Hermann (Joh. Gottfr. Jak.), ausgezeichneter deutscher Philolog, geb. 28. Nov. 1772 zu Leipzig, zeigte schon frühzeitig entschiedene Neigung für die altklassische Litteratur, die durch den Privatunterricht Ilgens, des nachherigen berühmten Rektors in Pforta, so weit genährt und gekräftigt ward, daß er bereits im 14. Jahre (1786) seine akademischen Studien beginnen konnte. Wiewohl er nach dem Wunsch seines Vaters, der Senior des leipziger Schöppenstuhls war, dem Rechtsstudium sich widmete, blieb doch die Neigung zum Altertum vorherrschend. Die frühzeitige Bekanntschaft mit den Schriften Kants veranlaßte ihn, 1793 doch Jena zu gehen und hier Reinhold zu hören. Do schon 800 einem Semester kehrte er nach Leipzig zurück. Nachdem er sich hier 1794 als Privatdocent habilitiert hatte, wurde er 1798 außerord. Professor der Philosophie; 1803 ord. Professor der Beredsamkeit, 1809 auch Professor der Poesie. In dieser Stelle wirkte er bis zu seinem Tode, welcher am 31. Dez. 1848 erfolgte. H. war nicht nur ein gefeierter akademischer Leh-i rer und Schriftsteller und der kräftigste Vertreter des Humanismus neuerer Zeit, sondern auch ein durch edle Freimütigkeit und Wahrheitsliebe ausgezeichneter Charakter, der sich eine seltene Kraft und Frische bis ins hohe Alter bewahrte. Seine Vorlesungen zeichneten sich durch Lebendigkeit des Vortrags, Klarheit, Schärfe und Bestimmtheit in der Darstellung wie durch eine unübertroffene Methode aus und zogen stets einen großen Zuhörerkreis herbei, aus denen viele ausgezeichnete Lehrer an Schulen und Universitäten hervorgegangen sind. Besonders strebte H., durch die 1799 gestiftete Griechische Gesellschaft, sowie durch die übernahme des Direktoriums des Philologischen Seminars seit 1834 vor engern Kreisen das eigene Urteil seiner Schüler zu wecken und zu schärfen und Gründlichkeit und Geschmack zu verbreiten. Das Feld, welches er zuerst auf neue Weise und selbständig zu bebauen begann, war die Metrik, indem er hier den bloß histor. Weg als unzureichend verließ und eine wissenschaftliche Theorie derselben aus der Kantschen Lehre von den Kategorien konstruierte. Die Grundsätze hierüber sind entwickelt in den besondern Werken: De metris Graecorum et Roma⸗- norum poetarum v (Lpz. 1796), «Handbuch der Metrik (Lpz. 1799), Elementa doctrinae metricae v (Lpz. 1816), Epitome doctrinae metricae (Lpz. 1818; 2. Aufl. 1844) und De metris Pindario an der Heyneschen Ausgabe des Pindar (2. Aufl., 3 Bde., Lpz. 1817). Noch wichtiger in ihren Folgen war die von ihm begründete rationelle Behandlung der griech. Grammatik, die auf eine bessere Gestaltung der Grammatik der lateinischen und selbst der neuern Sprachen, namentlich der deutschen, Einfluß hatte. Außer mehrern kleinern Abhandlungen gehört besonders hierher: «De emendanda ratione Graecae grammaticae (Lpz. 1801), sowie die gehaltreichen Zusätze und Exkurse zu Vigers Werk De Graecae dictionis idiotismisp (Lpz. 1802; 4. Aufl. 1834) und die Libri IV de particula 4 (Lpz. 1831). Die hier entwickelte Schärfe und Bestimmtheit finden sich wieder in den zahlreichen Bearbeitungen der Alten, besonders der griech. Tragiker, indem er die von Erfurt begonnene Ausgabe des Sophokles seit 1823 vollendete, die neuen Auflagen mehrerer Stücke besorgte und fast sämtliche