FeedHerzfehler (Vitia cordis)
HeilkundeBrockhaus 1882

Herzfehler (Vitia cordis), krankhafte Abweichungen von dem normalen Bau des Herzens, sind entweder angeboren oder erworben und immer mit mehr oder weniger schweren Störungen des Blutkreislaufs verbunden. Die angeborenen Herzfehler (xitia cordis congenita) bestehen am häufigsten in einer abnormen Kommunikation der beiden Vorhöfe (durch Offenbleiben des ovalen Lochs) oder Herzkammern (durch fehlerhafte Bildung der Kammerscheidewand) und geben sich, da bei ihnen im Herzen infolge des angegebenen Defekts eine Vermischung des Arterien- und Venenbluts eintritt, durch auffallende Blausucht (s. d.) des Körpers, Herzklopfen, Atemnot und mangelhafte Ernährung zu erkennen. Die meisten Kinder dieser Art sterben schon in den ersten Lebensjahren; nur wenige erreichen das Jünglingsalter. Die erworbenen Herzfehler (vitia cordis acquisita) entstehen immer durch eine Entzündung der innern Herzhaut (endocarditis) und betreffen gewöhnlich den Klappenapparat des Herzens, weshalb sie auch als Herzklappenfehler bezeichnet werden. Diese Entzündung der innern Herzhaut tritt besonders häufig im Verlauf des akuten Gelenkrheumatismus auf. Die entzündeten Klappen pflegen sehr bald zu schrumpfen, sich zu verkürzen und mit Kalksalzen zu inkrustieren, wodurch sie in oft steinharte Gebilde verwandelt und unfähig werden, die betreffende Kammer⸗ oder Pulsadermündung hinreichend fest zu verschließen; es entsteht eine sog. Klappeninsufficienz, infolge deren ein Teil des Bluts eine rückläufige Bewegung erfährt und der ganze Blutumlauf empfindlich gestört wird. Häufig gesellt sich zu dieser Insufficienz der Herzklappen auch noch eine widernatürliche Verengerung (Stenose) der betreffenden Kammer- oder Pulsadermündung, indem die geschrumpften Klappensegel an ihrem freien Rande miteinander verwachsen, wodurch natürlich der schon durch die Insufficienz gestörte Blutlauf durch das Herz nur noch mehr erschwert und gestört wird. Solche Klappenfehler finden sich am häufigsten an der zweizipfeligen oder Mitralklappe und an der Aortenklappe. Mit Sicherheit erkennen läßt sich das Vorhandensein eines H. nur durch eine genaue physik. Untersuchung der Brustorgane (vermittelst Beklopfens und Behorchens), da alle subjektiven Beschwerden, die bei H. sich einstellen, wie Herzklopfen, Beängstigung und Atemnot, Blausucht, wassersüchtige Anschwellungen u. dgl., an und für sich durchaus nichts Charakteristisches darbieten, sondern fast allen Herzkrankheiten gemeinsam sind. Übrigens tritt unter günstigen Verhältnissen und bei vorsichtiger Lebensweise des Kranken gewöhnlich eine teilweise Ausgleichung (Kompensation) der durch den Klappenfehler gesetzten Nachteile ein, indem die betreffende Herzkammer durch eine Vermehrung ihrer Muskelsubstanz beträchtlich vergrößert (hypertrophisch) und dadurch befähigt wird, den durch den unvollständigen Klappenver-WOus gesetzten Widerstand leichter zu überwinden. (S. Herzhypertrophie.) Kranke mit H. können aus diesem Grunde recht wohl ein höheres Alter erreichen, wenn sie eine streng geregelte und vorsichtige Lebensweise beobachten und durch sorgsame Vermeidung aller Schädlichkeiten eine Erlahmung ihres hypertrophischen Herzmuskels und damit eine Störung der gebildeten Kompensation verhüten. Sie müssen sich vor allen Dingen jederzeit vor allen geistigen und Apoeicher (auch geschlechtlichen) Anstrengungen, vor Gemütsaufregungen jedweder Art, sowie vor erhitzenden und aufregenden Speisen und Getränken sorgfältig hüten; ihre Kost sei nahrhaft, doch leicht verdaulich (Milch, Buttermilch, Eier, leichtes Fleisch, Gemüse, Mehlspeisen und Obst). Kaffee und Thee, sowie alle gewürzten und blähenden Speisen sind ganz zu verbieten, Wein und Bier nur in geringen Mengen statthaft; auf regelmäßige Stuhlentleerung ist sorgsam zu achten. Weiterhin sind mäßige Bewegung im Freien, trockene sonnige Wohnräume, ein luftiges Schlafzimmer und hinreichender Schutz vor Erkältungen für Kranke mit Klappenfehlern durchaus erforderlich, wenn sie sich wohl befinden und ein höheres Alter erreichen wollen. Bei heftigem Herzklopfen und aufgeregter Herzthätigkeit sind kühlende Getränke, kalte Umschläge oder Eisbeutel auf die Herzgegend, unter Umständen die Digitalis anzuwenden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 172Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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