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GeschichteBrockhaus 1882

Hohes Lied oder Lied der Lieder (Canticum Canticorum), d. h. das schönste Lied, ist die Überschrift einer unter König Salomos Namen im alttestamentlichen Kanon enthaltenen Dichtung, welche unverschleiert, mit dem glühenden Sinne des Orients und in dessen lebensfrischen Bildern, bald idyllisch malend, bald in Wechselgesprächen die Geheimnisse und das Glück der Liebe schildert. Man wird es hiernach am richtigsten als erotisches Idyll bezeichnen können. Da man jedoch schon frühzeitig nicht begriff, wie ein weltliches Liebeslied in die Bibel gekommen sei, so wandten sich schön die ältesten Ausleger des Buchs der die dieb chen Auslegung zu und deuteten es bald auf die Liebe Gottes zu dem auserwählten Volke des Judentums, bald auf eine Sehnsucht der Reiche Juda und Israel zur Wiedervereinigung. Die religiöse Auslegung ging von den Juden zu den Christen über; doch erhielt sie hier einen mystischen Sinn. Origenes und Hieronymus fanden in Christus den geliebten Bräutigam, in der Kirche die Braut. Diese Deutung wurde seit Augustin in der Kirche die herrschende, und auch Luther erklärte es ähnlich und fand in der Allegorie die geistige Freude der Seele in ihrer Vereinigung mit Christus. Trotz der Einsprache des Erasmus behielt diese Auslegung in der prot. Kirche die Oberhand, wurde mit besonderer Vorliebe von den Herrnhutern ausgeführt und auch neuerdings wieder von Orthodoxen wie Hölemann vertreten. Eine nüchterne Auslegung, die in der alten Kirche nur die antiochenische Schule, namentlich Theodor von Mopsuestia, versuchte, wurde erst seit Michaelis und Herder Heobahnt, denen sich dann mit mehr oder weniger Modifikationen die Auslegungen von Stäudlin, De Wette, Ewald, Hitzig u. a. anschlossen. An Salomo als Verfasser des Liedes ist nicht zu denken; wahrscheinlich ist es in den Zeiten des geteilten Reichs, immerhin schon ziemlich früh, gedichtet worden. Die Annahme, daß Salomo sein Verfasser sei, scheint ihm mehr noch als die allegorische Deutung auf Jahve als Liebenden und die hebr. Gemeinde als Geliebte seine Stelle im Kanon des Alten Testaments gewonnen zu haben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 310Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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