FeedHerz (cor)
HeilkundeBrockhaus 1882

Herz (cor), der Mittelpunkt oder das Centralorgan des Gefäßsystems und somit der ganzen Ernährung, des Stoffwechsels oder Lebens im menschlichen und tierischen Körper, stellt beim Menschen einen hohlen, halbkegelförmigen, muskulösen, etwa faustgroßen Körper dar, dessen Gewicht bei Männern durchschnittlich 350 g, bei Weibern 310 g beträgt und welcher seine Lage im vordern untern Teile der Brusthöhle, dicht hinter dem Brustbein hat. (S. die Tafel: Die Brusteingeweide des Menschen, Fig. II, 10—13.) Er liegt hier, und zwar nicht genau in der Mittellinie des Körpers, sondern mehr nach links zu, in schräger Richtung zwischen den beiden Lungen und ruht mit seiner Spitze und einem Teile seiner hintern Wand au dem Zwerchfell auf, sodaß seine Grundfläche na rechts, oben und hinten, seine Spitze aber na links, unten und vorn gekehrt ist. Das H. wird von dem Herzbeutel (Pericardium) allseitig umschlossen, einem häutigen, nach Art einer eingestülpten Zipfelmütze gestalteten doppelten Sacke, dessen inneres (sog. viscerales) Blatt die gesamte Oberfläche des Herzens als glatte, zarte, glänzende Haut in inniger Verwachsung überzieht, Wahnend sein äußeres (sog. parietales) Blatt das H. bis über die Abgangsstelle der 220 Gefäßstämme als ein lockerer, mäßig weiter Beutel umschließt und teils mit den beiden Brustfellsäcken, teils mit dem Zwerchfell und mit der vordern Brustwand innig verwachsen ist. (S. die Tafel: Das Herz des Menschen, Fig. I, 1.) Zwischen den beiden Blättern des Herzbeutels befindet sich die 100 des Herzbeutels, welche von einer geringen Menge einer klaren, serösen, der Erleichterung der Herzbewegungen dienenden Flüssigkeit, dem Herzbeutelwasser (liquor pericardii), erfüllt wird. An dem H. selbst, dessen Gestalt der eines flachgedrückten Kegels gleicht, pflegt man zu unterscheiden: die Spitze (apex s. mucro, Fig. I, 6), welche abgerundet ist und die vordere Brustwand be die Basis, die breite, nach rechts, oben und hinten gekehrte Fläche, welche die Abgangsstellen der großen Gefäßstämme enthält (s. Fig. I, 7 und 8); eine vordere (obere) konvexe und eine hintere (untere) glatte Fläche; zwischen beiden zwei abgerundete Seitenränder. In der Mitte der vordern Fläche zieht eine seichte Längsfurche (sulcus longitudinalis, s. Fig. IV, 8) von der Basis bis zur Spitze herab, welche das H. äußerlich in eine rechte und linke Hälfte teilt und der in der Höhle des H. angebrachten muskulösen Scheidewand entspricht. Diese Längsfurche wird rechtwinkelig durch die rings um das H. herumlaufende Ring⸗ oder Querfurche (sulcus circularis s. coronalis) geschnitten, welche äußerlich die Grenze zwischen den Vorhöfen und den Herzkammern zu erkennen gibt. In seinem Innern wird das H. durch eine der Länge nach sich herabziehende, in ihrer Richtung äußerlich durch die Längsfurche angedeutete muskulöse Scheidewand (septum cordis, . Fig. II, 4; IV. 6) in eine rechte und eine linke Hälf te geschieden, von denen die erstere, weil sie dunkles (venöses) Blut enthält und dem Lungenkreislauf vorsteht, wohl auch als Lungen herz bezeichnet wird, während die letztere hellrotes (arterielles) Blut umschließt und wegen ihres Zusammenhangs mit der großen Körperpulsader auch Aortenherz genannt wird. Beim geborenen Menschen besteht durchaus keinerlei Verbindung zwischen den beiden Herzhälften, während dieselben beim Embryo (s. d.) durch eine offnung, das sog. ovale Loch, miteinander kommunizieren. Jede Herzhälfte wird aber wiederum durch eine besondere Querscheidewand in eine obere und eine untere Abteilung getrennt, welche durch eine längliche Offnung in der Querscheidewand miteinander in Verbindung stehen und äußerlich durch die Querfurche voneinander abgetrennt werden. Die obere dieser Abteilungen wird als Vorkammer oder Vorhof (atrium cordis), die untere als Herzkammer (Lentriculus cordis) bezeichnet, sodaß das H. im ganzen vier ungefähr gleich geräumige Höhlen, eine rechte und eine linke Vorkammer ig. I, 3, 5; II, 11, 12), sowie eine rechte und linke erzkammer (s. Fig. I, 