FeedHoltei (Karl von)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Holtei (Karl von), namhafter deutscher Dichter, geb. 24. Jan. 1797 zu Breslau, trat 1815 als Freiwilliger in das preuß. Heer, studierte hierauf in Bres—⸗ lau die Rechte, wurde aber dann Schauspieler und debütierte 1819 als Mortimer auf der breslauer Bühne. Später entsagte er der ausübenden Kunst, verheiratete sich mit der Schauspielerin Luise Rogée und wurde nun in Breslau als Theatersekretär und Theaterdichter angestellt. Er ging darauf nach Ber— lin, wo seine Frau ein Engagement an dem königl. Dun Doifat erhielt. Hier verfaßte er seine mit großem Beifall aufgenommenen Liederspiele Die Wiener in Berlino und «Die Berliner in Wienv; auch gab er «Gedichter (Berl. 1826) heraus. Nachdem er seine Gattin durch frühen Tod verloren, schloß er sich der königsstädter Bühne an, für die er eine große Anzahl von Stücken lieferte, darunter namentlich Der alte Feldherro und Lenorey. G dieser Zeit gab er eine Sammlung «Schles. Gedichtes (Berl. 1830; 18. Aufl., Bresl. 1883; Prachtausg., Bresl. 1866) in schles. Mundart heraus, die den schles. Volkston ausgezeichnet trafen, und hielt öffentliche Vorlesungen klassischer Trauer-und Lustspiele. Mit seiner zweiten Frau, einer geborenen Holzbecher, nahm er sodann ein Doppelengagement in Darmstadt an, kehrte jedoch bereits 1831 wieder nach Berlin zurück. Hier machte er den Versuch, in seinem Stücke Ein Trauerspiel in Berlino den berliner Jargon zu Grunde zu legen. Auch lieferte er dem Komponisten Gläser den Text zu dessen beliebter Oper „Des Adlers Horsto und schrieb für Ludw. Devrient das Schauspiel „Der dumme Petero. Er entschloß sich 1833 wieder die Bühne zu betreten und schrieb zum Zwecke einer Kunstreise mit seiner Gattin eine Reihe kleiner Possen und rührender Schauspiele, unter denen namentlich die Dramen (Lorbeerbaum und Bettelstabo und «Shakspeare in der Heimaty Glück machten. Nachdem er 1837—39 das Theater zu Riga geleitet, wo er seine zweite Gattin verlor, lebte H. an verschiedenen Orten, bis er die Direktion der breslauer Bühne übernahm. Aber auch dieses Verhältnis löste sich bald wieder, und er lebte nun teils zu Graz, teils auf Reisen durch ganz Deutschland, durch seine seltene Gewandtheit als Vorleser dramatischer Gedichte, sowie durch seine liebenswürdige Persönlichkeit sich zahlreiche Freunde erwerbend. Im J. 1870 siedelte H. wieder nach Breslau über und nahm im Dez. 1876 seinen aufelhn, im Kloster der Barmherzigen Brüder daselbst, um sich fernerhin der Pflege des Ordens anzuvertrauen. Er starb daselbst 12. Febr. 1880. Ein Denkmal (von A. Rachner) wurde ihm auf der sog. Holtei-Höhe, früher Ziegelbastion in Breslau, 24. Jan. 1882 errichtet. In den „Briefen aus und nach Grafenorty (Altona 1840, sowie in den Werken Vierzig Jahrey (8S Bde., Berl. 1843—50; 3. Aufl. 1864 und Roch ein Jahr in Schlesieno (2 Bde., Berl. 1864) gab H. treffliche Bemerkungen über das deutsche Bühnenwesen und interessante Mitteilungen aus seinem vielbewegten Leben. Von H.s poetischen Werken sind noch besonders hervorzuheben seine Deutschen Liederp (2. Aufl., Schleus. 1836), eine zweite Sammlung seiner «Gedichter (Berl. 1844; 5. Aufl. 1859; Volksausg. 1861), die Stimmen des Waldes » (Bresl. 1848; 2. Aufl. 1856), poetische Naturbilder, sowie eine Reihe durch Lebenswahrheit und Natürlichkeit ausgezeichneter Romane, von denen namentlichDie Vagabundeno (4 Bde., Berl. 1852; 6. Aufl., 2 Bde., Bresl. 1880), Christian Lammfello (5 Bde., Bresl. 1852; 4. Aufl. 1878); «Ein Schneider⸗ (3. Aufl., Bresl. 1862), Noblesse oblige (2. Aufl., 3 Bde., Bresl. 1862), «Die Eselsfresserd (3. Aufl., 3 Bde., Bresl. 1862), «Haus Treustein v (3 Bde., Bresl. 1866) Beifall gefunden haben. Dieselben sind zum größten Teil nebst «Kriminalgeschichteno und «Kleine Erzählungen y auch in die Sammlun seiner «Erzählenden Schriften » (34 Bde., Bresl. 1861—62) aufgenommen worden. Seine dramatischen Arbeiten ließ er in Einem Bande als Theater⸗ (Berl. 1845), später in einer Auflage in sechs Bänden (1867) erscheinen. Außerdem hat H. allerlei vermischte Schriften herausgegeben: Erinnerungen v (Bresl. 1822), Der Obernigker Bote » (ursprünglich, 1822, Zeitschrift, dann Bresl. 1854, 3 Bde., in Buchform), «Charpiev (2Bde., Bresl. 1866), Nachlese. Erzählungen und Plaudereieno (3 Bde., Bresl. 1871), Simmelsammelsurium » (2 Bde., Bresl. 1872), An Grabes Rande. Blätter und Blumen⸗ (2. Ausg., Bresl. 1876). Die 1874 geschriebenen Erinnerungsblätter H.s: «Fürstbischof und Vagabundy (Bresl. 1882), erzählen sein Verhältnis zum Fürstbischof Förster. Einer weichen, zuweilen in Sentimentalität übergehenden Grundstimmung hielt in seinen Schriften eine frische Auffassung des wirklichen Lebens und eine echte Naivetät reichlich die Wage. Als Dichter hat er das Verdienst, das Vaudeville in Form des deutschen gemütlichen Liederspiels in Deutschland eingebürgert zu haben. Viele seiner Lieder sind mit Recht populär geworden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 340Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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