FeedHase, Lepus, Lievre
Sport & SpielRitter-Exercitien-Lexicon 1742

Hase, Lepus, Lievre, Jst ein bekanntes vierfüßiges, und unter die Nieder-Jagd, oder das kleine Weidwerck gehöriges Wildpret, über alle massen furchtsam, und sich einig und alleine auf die Geschwindigkeit seiner Füsse verlassend. Seine äusserliche Gestalt belangend übertrifft er an Grösse die Caninichen, seine vördern Füsse seyn ungleich kleiner als die hintern, er hat einen kurtzen dicken Kopff, lange und spitzige Ohren, einen kurtzen Schwantz, an dem obern Theil des Mauls eine heßliche Scharte, grosse heraus getriebene Augen, und kurtze, oder gleichsam abgeschnittene Augen-Lieder, dahero es kommt, daß er die Augen allezeit offen hält, ja so gar mit offenen Augen schläfft. Das Männlein, oder die Rammler, ist auch von dem Weiblein, so die Häsin, der Mutter-Hase oder Satz-Hase genennet wird, darinne unterschieden, daß jener von Natur etwas kleiner, aber länger und geschwinder ist, als die Häsin, welche etwas dicker vom Leibe, und nicht so hurtig auf ihren Füssen. Ferner ist der Rammler auf den Vorder-Blättern und Schultern roth, auf dem Rücken schwartztüpfflicht, und hinten herum weiß, als wenn er berupffet wäre; hat einen dicken kurtzen Kopff, lange Haare am Bart, Backen und Augen-Braunen, auch kurtze, weite und weißlichte Ohren, welche er steiff träget, und in dem Sitzen und Horchen eines nach dem andern geschwind in die Höhe recket; im Lager aber die Ohren nach dem Hals zusammen leget. Die Häsin oder der Satz-Hase hingegen hat einen längern und schmälern Kopff, bisweilen auch ein Bläßlein auf der Stirn, grosse lappichte und etwas hangende Ohren, am Rücken falbigte, und überhaupt mehr Asch-Farbe und graulichte als röthlichte Haare. Jn der Setz-Zeit ist absonderlich ein Rammler in dem Lager vor einer Häsin daran zu erkennen, daß er seine Ohren gerade auf den Rücken zurück- und zusammen leget, auch eher aus seinem Lager aufstehet, als eine Häsin; dahingegen diese, wenn sie den Leib voller Jungen hat, sich in dem Lager zu drucken und feste zu sitzen pfleget, da sie denn ihre Ohren gantz von einander zu beyden Seiten des Leibes hinunter leget, und mit dem Hinter-Theil hoch sitzet. Sie rammlen im Februario, auch wol gar schon im Januario, nachdem nemlich das Wetter gelinde ist, und zwar mit so grosser Begierde, daß offt hinter einer Häsin drey oder vier Rammler herlauffen, wiewol solche frühzeitige Junge, wenn sie nach vier Wochen, (denn so lange trägt die Häsin) gesetzet werden, mehrentheils von der grossen Kälte und dem starcken Schnee wieder umkommen: Wenn aber ein harter Winter einfällt, müssen sie diese Kurtzweile bleiben lassen. Sonsteu setzen sie ordentlicher Weife im Martio, wo alt Gras, dicke Saat oder Farren-Kraut ist, in Sträuchlein, oder an einen kleinen Erd-Hügel, und zwar nachdem die Satz-Häsin alt ist, ein oder zwey Junge. Der andere Satz geschiehet im Majo schon besser, und bekommen sie alsdenn meistens dreye. Beym dritten Satz, so im Julio geschiehet, bekommen sie bisweilen vier bis sechs Junge, die sie schon besser, als bey den ersten beyden Sätzen im Getreide verbergen können. Jm September oder zur Erndte-Zeit, folget der vierte Satz, bisweilen auch nicht, nachdem sie nemlich Friede haben, so daß die alten Jäger haben pflegen zu sagen, der Hase gehe im Früh-Jahr selb ander vom Holtze ins Feld, und gehe um Bartholomäi selb funffzehen bis 17 wieder zu Holtze. Sie werden nicht blind gebohren, wie die Caninichen, Eichhörner, Hamster und dergleichen, welche alle bis in den neunten Tag blind liegen müssen, sondern haben gleich ihre Augen offen, sobald sie zur Welt kommen. Sonsten ist die Häsin eine ungetreue Mutter: Denn sie lässet ihre Junge über vier oder sechs Tage nicht an sich saugen, darnach verlässet sie dieselben, und läufft aus grosser Geilheit dem Rammler wieder nach, welcher die Jungen, wenn er sie frisch gesetzt findet, gantz und gar auffrißt, damit er die Mutter desto eher wiederum frey bekommen möge. Die Raben und Krähen thun den Hasen viel Schaden, sowol wenn sie noch jung, als auch, wenn sie alt und erwachsen sind, und können zwey Krähen einen alten Hasen so gut stossen, als ein Raub-Vogel. Wenn der Hase ein Jahr alt worden, ist er zu seiner Vollkommenheit gelanget. Wo er gesetzet worden, bleibet er am liebsten; dahero kommen die Holtz-Hasen, die nemlich in grossen Waldungen gesetzet worden, gar wenig, oder doch nicht weit in die Felder, weil sie nechst demjenigen, was sie zu ihrer Nahrung allenfalls auf dem Felde finden, auch Eicheln und allerley Holtz-Kräuter fressen. Die in den kleinen Feld-Höltzern gesetzte aber lauffen alle Nächte nach