2, 4; II, 5, 6; IV, 4, 5) enthält. Die muskulösen Wände der Vorhöfe, deren jeder eine blinde sackförmige Ausstülpung, das sog. Herzohr (auricula cordis), besitzt, sind dünn, während diejenigen der Herzkammern weit fleischiger sind; die Wand der linken Herzkammer ist drei⸗ bis viermal so dick als die der rechten. In jede Vorkammer münden mehrere große Blutaderstämme ein, nämlich in die rechte die beiden Hohladern, die obere und die untere (Vena cava superior, s. Fig. II, 15, und die vena cava inferior, s. Fig. II, 16), sowie die große Herz⸗ oder Kranzblutader (vVena coronaria cordis), in die linke die vier Lungenblutadern (venae pulmonales). Aus jeder Vorkammer führt eine geräumige ovale, von kräftigen Faserringen umgebene Offnung, die sog. Vorhofs-Herzkammermündung (ostium atrio-ventriculare s. ostium venosum ventriculi) herab in die zugehörige Herzkammer. In unmittelbarer Nähe der Vorhofs⸗-Herzkammermündung, etwas nach innen zu, befindet sich in jeder Herzhälfte in der Querscheidewand noch eine zweite ähnliche runde offnung, die Herzkammer-Pulsadermündung (ostium arteriosum ventriculi), durch welche man aus der betreffenden Herzkammer in einen großen Pulsaderstamm gelangen kann, und zwar führt die rechte offnung aus der rechten Herzkammer in die Lungenpulsader (arteria pulmonalis, s. Fig. II, 9), die linke aus der linken Herzkammer in die große Körperpulsader (aorta, s. Fig. II, 10). An jeder dieser vier Offnungen befinden sich eigentümliche häutige Gebilde, die sog. Herzklappen (valvulae cordis), angebracht, welche den Blutumlauf im Herzen nach Art von Ventilen regulieren und das Durchströmen des Bluts nur in einer ganz bestimmten Richtung gestatten. An den beiden Vorhofs⸗-Kammermündungen bestehen die Klappen aus segel-oder zipfelförmigen, nach unten spitz zulaufenden häutigen Lappen, welche durch zahlreiche, von besondern Abschnitten des Herzmuskels, den sog. Warzen-oder Papillarmuskeln (musculi papillares, s. Fig. II, 17) ausgehende Sehnenfäden (chordae tendinéeae) gespannt erhalten werden, bei der Rückstauung sich aber aneinander legen und so die Vorhofs-Kammermündung verschließen. Die Klappe der linken Vorhofs-Kammermündung besteht aus zwei solchen Hautzipfeln und heißt deshalb die zweizipfelige oder Mützenklappe (valvula bicuspidalis s. mitralis, s. Fig. II, 8; III, 7), während die Klappe der rechten Vorhofs-Kammermündung aus drei häutigen Zipfeln besteht und deshalb als dreizipfelige Klappe (vabvula tricuspidalis, s. Fig. II, 7; III, 3) unterschieden wird. Anders an den beiden Pulsadermündungen, an welchen der Klappenapparat von drei nach oben offenen, in einen Kreis zusammengestellten, halbmondförmigen Taschen gebildet wird, die sich an die Wand der Arterie anlegen, wenn das Blut in dieselbe einströmt, sich aber durch das zurückfallende Blut füllen und aneinander legen, wenn die Herzkontraktion nachläßt; der Klappenapparat der linken Pulsadermündung wird als Aortenklappen (valvulae semilunares aortae, s. Fig. II, 10; III, 10), der der rechten als Lungenpulsader-oder Pulmonalklappen (valvulae semilunares pulmonales, s. Fig. II, 9; III, 9) bezeichnet. Das Innere sämtlicher Herzhöhlen, mit Einschluß der Herzklappen, wird von einer außerordentlich dünnen und zarten Haut, der sog. innern Herzhaut (endocardium) überkleidet, welche ohne Unterbrechung in die innere Haut (endothelium) der großen Gefäßstämme übergeht. Das Muskelfleisch des H. besteht aus langen, schmalen, quergestreiften Muskelfasern, die sich vielfach gabelartig teilen und teils Wenzhertuul teils in Achtertouren um die Herzhöhlen herumlaufen; durch ihre Kontraktion bewirken sie eine gleichmäßige Verengerung der Herzhöhlen. Bei fettsüchtigen Personen kommt es nicht selten zu einer fettigen Entartung der Muskelfasern des H., durch welche die letztern mehr oder weniger untauglich für ihre physiol. Verrichtungen werden. (S. Herzverfettung.) Ernährt wird das H. durch besondere, aus der Aorta entspringende Gefäße, die beiden Kranzpulsadern (arteriae coronariae cordis), die in Begleitung der zugehö— rigen