FeedDornreiche
TierreichRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Dornreiche, Jst eine Art kleiner Vögel, deren man insgemein sechserley Geschlechte zehlet: Der erste, als der eigentlich so genannte gemeine Dornreich, dessen Gesang nicht sonderlich schön ist, und der im Singen in die Höhe fliegt, ist über und über am gantzen Leib einfärbig, nemlich bräunlicht, ausser, daß er am Bauch hinab etwas weißgraulicht ist, und an denen Flügeln, sonderlich um die Achseln herum, hellbräunlichter aussiehet, als an denen übrigen Theilen des Leibes. Seiner Grösse nach kommt er dem Braunellein gleich. Der andere ist der schwartzköpffigte Dornreich, welchen man an etlichen Orten Meisen-König oder Meisen-Mönch nennet. Seine Farbe ist am Kopff oben Kohlschwartz, und die Backen um die Augen weiß, wie der Meisenkopf auf beyden Seiten ist, der Rücken aber Aschen-Farb; an der Grösse ist er fast wie eine Blau-Meise, nur daß er in etwas länger und hochbeneigter seyn mag. Der dritte Dornreich, ist dem erstbeschriebenen andern Dornreich oder Meisen-Mönch, in allen gleich, ausser daß, wie jener eine schwartze, dieser eine hellbraune Kappe oder Kopff hat, um weswillen er auch nicht unbillig der braunköpffigte Mönch genennet wird. Der vierte ist der Schilff-Dornreich, der noch kleiner als die letzten zweyen, im übrigen aber gäntzlich aussiehet, wie der zuerst beschriebene gemeine Dornreich. Der fünffte ist derjenige Vogel, der an Grösse dem schwartzköpfigten Dornreich oder sogenannten Meisen-Mönch gantz gleich kommt, aber auf dem Kopff nur ein weisses Bläßlein oder Plättlein hat, mit dem er sich unterscheidet, wiewohl er auch nicht so gar dick am Leib ist, als der gemeine, ob er selbigem schon an der Länge nichts nachgiebt. Dieser hat den schönsten Gesang unter allen Dornreichen, ist aber schwer zu fangen. Der sechste Dornreich, ist das weichbauchigte Vögelein, welches etliche Tage vor der Nachtigall kommt, und in dem Gebüsche, aus welchem es öffters singend in die Höhe flieget, und wieder in ein anderes niederfället, einengantz kurtzen traurigen Gesang von sich hören lässet. Dieser ist an der Grösse, wie ein Schilff-Dornreich, aber am Bauch sehr weiß, und dadurch von allen andern zu unterscheiden, die übrige Farbe ist gäntzlich, wie die Farbe des gemeinen Dornreichs. Sie nehren sich mit Würmern, welche sie nicht auf der Erden, sondern meistentheils an dem Laube suchen und hinweg schlucken. Jhr Strich gehet um oder bald nach Jacobi an, nur der schwartzköpffigte Dornreich hält sich etwas länger auf, und bleibet im Herbst, nachdem das Wetter ist, fast bis mitten im October, um die zeitigen Hollunder-Beere zu geniessen, mit welchen er wider die Natur der andern Dornreiche, als die auch deswegen so lange nicht bleiben können, gerne vorlieb nimmt; Hingegen ist er auch im Wieder-Strich zur Frühlings-Zeit, einer von den spätesten.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 539–541Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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