ihrer Nahrung ins Feld, und gehen frühe, zumal wenn es windig, wieder zu Holtze. Diese Holtz-Hasen sind schon etwas schwerer zu hetzen, weil sie den den Jäger mit den Hunden mehr scheuen, und zum öfftern schon der Jagd entgangen. Die Feld-Hasen hingegen, das ist, diejenigen, so in den weiten und flachen Feldern gesetzet worden, bleiben auch meistens daselbst beständig, ändern aber ihr Lager oder Gesässe im Jahr unterschiedliche mal: Denn im Früh-Jahr, wenn Frost und Schnee vorbey, setzen sie sich gerne an die Ränder in die Mist-Stücken oder Sturtz-Aecker; wenn aber die Saat so hoch gewachsen, daß sie sich darinne bergen können, so suchen sie ihre Retirade in derselben, bis zur Erndte-Zeit, da sie sich denn immer aus einem Stück Getreide in das andere jagen lassen, bis es alles geschnitten oder niedergehauen ist: alsdenn setzen sie sich in das alte annoch stehende Gras, und in die Haber-Schwaden, entkommt ihnen aber auch dieses, so machen sie sich in die Korn-Stoppeln, Flachs-Aecker, Kraut-Stücken und dergleichen; zur Winters-Zeit und bey tieffem Schnee, machen sie sich in die Windwehen, auch in die Weiden- und Erlen-Gründe, wo sie in der Gedult sitzen können. Jhr Geäse ist allerhand grüner Saamen, Kraut, Haber, auch was die Holtz-Hasen sind, zur Herbst-Zeit Eicheln; Jm Winter aber nähren sie sich, wenn sie wegen Tieffe des Schnees nicht zur grünen Saat kommen können, von denen Rinden und Schalen der Bircken- und anderer jungen, insonderheit aber der Obst-Bäume, welches die Gärtner und Haus-Väter öffters mit ihrem grossen Schaden erfahren. Sie vermercken von Natur das Wetter und den Wind, und verändern daher ihr Lager, denn wenn ein Regen-Wetter vorhanden, machen sie solches ins Feld an einem Hügel, Furche, Stamm oder Wurtzel, alt Gras oder Farren-Kraut, graben vor sich eine längliche Grube gegen den Wind, und setzen sich mit dem Hintern rückwerts hinein, weil sie zu solcher Zeit in dem Busch nicht bleiben, noch sich die Regen-Tropffen von den Blättern beunruhigen lassen können; wenn es hingegen kalt und windig ist, suchen sie das Gehöltze und die Büscher. Jm Winter machen sie ihr Lager gegen die Sonne; im Sommer aber wegen des Schatten gegen die Nord- oder Winter-Seiten; wenn sie des Nachts vom Thau oder Regen naß worden, trocknen sie sich bey Tage und bey Sonnen-Schein in den Furchen wieder ab. Wenn ein paar alter Hasen eine Gegend zu ihrer Wohnung eingenommen, lassen sie daselbst keine fremde aufkommen, sondern beissen und kratzen sie weg, ausser diejenigen, die von ihnen gebohren worden; diejenigen Hasen, welche in morastigen und wässerigen Brüchen wohnen, sind gemeiniglich anbrüchig, ungesund und haben die Pocken. Die Hasen aber, so sich auf den Bergen und trockenen Gegenden aufhalten, sind viel gesünder, hurtiger und geschwinder, und werden insonderheit die halbgewachsenen, für weit delicater zur Speise gehalten, als die alten. Die Losung eines Hasen ist klein, trocken und eckigt, einer Häsin aber grösser, runder und feuchter. Die Hasen werden, sonderlich an den Grentzen, mit Hasen-Garnen, Lausch- oder Lücken-Netzen, auch Schleiffen oder Drat-Schlingen gefangen, oder da sie durch Stöber-Hunde aufgejagt, an den Wechseln mit Schrot geschossen, mit Falcken und Habichten gebaitzet, oder auch mit Wind-Hunden gehetzet. Sonsten haben sie ein schwaches Leben, und sterben von einem leichten Druck, leben auch ausser dem über acht Jahr nicht. Wenn man das Alter eines Hasen erkennen will, ziehet man ihm die Ohren von einander: giebt das Fell nach, so ist es eine Anzeige, daß er noch jung sey, hält es aber fest, so ist er alt; wenn auch die Glieder an den vordern Sprüngen ziemlich groß sind, kan man ihn gleichfalls für alt halten. Die Weidmännische Redens-Arten vom Hasen sind: Der Hase rammlet, setzet, weidet, wird von den Hunden gerahmet, wenn sie ihn nemlich so einholen, daß er sich umwenden muß, gehetzt, gefangen, genickt, erwürgt, zerrissen, abgestreiffet. Er hat einen Balg nicht Fell, Löffel nicht Ohren, Sprünge nicht Hinter-Füsse; Jhm werden Garn- und Feder-Gericht gestellet. Einen Absprung thut er, wenn er einen Widergang gethan, und denn davon auf die Seiten springet. Er drückt sich, wenn er sich gantz auf die Erde niederleget, den Kopff nieder bücket, und sich also zusammen ziehet, daß er nicht gesehen wird. Ein Männichen macht der Hase, wenn er nur auf den hintern Läuffen sitzet, und die vördern in die Höhe hält.

Valentin Trichter, Curiöses Reit- Jagd- Fecht- Tantz- oder Ritter-Exercitien-LexiconLeipzig: Gleditsch 1742 · Sp. 1014–1020Text: Deutsches Textarchiv · CC BY-SA 4.0

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