Mistler, Schnarre, Schnerr, Jst eine Art von Krammets-Vögeln, welcher seinen Nahmen von den Mistel-Beeren, die er gerne frisset, erhalten hat, und in Bayern eine Scharre in Kärnthen aber ein Zerrer genannt wird. Er übertrifft an Grösse den Krammets-Vogel und die Drossel. Seiner Farbe nach aber kommt er der Weiß-Drossel oder Zipp-Drossel gäntzlich bey, ausgenommen, daß wie der Vogel grösser ist, auch die schwartzen Flecken an der Brust viel grösser aussehen, und der Grund, worauf sie gleichsam gestreuet sind, nicht so bräunlicht, wie bey der Drossel, sondern mehr weiß ist. Der Hahn und die Sicke, oder das Männlein und das Weiblein sehen einander dermassen gleich, daß man auch den geringsten Unterscheid nicht wird machen können, ausser daß der Hahn unter denen Flügeln auf ieder Seiten zwey schwartze Flecklein auf denen Federn neben einander sitzend hat, in der Grösse einer grossen Steck-Nadel-Koppe, welches iedoch genau will wahrgenommen seyn; in der Jugend aber, wenn sie aufgeätzt werden, geben die Männlein sich durch ihr Dichten bald zu erkennen. Sie halten sich nirgend anders, als im Walde auf, und suchen ihre meiste Nahrung darinnen, ob sie gleich zu Zeiten auf die Felder und Wiesen hinaus fallen, um daselbst Würme zu suchen. Jm Winter fliegen sie an etlichen Orten wol auch in die Gärten, wo sie Aepffel-Bäume finden, auf denen Mistel-Beere wachsen. Sie brüten des Jahrs zweymal, und das erste mal sehr früh, gleich im Martio, machen das Nest gemeiniglich im schwartzen Gehöltze auf Tannen- oder Fichten-Bäumen sehr hoch, wo aber grosse Eichen-Wälder sind, nisten sie auch vielfältig auf hohen Eichen, und haben meistens vier oder fünff Junge. Sein Gesang, den er auf den höchsten Gipffeln der Bäume, wiewol nur im Frühling hören lässet, ist sehr lieblich, und wie wild er von Natur ist, so zahm wird er hingegen, wenn er aus dem Neste genommen, und aufgezogen wird, so daß er auch auf der Hand singet, sonsten aber ist nicht viel mit ihm anzufangen, massen er von schlechter Gelernigkeit ist, doch solte er, wenn er sehr jung zu andern Sing-Vögeln gethan würde, noch etwas nachmachen lernen. Man hat aber nicht nöthig mit dem Mistler dergleichen vorzunehmen, weil sein Pfiff von Natur angenehm ist. Worbey, (wenn man ihn nemlich bey seinem natürlichen Gesang lassen will) doch dieses noch zu mercken, daß ein junger Vogel, es sey was es für einer wolle, der weder einen Alten seines gleichen höret, noch einen Jungen um sich hat, auch auf seinen natürlichen Gesang nicht völlig kommen kan, sondern gantz unannehmlich singet; wenn aber nur zween Junge beysammen sind, so hilfft einer dem andern durchdichten, daß sie endlich, wiewol viel langsamer, als wenn sie einen Alten hören, auf den rechten Gesang gerathen. Jm Sommer wird er mit dem Käutzlein auf den Feld- oder Platt-Bäumen, nach diesem aber im Herbst mit den Drosseln auf denen Heerden, und in Donen gefangen. Sie sind einander sehr gehäßig, und wo sie ihres gleichen auf den Bäumen erblicken, will einer den andern hinweg treiben, daher die Vogel-Steller einen zahmen Mistler in einem Vogel-Bauer oder Käficht an einem Baum hencken, und oben auf ein Netze oder Leim-Spindel stellen, darin der fremde auf diesen begierig stossende Vogel im Herbste gefangen wird, und das heisset man den
Mistler-Stich, so denen Vogelfängern nach einem gewissen Bezirck in Pacht verlassen wird, dafür sie ein gewisses Geld oder etliche Mandel Vögel geben müssen, und werden ieglichem seine Grentzen angewiesen, darüber er nicht schreiten darff. Dieser so genannte Mistler-Stich gehet von Allerheiligen an, und währet den gantzen November durch, denn weil die Erde um solche Zeit zu gefrieren beginnet, und die Mistler das Gewürme nicht mehr aus der Erde kratzen können, so wehlet sich von denen, die nicht im Strich mit weggegangen, sondern im Winter da bleiben, ein ieder einen oder auch mehr Bäume aus, auf welchen Misteln wachsen, und leidet auf denselben oder auf den nächsten Bäumen seines gleichen durchaus nicht, alsdenn hänget man in einem Vogel-Haus einen zahmen Mistler, der darzu gewöhnet wird, an denselbigen Baum, und thut entweder Leim-Spindeln, oder ein solches Stich- oder Fall-Häuslein, durch welches der wilde Vogel den zahmen sehen kan, auf das Vogel-Haus, da denn der zahme Vogel, so bald er den wilden hört, oder auch wol, ehe er ihn höret, wenn er nur vermuthet, es möchte einer zugegen seyn, denselben anschreyet, und dadurch verursachet, daß der andere gantz blind vor Zorn auf ihn herunter stößt, und entweder an den Spindeln kleben bleibet, oder das oben angemachte Garn, vermittelst einer eisernen Feder, sich über den Kopff zuschlägt. Auf diese Art kan man in einem Tage zwantzig und mehr Stück fangen, sonderlich bey kaltem Wetter, wenn es reiffet und ein Schnee fallt; man muß aber die Lock-Vögel auswechseln, daß sie nicht matt werden. So lange dieser Vogel in der Freyheit ist, ernährt er sich fast, wie der Krammets-Vogel von Gewürmen und Beeren, sonderlich im Winter von den Mistel-Beeren, im Vogel-Haus aber frisset er weitzene Kleyen, Gerste, Grieß, und ein wenig gestossenen Hanff, mit Wasser oder süsser Milch geweicht, dergleichen Futter man insonderheit denen Lock-Vögeln täglich dreymal, und allezeit frisch Wasser dazu giebt. Läßt man ihn aber in einer Stube herum lauffen, so nimmt er mit etwas schlechtern vorlieb, wie die Amsel und Drossel. Seine beste Speise, mit der man ihn erfrischen kan, sind Mistel-Beere, und allerhand Gewürme, Heuschrecken, Mayen-Käfer und dergleichen; nach andern Beeren, als Wacholder-Beeren, Vogel- oder Ebereschen-Beeren und dergleichen, ist er nicht so begierig, als die Krammets-Vögel und die Amseln.