FeedHegel (Georg Wilh. Friedr.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Hegel (Georg Wilh. Friedr.), einer der einflußreichsten Philosophen der neuern Zeit, geb. 27. Aug. 1770 zu Stuttgart, wurde teils dur Privatlehrer, teils auf dem dortigen Gymnasium für die Universität vorbereitet und widmete sich dann in dem theol. Stift zu Tübingen 1788— 93 dem theol. und philos. Studium. In das Studium der Philobe wurde er teils durch die Alten, teils durch Kantschen Schriften eingeführt. Nachdem er seine Studien durch das theol. Kandidatenexamen abgeschlossen, lebte er als Hauslehrer in Bern (1793—96), dann in Frankfurt a. M. (1797 — 1800). Diese Zeit war für seine Entwickelung einflußreich durch histor. und polit. Studien. Allmählich jedoch wurde die Philosophie, die damals nach einer kurzen Alleinherrschaft des Kantschen Kritizismus einen raschen Umschwung durch Fichte und Schelling erfahren hatte, immer entschiedener der Mittelpunkt seiner Arbeiten. Die ersten Entwürfe eines Systems der Philosophie fallen noch in die Zeit seines Aufenthalts in Frankfurt. Anfang 1801 ing H. nach Jena, um sich als Docent der Philosophie zu habilitieren. Er that dies, nachdem er vorher «Küber die Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems» (Jena 1801) geschrieben hatte, mit der Abhandlung De orbitis planetarumo (Jena 1801) und gab bald darauf mit Schelling, mit dem er schon im tübinger Stift eine vertraute Bekanntschaft geschlossen und mit dessen philos. Ansichten er sympathisierte, das Kritische Journal der Philosophies (Tüb. 1802) heraus. In jenem Buche sowie in den diesem Journal einverleibten Aufsätzen: „Glauben und Wissen » u. s. w., läßt H. schon eine entschiedene Selbständigkeit gegenüber den nächst vorhergegangenen Systemen erkennen. In den folgenden Jahren arbeitete er die Phänomenologie des Geistes» aus, welche damals als der erste Teil des „Systems der Wissenschafto (Bamb. 1807) erschien. In diesem, H.s Eigentümlichkeit am frischesten darstellenden Werke, welches er selbst seine Entdeckungsreisen nannte, suchte er nachzuweisen, wie das Subjekt von der Unmittelbarkeit des gemeinen Bewußtseins allmählich auf den Standpunkt des spekulativen Denkens oder der Philosophie fortgetrieben werde, und entwickelte dabei zum ersten mal die ihm eigentümliche dialektische Methode. Er war 1806 außerord. Professor der Philosophie in Jena geworden, ging aber noch in demselben Jahre, nachdem die Schlacht von Jena alle dortigen Verhältnisse gestört, auf Niethammers Veranlassung nach Bamberg und redigierte daselbst einige Zeit eine polit. Zeitung, bis er im Herbst 1808 zum Rektor des Gymnasiums zu Nürnberg und zum Professor der philos. Vorbereitungswissenschaften ernannt wurde. Hier arbeitete er seine „Wissenschaft der Logiko (3 Bde., Nürnb. 1812—16) aus. Im Herbst 1816 wurde er durch Daubs Vermittelung als Professor der Philosophie nach Heidelberg berufen, wo er seine Encyklopädie der philos. Wissenschafteno (Heidelb. 