Humboldt (Friedr. Wilh. Christian Karl Ferd., Freiherr von), älterer Bruder des vorigen, einer der geistvollsten n Potet und hervorragender Staatsmann, geb. zu Potsdam 22. Juni 1767, erhielt nach dem frühen Tode seines Vaters mit seinem Bruder auf dem elterlichen Schlosse Tegel und zu Berlin eine ausgezeichnete wissenschaftliche Vorbildung und studierte dann zu Frankfurt a. O. und Göttingen die Rechte, woneben er aber der Altertumswissenschaft, der Asthetik und dem Studium der Kantschen Philosophie gleichen Eifer widmete. Nachdem er auf Reisen durch das westl. Deutschland, nach Paris und in die Schweiz reiche Weltkenntnis gewonnen und mit G. Forster und F. H. Jacobi innig befreundet worden war, lebte er 1789 und 1790 in Erfurt und Weimar und trat hier in ein engeres Verhältnis zu dem Koadiutor von Dalberg und zu Schiller, dem in spätern Jahren ein nicht minder nahes zu Goethe sich anschloß Mit dem Titel Legationsrat, den er während eines kurzen Aufenthalts in Berlin erhalten, kehrte H. ohne Neigung zu amtlicher Thätigkeit nach Erfurt zurück, vermählte sich 1791 mit der ihm an Geist ebenbürtigen Karoline von Dacheröden (gest. 26. März 1829) und lebte anfangs meist auf den thüring. Gütern seiner — seit 1794 aber in Jena, um hier mit Schiller und einem kleinen Freundeskreise ein Leben voll regster Geistesthätigkeit und des idealsten Gehalts zu teilen, als dessen Frucht teils eigene dichterische und wissenschaftliche Arbeiten, teils eine vielfache Einwirkung auf Schillers Dichtwerke hervorgingen. Ein dauerndes Denkmal dieser bis zu Schillers Tode nie unterzwischen Schiller und Wilhelm von H. »(Stuttg. u. Tüb. 1830; 2. Aufl., von Vollmer besorgt, Stuttg. 1876). Von 1797 bis 1799 lebte H. nach mannichfachen Reisen mit seiner Familie in Paris und ging dann zu längerm Aufenthalt nach Spanien, von wo er mit reicher wissenschaftlicher Ausbeute zurückkehrte. Im J. 1801 nahm er die Stelle eines preuß. Ministerresidenten in Rom an. Hier verweilte er, seit 1806 als bevollmächtigter Minister, bis 1808, bei wenigen diplomatischen Geschäften seine Zeit zwischen eigenen wissenschaftlichen und künstlerischen Studien und der liberalsten Förderung junger Gelehrter und Künstler teilend. Von Rom aus als Geh. Staatsrat in das Ministerium des Innern berufen und mit Leitung der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten beauftragt, ist die geistige Wiedergeburt Preußens wesentlich mit H.s Namen verbunden; insbesondere ist die berliner Universität seine Schöpfung. Doch verließ er auch diese Stellung schon 1810, um mit dem Range eines Geh. Staatsministers als außerordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister nach Wien zu gehen. Im J. 1813 war er während des Waffenstillstandes auf dem Friedenskongreß in Prag, 1814 auf dem Kongreß zu Chätillon und bei Abschluß' des ersten Pariser Friedens, den er mit Hardenberg unterzeichnete, 1815 auf dem Wiener Kongreß, seit 1816 aber in Frankfurt a. M. bei Ordnung der deutschen iälg 88 und bei wurde er Mitglied des Staatsrats, dann Gesandter in London, zawie 1818 bei dem Kongreß von Aachen zugezogen. überall wirkte er im Geiste einer hochherzigen und liberalen Politik. H. ward 1819 wirkliches Mitglied des preuß. Staatsministeriums; unter anderm erhielt er die Leitung der ständischen Angelegenheiten übertragen. Doch noch in demselben 0. da nahm er mit Boyen und Beyme seinen Abschied, da er ein freieres und mehr konstitutionelles System als das des Ministers von Hardenberg befolgt wissen wollte. Erst seit 1830 ward er wieder zu den Sitzungen des Staatsrats berufen, nachdem er das Jahr vorher an die Spitze einer Kommission zur Leitung des Baues und der Einrichtung des königl. Museums gestellt worden war. Seit 1819 lebte er mit geringen Unterbrechungen zu Tegel, das er durch treffliche Anlagen, mehr noch durch eine auserlesene Sammlung von Meisterwerken der Bildhauerkunst verschönerte. Er starb in Tegel 8. April 1835. „H.s früheste litterarische Arbeiten wurden von ihm selbst gesammelt in den «Asthetischen Versucheno (Bd. I. Braunschw. 