FeedHertzberg (Ewald Friedr., Graf von)
GeschichteBrockhaus 1882

Hertzberg (Ewald Friedr., Graf von), preuß. Staatsmann, geb. zu Lottin bei Neustettin 2. Sept. 172⁵5, studierte in Halle, wurde dann beim Departement der auswärtigen Angelegenheiten angestellt, gehörte 1745 der brandenb. Gesandtschaft zur Kaiserwahl an und wurde April 1747 als Legationsrat am Staatsarchiv angestellt. Im J. 1750 erhielt er auch die Aufsicht über das Geh. Kabinettsarchiv. Seine Abhandlung Küber die erste Bevölkerung der Mark Brandenburgy bewirkte seine Aufnahme in die Berliner Akademie und Ernennung zum Geh. Legationsrat. Nach den in Dresden gefundenen Depeschen des österr. und sächs. Hofs schrieb er 1756 das berühmte «Mémoire raisonnéo, das den Einfall der Preußen in Sachsen rechtfertigt. In seiner Stellung im Archiv verblieb er auch, als er 17. Jan. 1757 zum Wirkl. geheimen expedierenden Sekretär (Unterstaatssekretär) ernannt wurde und in der Diplomatie des Siebenjährigen Kriegs rege Thätigkeit entwickelte. Ende 1762 mit der Führung der Friedensunterhandlungen in Hubertusburg beauftragt, wurde er 5. April 1763 zum Staatsminister ernannt. Von nun an stand er 30 Jahre an der Spitze des auswärtigen Ministeriums. Hat er auch bei der Erwerbung Westpreußens, dem Bayrischen Erbfolgekriege, der Errichtung des Fürstenbundes dem König unermüdlich Dienste geleistet, so war die Politik Friedrichs doch selten nach seinem Sinne. Friedrich Wilhelm II. erhob ihn in den Grafenstand. H.s Ziel war die Allianz Preußens mit Rußland und England gegen Osterreich, Spanien und Frankreich. In der That gelang es ihm, in den holländ. Wirren (seit 1787) gegen Frankreich erfolgreich einzugreifen. Der Russisch-Türkische Krieg (seit 1787) erweckte in ihm den Plan, für Preußen von Polen Danzig, Thorn, Posen und Kalisch zu erlangen. Aber die künstlichen Kombinationen, auf welche H. spekulierte, wurden durch den Verlauf des Kriegs und die abgeneigte Haltung der Russen gekreuzt: Preußen wurde vielmehr zur Freundschaft mit den Polen, Türken und Schweden gegen die beiden Kaiserreiche —9 Es geschah gegen H.s Willen, als Friedrich Wilhelm im Winter 1789—90 die Bündnisse mit Polen und der Türkei abschloß, den belg. Aufstand, die ungar. Unruhen offen oder geheim unterstützte. Als darauf im Frühling 1790 Kaiser Leopold II. die Aussöhnung mit Preußen anstrebte, mußte H. die Deklaration von Reichenbach, welche den status quo herstellte, ausarbeiten. Endlich wurde er im Juli 1791 von seinen politischen Geschäften entbunden, er behielt nur noch das Kuratorium der Akademie und die Aufsicht über den Seidenbau. Er starb 27. Mai 1795. Vgl. Hertzberg, «Recueil des déductions, manifestes etc.v (Tl. 1 u. 2 1756 — 90, Berl. 1789, Tl. 3 1795); Duncker, Friedrich Wilhelm II. und Graf H.v (in der «Histor. Zeitschrifto, Bd. 37); Bailleu, «Graf H.» (4Histor. Zeitschrifto, Bd. 72).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 164Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6