1817; 3. Aufl. 1830) herausgab. Schon 1818 jedoch folgte er dem Rufe nach Berlin als Professor der Philof ophie an Fichtes Stelle. Gleich anfangs fand er hier viele Zuhörer, und Männer aus allen Ständen besuchten seine Vorträge. überhaupt begann erst mit seiner übersiedelung nach Berlin, wo er auch die «Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder Naturrecht und Staatswissenschafto (Berl. 1821) herausgab, seine Philosophie in Deutschland und namentlich in Preußen Epoche zu machen. Die 1827 in Gemeinschaft mit seinen Anhängern gegründeten Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik“ wurden ein wirksames Organ für die Verbreitung seiner Lehre, und die Gunst des Ministers von Altenstein sicherte dieser Lehre zugleich eine große hl akademischer Lehrstühle auf den preuß. Universitäten. So stand H. im Mittelpunkte einer zahlreichen Schule und war mit einer neuen Ausgabe seiner »Logiko beschäftigt, als ihn die Cholera 14. Nov. 1831 wegraffte. Vgl. Rosenkranz, „H.s Lebeno (Berl. 1844). Kurze Zeit nach seinem Tode vereinigten sich mehrere seiner Schüler zu einer Gesamtausgabe seiner Werke (18 Bde., Berl. 1832—41), unter die auch seine Vorlesungen über die Religionsphilosophie, Asthetik, Philosophie der Geschichte und Geschichte der Philosophie aufgenommen wurden. In Veranlassung der Jubiläumsfeier wurde ihm 1870 zu Berlin seitens der Universität ein Denkmal (von Bläser) errichtet. ö Das Verhältnis der Hegelschen Philosophie 50 den unmittelbar vorhergehenden Systemen ist adurch bezeichnet, daß H. die Voraussetzung einer absoluten Identität zwischen dem Wissen und dem Sein, dem Gedanken und der Wirklichkeit, dem Subjektiven und Obiektiven aus der Schellingschen Identitätsphilosophie sich aneignete. Aber er sagte sich frühzeitig von der Art und Weise Schellings los, diese Identität samt ihren innern Gegensätzen durch das Medium einer bloßen intellektuellen Anschauung zu betrachten, ging vielmehr auf die Methode der transscendentalen Logik Kants zurück, und zwar in einer ähnlichen Weise, wie hierzu bereits in der deduktiven Methode der Fichteschen Wissenschaftslehre der Anfang gemacht worden war. Ist nämlich die Ordnung und Verknüpfung unserer Gedanken die Ordnung und Verknüpfung der Dinge selbst untereinander, wie die Kantsche Kritik lehrt, so muß die allgemeine Form im Laufe des objektiven Geschehens mit der Form in der Entwickelung unserer Gedanken a priori genau übereinstimmen und umgekehrt. Die allgemeinste Form dessen, was da erscheint, ist aber das Werden; alles Werdende erscheint als ein solches, welches zugleich ist und nicht ist, was es ist. Indem es ein anderes wird, negiert es sich, und diese immanente Negation, durch welche es sich dauernd erhält und durch immer neue Gestalten sein Dasein bereichert, erscheint als sein Wesen. Auf diese Weise erklärt H. die Kimmanente Negativitäto für die Form und den Ausdruck eines Denkens, dessen Bewegungen, mit dem Prozesse des Werdens identisch, ihm vollkommen korrespondieren. Die dialektische Methode ist daher nach ihm ein mit dem Prozesse der Sache selbst identischer Prozeß des Denkens, welcher durch Auflösung jedes Begriffs in sein eigenes Gegenteil und die dadurch vermittelte Erhebung desselben zu einem reichern Inhalt sich zum absoluten Wissen fortarbeitet. Das System der Philosophie gliedert sich in drei große Gedankenkreise. Der erste Teil ist die Logik, als die Sein ats der Idee an sich, die in die Lehre vom Sein, als dem Unmittelbaren und Voraussetzungslosen, vom Wesen, als der Reflexion und der Vermittelung der Idee mit sich, und dem Begriff oder der Idee, als der Rüctkehr des Begriffs in sich, zerfällt. Der zu sich selbst gekommene Beff geht in sein Gegenteil, die Natur, über. Da der Naturphilosophie, als des zweiten auptteils, bezeichnen dann der mechan., der physik. und der organische Prozeß die drei allgemeinsten Stufen oder Momente. Aber die Idee faßt sich endlich aus ihrer Entfremdung in