Tragödien des Euripides, ferner des Aristophanes «Nubes „(Lpz. 1799; 2. Aufl. 1830), die Orphica (Lpz. 1805), die Homerischen Hymnen (Lpz. 1806), des Plautus Trinummus »(Lpz. 1800) und «Bacchides o (Lpz. 1845), die Schrift des Aristoteles De arte poeticap (Lpz. 1802), das Lexikon des Photius (Opz. 1808) und den Grammatiker Drako Stratonicensis (Lpz. 1812) teils kritisch, teils grammatisch und exegetisch behandelte. Erst nach seinem Tode konnte die Ausgabe der griech. Bukoliker, Bion und Moschus (Lpz. 1849) und die Bearbeitung des àAschylus erscheinen, dem er ein unablässiges Studium gewidmet hatte. Moritz Haupt gab die Tragödien des Aschylus samt deren Fragmenten (2 Bde., Lpz. 1859 in einer völlig neuen Recension, ausgestattet mit reichen, vorzugsweise kritischen Kommentaren, aus H.s zum größern Teil druckfertigem Nachlaß heraus. Seine kleinern Aufsätze und Programme hat er in den &0Opuscula v (8 Bde., Lpz. 1827—77) zusammengestellt; darunter finden sich auch die bei verschiedenen Veranlassungen verfaßten Oden und übrigen Gedichte, die einen röm. Geist atmen. Da H. in allen seinen Forschungen die genaue Kenntnis der Sprache als den einzig sichern Weg bezeichnete, um zu einer klaren Anschauung des geistigen Lebens der Alten Welt zu gelangen, so konnte es nicht fehlen, daß von einer andern Seite sich Stimmen erhoben, welche ihm eine einseitige Auffassung und Richtung vorwarfen und ihn selbst der Vernachlässigung des realen Teils der Philologie beschuldigten. Er war darüber mit Böckh und O. Müller in einen Streit verflochten, der ihn zur Bekanntmachung der Schrift aüber Böckhs Behandlung der griech. Inschriften (Lpz. 1826) veranlaßte. Mehr freundlich war der Austausch entgegengesetzter Ansichten über das Wesen und die Behandlung der alten Mythologie zwischen ihm und Creuzer, hervorgerufen zunächst durch H.s Programm De mythologia Graecorum antiquissimas (Lpz. 1807), weiter ausgeführt in den „Briefen über Homer und Hesioduso von ihm und Creuzer (Heidelb. 1818). Vgl. Jahn, «Gottfried H. Eine Gedächtnisreder (Lpz. 1849); Ameis, «Gottfried H.s pädagogischer Einfluß. Ein Beitrag zur Charakteristik des altklassischen Humanisteno (Jena 1850). Eine gründliche Würdigung H.s gibt Köchly, «Gottfried H. Zu seinem 100jährigen Geburtstage (Heidelb. 1874). Konrad H., der Sohn des vorigen, geb. 30. Mai 1819 in Leipzig, erhielt seine wissenschaftliche Vorbildung auf der Thomasschule daselbst, studierte 1837 — 40 in Leipzig und Berlin, FPophie dan sich 1849 als Privatdocent der Philosophie an der Universität Leipzig und wurde 1860 außerordentlicher, 1881 ord. Honorarprofessor daselbst. Die wichtigsten seiner Werke sind H einer allgemeinen AÄsthetiko (Lpz. 1857), Philos. Grammatiko (Lpz. 1858), 4 Geschichte der Philosophie in ragmatischer Behandlung » (Lpz. 1867), Philoop ie der Geschichter (Lpz. 1870), «Die Asthetik in ihrer Geschichte und als wissenschaftliches System v Epz. 1875), «Die Sprachwissenschaft nach ihrem Zusammenhange mit Logik, menschlicher Geistesbildung und Philosophie (Lpz. 1875), Der Gegensatz des Klassischen und des Romantischen in der neuern Philosophiev (Lpz. 1877), «Hegel und die logische Frage der Philosophie in der Gegenwarte (Lpz. 1878), Die deutschen Studenten. Ein dramatisches Gedicht» (Lpz. 1877).