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ReligionBrockhaus 1882

Irvingianer heißen nach dem Prediger Ed. Irving (t. d.) die Anhänger einer seit 1830 zuerst in Schottland und England hervortretenden Sekte, welche die baldige Wiederkunft Christi erwartet und durch Erneuerung der Gaben und Amter der ersten Christenheit die Kirche Wil den Eintritt dieser Endvollendung vorbereiten will. Sie selbst nennen sich akatholisch-apostolische Gemeindeno. Der anglikan. Prediger Lewis Way, welcher 1816 über die Wiederkunft Christi schrieb, hielt seit 1826 auf seinem Landsitz Albury in der Grafschaft Surrey alljährlich eine Versammlung, in welcher die Endvollendung der Kirche besprochen wurde. Im J. 1829 wurde die Erwartung ausgesprochen, daß die Wiederkunft des Herrn und das Tausendjährige Reich nahe bevorstehe. Diesem Kreise gehörte auch Irving an. Henry Drummond, ein reicher Bankier, gründete zur Verbreitung dieser apokalyptischen Erwartungen eine eigene Zeitschrift. Im J. 1830 zeigten sich an verschiedenen Orten Schottlands Beispiele des apostolischen Zungenredens; 1831 wurde auch Irvings Gottesdienst von Männern und Frauen unterbrochen, welche in Zungenv redeten. Schon 1832 wurden durch den Mund solcher Propheten mehrere «Apostelo bezeichnet, während jüngere Männer als «Evangelisteno das Land durchzogen, um neue Anhänger zu werben und ältere Geistliche als «Engele den einzelnen Gemeinden vorgesetzt wurden. Auch Irving wurde, als er von der schott. Nationalkirche ausgeschlossen ward, zum «Engelo geweiht. An der Spitze der Bewegung stand, zumal nach Irvings frühem Tode, der Advokat Cardale, ein Mann von eisernem Willen, welcher auch bald die fortgehenden Offenbarungen der Propheteno der Beurteilung durch das geistliche Amt unterstellte. Im J. 1835 wurde die Organisation der Gemeinden durch die Bestallung von zwölf Aposteln abgeschlossen. Dem „Engelv wurden in der Leitung der einzelnen Gemeinde sechs «Altestes und sieben Diakoneno beieordnet. Damit waren die Eph. 4, usfg. vorgeehenen vier Amter wiederhergestellt. Die zwölf Apostel versammelten sich zunächst auf dem Landsitz Albury, um die Verfassung der Gemeinden nach alttestamentlichen Typen zu vollenden, erließen 1835 ein (Zeugniso an den König von England und an die anglikan. Geistlichkeit, 1836 an alle geistliche und weltliche Regenten der Christenheit. Alsdann verteilten sie die ganze Christenheit unter sich und unternahmen 1838 weite Missionsreisen, von welchen sie jedoch 1840 enttäuscht zurückkehrten. Alsdann wurde eine reichgegliederte Gottesdienstordnung eingeführt, welche mit der römisch-⸗katholischen eng verwandt ist. Der alttestamentliche Zehnte ward erneuert. Ein eigentümlicher Brauch ist die 1847 eingeführte und auf die Offenbarung Joh. 7, 3 fg. begründete Versiegelunge der Gläubigen durch Handauflegung der Apostel und Salbung mit Sl. Nach Ansicht der J. wird, wenn Christus kommt, die Gemeinde der Gläubigen ihm entgegen in die Luft entrückt. Die Juden kehren nach Palästina zurück, bis Christus mit seinem Leibev, den Heiligen, wiederkehrt, den Thron Davids und die zwölf Stühle der Apostel aufrichtet und alle Weissagungen des Alten Testaments erfüllt. Damit beginnt das Tausendjährige Reich, nach dessen Ablauf die zweite Auferstehung und das Endgericht erfolgt. Seit 1843 versuchten die J. auch auf dem europ. Festlande Anhänger zu gewinnen. In Genf mußte 1837 gegen irvingianische Irrtümer unter den Studierenden eingeschritten und Professor Preiswerk entlassen werden. Dennoch gründeten die J. Gemeinden in Basel, Bern, Zürich, Solothurn und Genf. In Deutschland fanden sie in den hochkirchlichen Kreisen Anknüpfungspunkte. In Berlin gewannen sie die Prediger Köppen und Rothe. Der dan der Theologie Thiersch in Marburg wirkte alsdann in München für seine neue überzeugung, Gemeinden entstanden in zahlreichen Orten Deutschlands. Solange als möglich bleiben die J. in der Landeskirche und sammeln nur einzelne Gläubige um ihre Sendboten. Deshalb kann die Zahl ihrer Anhänger nicht mit Genauigkeit angegeben werden. ů Litteratur. Jakobi, «Die Lehre der Irvingiteno (Berl. 1853); Iselin, „Die neuen Apostel und ihre Lehreß (Bern 1853). Von den eigenen Schriften der Sekte vgl. außer ihren offiziellen Büchern, Liturgien u. s. w. besonders Lutz, «über den Ratschluß Gottes mit der Menschheit und der Erder (2 Bde., Frankf. 1847); Thiersch, aüber christl. Familienlebend (Frankf. 1854); Böhm, «Schatten und Lichto (Frankf. 1855). Ferner: Köhler, Het Irvingismen (Saag 1876); Edw. Miller, «The history and doctrine of Irvingismo (2 Bde., Lond. 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 676Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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