1799), welche unter anderm die über Schillers «Spaziergange, ber Goethes »Hermann und Dorotheay (dieser auch besonders in 4. Aufl., Braunschw. 1882 mit einem Vorwort von Hettner erschienen), über Reineke Fuchso u. s. w. enthalten. Seine «Sämtlichen Werkey (7 Bde., Berl. 1841—52) umfassen auch einen Teil seiner derb die cr Gedichte. Unter denselben ragt besoners die Elegie cRomp (Berl. 1806) hervor; seine Sonette sind durch Vollendung der Form und Gedankentiefe ausgezeichnet. Von Bedeutung für Erforschung der griech. Sprache und Metrik ist die 1816; 2. Aufl. 1857). Mit Vorliebe und großer Umfänglichkeit widmete sich H. der vergleichenden Sprachforschung. Als Früchte seines Studiums der baskischen Sprache sind zunächst die Berichtigungen und Zusätze zu Adelungs Mithridates über die cantabrische oder baskische Spraches (Berl. 1817) und die mustergültige «Prüfung der Untersuchungen über die Urbewohner Hispaniens vermittelst der baskischen Spracheß (Berl. 1821) zu nennen. In die Zeit des Aufblühens der altind. Studien in Deutschland fallen unter anderm die größern, in der berliner Akademie gelesenen Abhandlungen: «über die unter dem Namen Bha-Gita bekannte Episode des Mahabharatav (Berl. 1826), Küber den Dualiso (Berl. 1828) und «über die Verwandtschaft der Ortsadverbien mit dem Pronomen in einigen Sprachend (Berl. 1830). H.s Hauptwerk aber auf diesem Gebiete: «Über die Kawisprache auf der Insel Javay (3 Bde., Berl. 1836—40), wurde erst nach seinem Tode von Eduard Buschmann, der sich ebenfalls diesen Studien gewidmet und H. seit 1829 unterstützt hatte, der Offentlichkeit übergeben. Namentlich ist die Einleitung zu diesem Werke, die auch unter dem Titel «über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechtso (Berl. 1835, neu herausg. von Pott, 3. Aufl., Berl. 1880) besonders erschien, in der Geschichte der Sprachwissenschaft epochemachend geworden. Sein «Vocabulaire inédit de la langue taitiennen wurde ebenfalls durch Buschmann in dessen Aperçu de la langue des nes Marquises et la langue taitienne (Berl. 1834) veröffentlicht. Noch später erschien das schon vor 1800 ausgearbeitete, aber lange verlorene Fragment: «„Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (Berl. 1851). Herausgeber war E. Cauer. Schiller hatte sich vergebens bemüht, einen Verleger dafür zu finden. Sein Urteil über das Werk, sowie interessante Mitteilungen über die Geschichte desselben findet man bei Goedeke, «Geschäftsbriefe Schillerso (pz. 1875). Seine die Sprachwissenschaft betreffende handschriftliche Sammlung und die ausländische Litteratur seiner Bibliothek vermachte er der königl. Bibliothek zu Berlin. Steinthal gab H.s «Sprachphilosophische Werker mit Erklärungen (Berl. 1884) heraus. Daß H. neben dem großen Gelehrten und Staatsmann auch der zarteste und fürsorglichste Freund, der edelste Mensch gewesen, ersuhr das größere Publikum aus «Wilhelm von H.s Briefen an eine Freundin » (2 Bde., Opz. 1847; in Einem Bande, 11. Aufl., 1883), die einen Reichtum der feinsten Beobachtungen und Urteile und der zartesten Gefühle aussprechen; diese Briefe sind an Charlotte Diede (s. d.) gerichtet. Vgl. Schlesier, «Erinnerungen an Wilhelm von H.» (2 Bde., Stuttg. 1843 —46); Elisa Maier, «Wilhelm von H. Lichtstrahlen aus seinen Briefeno (Lpz. 1850; 5. Aufl. 1865); besonders aber Haym, Wilhelm von H.» (Berl. 1856), ferner Distel, EAus Wilhelm von H.s letzten Lebensjahren»(Lpz. 1883). Goethes Briefwechs el mit den Gebrüdern von H. 1795—1832 veröffentlichte Bratranek (Lpz. 1876); H.s 4Briefe an Christian Gottfried Körnere gab Jonas heraus (Berl. 1879).