien hengen die Weiber ein von vielen Schnecken-Häusern zusammen gemachtes Kleinod in die Ohren, bemahlen ihr Gesichte mit allerhand Farben, und halten nicht viel von Pracht und Zierrath. So unterscheiden findet man das weibliche Geschlecht von einander. Ob aber selbiges dem männlichen Geschlechte vorzuziehen, mögen andere erörtern; so viel ist doch gewiß zu sagen, daß man von diesem edlen Geschlechte an allen Orten viel geschickte und herrliche Subjecta antrifft, welche in den Studiis und andern herrlichen Wissenschafften und Künsten es viel berühmten Männern, wo nicht zuvor, doch gleich gethan haben, dergleichen in diesem Frauenzimmer-Lexico in nicht geringer Menge zu finden.

Gottlieb Siegmund Corvinus (Amaranthes), Nutzbares, galantes und curiöses Frauenzimmer-LexiconLeipzig: Gleditsch 1715 · Sp. 573–578Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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