der Natur wieder zusammen, kommt als Geist zu sich, wird aan und für sicho, was sie in der Logik can sicho und in der Natur «außer sicho war, und die Darlegung der Momente, durch welche dies geschieht, ist die Philosophie des Geistes, der sich von den Stufen des subjektiven durch die des objektiven zu denen des absoluten Geistes erhebt. Während hier die anthropol. und psychol. Erscheinungen dem Gebiete des subjektiven, die rechtlichen und sittlichen Begriffe dem des obiektiven untergeordnet werden, bezeichnen die Kunst, die afelute und die Philosophie die Momente des absoluten Geistes. Die Hische Philosophie charakterisiert sich demnach erstlich durch ihr Prinzip, als den positiven Begriff des Geistes, im Gegensatz zu der vagen Schellingschen Indifferenz des Subiektiven und Objektiven; zweitens durch ihre Methode der Dialektik, welche Kant bereits in den Antinomien seiner Vernunftkritik in negativer Weise handhabte, H. aber in positiver Weise durchführte. H. nimmt hierdurch in der Geschichte der Logik die Stellung ein, das durch Kant eingeleitete Verhältnis eines unzertrennlichen Ineinandergreifens von Logik und Metaphysik zur Ausführung gebracht und dadurch sämtliche Denkgesetze, Kategorien, Begriffsformen und Methoden in ein allgemeines System vereinigt zu haben, in welchem zugleich jeder einzelne Zweig des Wissens aus allen Erfahrungsgebieten seine Stelle findet, sodaß ihm hier sein Umfang, seine Grenze, sein Wert, seine Bedeutung, seine Methode und sein Zusammenhang mit allen übrigen Zweien des Wissens bestimmt und bewiesen wird. Durch einen so großartig gedachten encyklopäd. Plan war es hauptsächlich, daß die H.sche Philosophie vor allen übrigen mit ihr wetteifernden Schulsystemen ihr übergewicht gewann. An diesem encyklopäd. Plane hielt daher auch anfangs die Schule streng fest, wobei sie die Anwendung der dialektischen Methode auf die Zweige einzelner Disciplinen mit emsiger Geschäftigkeit fortsetzte. So wurde die Psychologie als die Wissenschaft des subjektiven Geistes zunächst von Rosentranz, dann von Erdmann und Schaller gefördert. In der Jurisprudenz war es Gans, der das ewige Recht der praktischen Vernunft gegen die histor. Schule vertrat und das Erbrecht in seiner weltgeschichtlichen Ausbildung entwickelte. Die Moral bearbeitete Michelet; die Asthetik und Kunstgeschichte wurden von Hinrichs, Holhb, Rosenkranz, Vischer, Ruge, Schnaase betrieben. Am lebhaftesten wurde die Bewegung in der Religionsphilosophie durch die Mitleidenschaft, in welche sich die Theologie gezogen sah. Wie Kant, Fichte und Schelling gethan, so suchte auch H., und mit ihm Daub, Marheineke, Rosenkranz, Göschel, Vatke u. a., den ewigen Vernunftgehalt des Christentums in seinen histor. und symbolischen Formen nachzuweisen. Aber mit diesem Streben zerfiel die H.sche Schule durch den Streit über die Christologie, den vorzüglich Strauß durch sein Leben Jesuo (1835) anregte und durch seine Christl. Glaubenslehrer (1840) nährte. Es bildete sich eine supranaturalistische, eine rationalistische und eine vermittelnde rationellmystische Cemtem die man die Rechte, die Linke und das entrum der Haschen Schule zu nennen pflegte. Für die Geschichte der Philosophie, in der H. selbst als ein wahrhafter Gelehrter viel geleistet, ist seine Schule in Feuerbach, Schwegler, Zeller, Erdmann, Kuno Fischer vorzüglich thätig gewesen. Die „Jahrbücher für wissenschaftliche Kritiko (1827—47 durch Henning redigiert) galten gewissermaßen