Jatromathematiker nannte man im Altertum uken Boe⸗ Arzte, welche noch neben ihrem eigentlichen Berufe mathem. Wissenschaften, besonders Astronomie und Astrologie trieben und wohl auch diese beiden Wissenschaften aus eigenem Aberglauben oder, um sich mehr ohne e zu verschaffen, mit der Medizin verbanden, ohne gerade in die Klasse der Magier — gehören. In der neuern Zeit bedeutet dieser Name, welchem der der J atromecha— niker oder Jatrophysiker gleichsteht, die Anhänger einer eigenen mediz. Schule, welche die Gesetze der Physik im lebenden gesunden und kranken menschlichen Körper als das hauptsächlich wirksame Moment nachzuweisen suchte. Die ältere Schule dieses Namens feierte ihren Haupttriumph in der durch Harvey (1616) gemachten Entdeckung des Blutkreislaufs. Schon Santorio Santoro aus Capo d'Istria (1561 — 1636, Professor zu Padua und Venedig) stellte physiol. Versuche zur Entdeckung physik. Gesetze im tierischen Körper, insbesondere zahllose genaue Messungen und Wägungen zur Bestimmung der Hautausdünstung, der tierischen Wärme, des Stoffumsatzes und des Kreislaufs an, und nach ihm erklärte Alfonso Borelli (1608 —79, Professor in Pisa) in dem nach seinem Tode (1679) erschienenen Buche De motu anima-Uume (Rom 1680) die Prozesse im lebenden Organismus nach den Gesetzen der Statik und Hydraulik, indem er ihn mit einer einfachen Maschine verglich. Borellis System fand seine meisten 40 Neumn in Italien, unter denen besonders Lorenzo? ellini (1643 — 1704, Professor in Pisa) und Giorgio Baglivi (1669—1707, Professor in Rom) zu nennen sind, und in England, wo besonders James Keil, Jurin, Georges Cheyne begeisterte Verbreiter der neuen Lehre waren. In Frankreich wurde dieselbe von Einzelnen nur zum Teil angenommen und in Deutschland nur der Hauptidee nach andern Systemen, z. B. dem von Boerhaave, F. Iae Pöpsit zu Grunde gelegt. Doch war die damalige Physik noch zu arm an Thatsachen, als daß sie Ausreichendes und Dauerndes für die Begründung der ärztlichen Wissenschaften hätte liefern können. Die neuere, durchaus auf unzweifelhafte mathem. Sätze begründete Physik bietet dessen um so mehr und ist daher auch zu diesem Zwecke allseitig angewendet worden. Die mediz. Wissenschaft der Gegenwart konstatiert, daß eine Menge der wichtigsten Vorschent im gesunden und kranken menschlichen, tierichen (und pflanzlichen) Organismus rein auf physik. (beziehentlich chemischen) Vorgängen beruht und nach physik. Gesetzen vollständig erklärbar ist. Latropha, s. Jatropha.