Blutadern in den Längs- und Querfurchen des H. verlaufen und sich sodann in der Herzmuskulatur verzweigen. (S. Fig. I, 9; IV, 7 und 8.) Das H. besitzt auch einen eigenen, mit zahlreichen Ganglienzellen versehenen Nervenapparat, der im Herzfleisch eingebettet ist und teils von Zweigen des zehnten Gehirnnervenpaars (nervus vagus), teils des sympathischen Nerven gebildet wird. Die Thätigkeit des H. besteht während des ganzen Lebens in ununterbrochen und rhythmisch erfolgenden Zusammenziehungen und Erschlaffungen seiner kontraktilen Fleischwände, wodurch seine Höhlen abwechselnd verengt und erweitert werden, das in ihnen enthaltene Blut periodisch in die gron Gefäßstämme hineingepreßt und so der gesamte lutumlauf des Körpers hervorgerufen und unterhalten wird. Der Blutlauf im H. geht hierbei in folgender Weise vor sich: während der Erschlaffung oder Diastole des H. sammelt der rechte Vorhof das durch die obere und untere Hohlvene aus allen Körperteilen dem H. zuströmende venöse (dunkelrote) Blut, welches hierauf aus dem Vorhof durch die rechte Vorhof-Kammermündung in die rechte Herzkammer fließt; aus dieser wird es bei der Zusammenziehung oder Systole des H., bei der sich die dreizipfelige Klappe schließt und die rückläufige Bewegung des Bluts nach dem Vorhof zu verhütet, durch die rechte Pulsadermündung in die Lungenpulsader und durch diese in die Haargefäße der Lungen gepreßt, wo es in Berührung mit der Lungenluft Kohlensäure abgibt und Sauerstoff aufnimmt (hellrot oder arteriell wird). Die Lungenkapillaren hingegen sammeln sich zu vier Lungen-⸗ venen, welche in den linken Vorhof des H. einmünden, aus welchem sich das Blut während der Dia—⸗ stole in die linke Herzkammer ergießt. Aus der letztern wird das Blut bei jeder Kontraktion des Herzmuskels, bei welcher sich gleichzeitig die zwei— zipfelige Herzklappe schließt und den Weg nach dem Vorhof versperrt, mit großer Kraft durch die linke Pulsadermündung in die Hauptschlagader (aorta) getrieben, von wo aus es sich durch die Schlag— adern des Körpers verteilt und die Haargefäße durchströmt, um durch die Venen wieder zum Vorhof des H. zu gelangen. Der Lauf des Bluts aus der rechten Herzhälfte durch die Lungenpulsader in die Lungen und aus diesen durch die Lungenblutadern zum linken Vorhof zurück heißt der Kleine oder Lungenkreislauf, der aus der linken Herzkammer durch die Aorta und ihre Zweige zu allen Körperteilen und aus diesen durch die Hohladern het rechten Vorhof zurück der Große oder Körperreislauf. (S. Kreis lauf des Bluts.) Da das H. ganz nach Art einer Druckpumpe wirkt, so ist es für das ungestörte und regelmäßige Vonstattengehen seiner Funktionen ganz unerläßlich, daß der oben beschriebene vierfache Klappenapparat zur rechten Zeit genau und sicher schließt, daß also nach jeder Diastole des H. die an den Vorhofs-Kammermündungen angebrachten Zipfelklappen, nach jeder Systole die an den Pulsadermündungen befindlichen en Perschlus der Klappen einen rechtzeitigen festen Verschluß der betreffenden Vorhofs- oder Pulsadermündung bewirken und so das Rückwärtsfließen des Bluts verhüten. Wird der Mechanismus der Herzklappen durch krankhafte Prozesse gestört, so wird auch sofort der gesamte Blutkreislauf mehr oder minder erheblich erschwert. (S. Herzfehler.) Die beiden Vorhöfe des H. besitzen eine selbständige Bewegung, insofern sie sich einen Moment früher zusammenziehen als die Herzkammern; beide Vor 0 und beide Kammern kontrahieren sich aber für sich und stets gleichzeitig (isochron). Jede Zusammenziehung (Systole) des H. braucht nur den dritten bis vierten Teil der Zeit, den die Erschlaffung (Diastole) desselben in Anspruch nimmt; bei dieser vergrößert, bei jener verkleinert sich das H. regelmäßig. Bei jeder Herzkontraktion drängt sich das kürzer und kugeliger werdende H. mit seiner vordern Fläche und seiner Spitze stärker gegen die Brustwand an und bewirkt in der Gegend der linken Brustwarze, gewöhnlich zwischen der fünften und sechsten Rippe, eine deutlich fühlbare, oft auch sichtbare Erschütterung der Brustwand, d. i. der