als das Organ der Orthodorie der H.schen Doktrin bis 1841, wo Schelling nach Berlin kam. ö Das Bedürfnis, den gleichsam häretischen Ansichten der jüngern Hegelianer einen ungenierten Ausdruck zu ermöglichen, hatte indessen Ruge und Echtermeyer schon 1838 veranlaßt, die «Halleschen Jahrbüchero zu gründen. Infolge der kölner Streitigkeiten gerieten die Junghegelianer mit Leo in Kampf, der sie des Atheismus anklagte. Schubart und andere gesellten zu dieser Anklage die der Revolution. So ward die Hische Philosophie, die zu Lebzeiten H.s für kirchlich und politisch konservativ gegolten, als destruktiv verurteilt. Ruge verlegte seine Zeitschrift von Halle nach Leipzig und nannte sie Deutsche Jahrbüchero, die aber 1847 ebenfalls dem Verbot erlagen. Seit dieser Zeit hat der Hische Denkweg sich in einer freiern Weise als früher weiter entwickelt, nämlich in Gestalt einer fortgesetzten Arbeit auf den Grundlagen der Kantschen Kritik und der Fichteschen Wissenschaftslehre, indem einerseits bedeutende Repräsentanten der Schule sich erhebliche Abweichungen im System erlaubten, wie K. Werder in seiner (Logik' (Berl. 1841), Rosenkranz in seiner «Wissenschaft der logischen Idee (2 Tle, Königsb. 1858 59), Kuno Fischer in seiner Logik und Metaphysik oder Wirtschaftslehres (Stuttg. 1852; 2. Aufl. 1865); andererseits Männer von entgegengesetzten Weltansichten, wie J. H. Fichte, Weiße, K. Ph. Fischer, Chalybäus, Wirth, Ulrici, Carriere, sich der dialektischen Methode bei ihren Arbeiten bedienten und dadurch von seiten der strengen Schulanhänger sich den Namen der Pseudo-Hegelianer zuzogen. Während nun diese nicht unbedeutende Schar von außen her zur Anfrischung und Erneuerung der Schule in dieselbe einrückte und sich gleichsam gewaltsam darin Quartier erbat, reinigte sich die Schule von innen her dadurch, daß ihre in Materialismus auslaufenden Zweige (Feuerbach, Moleschott, Noack) förmlich sich von ihr trennten. Dagegen hat sich die Schule der strengen Observanz seit 1860 in der philos. Zeitschrift (Der Gedanke, Organ der Philosophischen Gesellschaft zu Berlin» (herausg. von Michelet) ein Werkzeug ihres festen Bestandes und Einverständnisses gegründet. Im Auslande hat sich das Studium der H. schen Philosophie mehr und mehr verbreitet. In Frankreich hat Cousin so lange für sie gewirkt, bis er nach H.s Tode zu Schelling übertrat und von hier ab dessen Polemik teilte. Diese Polemik blieb in Frankreich vorherrschend, bis man neuerdings (seit Benard) ein selbständigeres und eindringenderes Studium H.s vornahm, welches sich sowol in übersetzungen der H.schen Werke als in raisonnierenden Darstellungen ihres Inhalts bekundete. Warme Anhänger fand das Hische System in Dänemark (Heiberg, Martensen), Schweden und Finland (Snellmann, Tengström, Bring), Norwegen (Monrad). Später drang das Studium H.s nach Italien, wo es durch Desanctis, den Rechtsphilosophen Salvetti, den Asthetiker Trani und ganz besonders durch Vera vertreten ist, und in neuerer Zeit nach England, wo es, durch Hutchison Stirling (The secret 0f H.v, 2 Bde., Lond. 1865) eingeführt, namentlich auf dem Gebiete der Ethik zahlreiche Anhänger gefunden hat. Vgl. Haym, «H. und seine Zeito (Berl. 1857); Köstlin, 4H. in philos., polit. und nationaler Beziehung (Tüb. 1870); Rosenkranz, 4«H. als deut⸗

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 14Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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