sog. Herzstoß oder Herzschlag (pulsus cordis), welcher dem Puls (s. d.) der Arterien eine kaum merkliche Zeit ++ r. Beim erwachsenen Menschen erfolgen in der Minute 70 — 80 Herzschläge, bei Kindern mehr (zwischen 90 und 140), bei Greisen weniger. In der Regel kommen vier Herzschläge auf einen Atemzug; bei allen fieberhaften Krankheiten sind Herzschlag und Pulsfrequenz bald mehr bald minder beschleunigt. (S. Fieber.) Legt man das Ohr oder ein Hörrohr (Stethoskop) an die Herzgegend an, so hört man zwei rasch aufeinander folgende, scharfe, reine Töne, die sog. Herztöne, aus deren Reinheit und Stärke der Arzt erkennt, ob der Klappenapparat des H. noch in Ordnung ist oder nicht. Der erste Herzton ist etwas stärker, dumpfer und länger als der zweite und ist nach der Ansicht der einen eine Folge der Zusammenziehung des Herzmuskels, also ein Muskelton, während er nach der Meinung der andern durch die Schwingungen der gespannten häutigen Zipfelklappen entsteht; der zweite Herzton ist heller und kürzer und rührt von dem plötzlichen klappenden Verschluß der halbmondförmigen Klappen her. Die Herzthätigkeit steht, wie die Thätigkeit aller Muskeln, unter dem Einflusse des Nervensystems und wird teils von besondern, im Herzfleisch selbst eingelagerten (intrakardialen) Ganglienzellen, teils von Zweigen des zehnten Gehirnnerven (nervus vagus), teils von dem sympathischen Nerven geregelt. Die intrakardialen Ganglien scheinen das H. direkt automatisch zu seiner rhythmischen Thätigkeit anzuregen, was man aus der Thatsache schließen kann, daß das ganz aus dem Körper herausgeschnittene Tierherz noch einige Zeit, bei kaltblütigen Tieren selbst tagelang fortfährt, regelmäßig und rhythmisch zu schlagen. Die Reizung des leit, wabren Nerven beschleunigt die Herzthätigkeit, während die des Vagus die letztere verlangsamt oder selbst ganz aufhebt. Der Vagus ist also ein ausgesprochener Hemmungsnerv des H. (s. Hemmung), und bei 39Der 20 desselben schlägt das H. auffallend rasch. Der Nervenapparat des H. vermittelt die Steuerung des H. in der Weise, daß Reichtum des arteriellen Bluts an Kohlensäure den Vagus vom verlängerten Mark aus lähmt und so die Herzthätigkeit beschleunigt und umgekehrt, sodaß das H. in seiner eigenen Thätigkeit seinen selbstthätigen Regulator besitzt. Auch Gemütsbewegungen beeinflussen vielfach die Herzthätigkeit und bewirken einerseits durch reflektorische Erregung des Vagus momentanen Herzstillstand, andererseits, wie bei Schreck, Angst u. dgl., eine beträchtliche Beschleunigung der Herzkontraktionen, welche wahrscheinlich auf plötzlicher Verengerung der Arterien und dadurch gesteigertem Widerstand beruht. Die stetige, obwohl von der Willkür des Menschen unabhängige, doch durch Gemütsstimmungen, wie Furcht, Schmerz, Hoffnung, Freude u. dgl., verschiedenartig modifizierte, dabei lange Zeit unerklärte und doch als mit dem Leben im innigsten Zusammenhang stehend anerkannte Bewegung des H. führte schon frühzeitig den Menschen darauf, das H. als den Sitz des Lebensprinzips, der Seele, anzusehen. Da jedoch die Modifikation der Bewegung nicht sowohl durch Gedanken als durch Gefühle hervorgebracht wurde, so schrieb man dem H. vorwiegend die Gemütsaffekte zu, im Gegensatz zu dem Kopfe, dem Sitz des Gedankens. Zwar war die Anschauungsweise in verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern voneinander abweichend, besonders in Hinsicht auf einzelne Gefühle, wie z. B. die Alten als Sitz der Liebe nicht das H. sondern die Leber betrachteten, jedoch hat sich na und nach bei den modernen Völkern der Sprach-Ausdrm allgemein herausgebildet, daß man den usdruck KHerzo für Gemüt anwendet und damit den Begriff des Angeborenen, nicht erst durch Willenskraft Erworbenen verbindet. In noch engerm Sinne versteht man unter H. nur die teilnehmenden Empfindungen und Neigungen und gebraucht so die Ausdrücke herzlich, herzlos u. a.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 166Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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