FeedJagdgewehre
Sport & SpielBrockhaus 1882

Jagdgewehre dienen vorzugsweise zur Erlegung sagdbarer Tiere. In der allgemeinen Einrichtung sind sie den zum Kriegsgebrauch bestimmten Handfeuerwaffen (s. d.) verwandt, doch kommen bei den J. auch wesentliche Eigentümlichkeiten vor, welche namentlich durch die Art der Geschosse sowie die besondern Verhältnisse, unter welchen die J. in Thätigkeit treten, bedingt werden. Für die sog. niedere Jagd bedient man sich ausschließlich des Schrotschusses, für welchen der bei Kriegsgewehren jetzt gänzlich verworfene glatte Lauf am dienlichsten ist, da durch vorhandene Züge die Schrotkörner beim Verlassen des Laufs mehr als nützlich auseinander geschleudert werden, andererseits die Züge durch die unregelmäßigen Anschläge jener leiden und verbleien würden. Aus diesen Ursachen spielen glatte Jagdgewehre, welche auch Flinten heißen, teils als einläufige glatte Schrotgewehre, teils als zweiläufige oder Doppelflinten eine hervorragende Rolle, namentlich die letztern. Für die hohe Jagd wendet man gezogene Gewehre oder Büchsen an, die in ihrem Kaliber meist mit den Militärgewehren übereinstimmen. Man hat einläufige oder Pirschbüchsen und zweiläufige oder Doppelbüchsen. Um mit derselben Waffe die niedere wie die hohe Jagd ausüben zu können, hat man J. mit einem glatten und einem gezogenen Lauf, welche Büchsflinten, und solche mit zwei nebeneinander liegenden glatten und einem darunter liegenden gezogenen Lauf, welche Dril— linge genannt werden. Mit den gezogenen Läufen schießt man in der Regel Langgeschosse aus Blei, oder gegen Wild mit sehr widerstandsfähiger Haut aus härterm Material. Revolver- oder Magazingewehre kommen in neuerer Zeit ebenfalls als J. vor, namentlich wo es sich um Erlegung gefährlicher Raubtiere handelt. Gegen solche werden auch die bei Kriegshandfeuerwaffen verpönten Erplosionsgeschosse angewendet. Die Hinterladung hat auf dem Gebiete der J. eine verhältnismäßig willigere Aufnahme gefunden, als es bezüglich der Kriegsgewehre in den meisten Heeren der Fall war, insbesondere aber hatte in Verbindung hiermit die gasdichte Einheitspatrone (s. Handfeuerwaffen, Bd. VIII, S. 798) bei J. bereits Jahrzehnte hindurch eine sehr aus— gedehnte Verbreitung gefunden, ehe bei Kriegswaffen an dieselbe gedacht wurde. Dies schließt nicht aus, daß noch heute perkussionierte Vorderläder in Händen von Jägern vielfach vorkommen. Gebräuchliche Perkussionsvorderlader sind hauptsächlich noch einläufige Flinten vom Kaliber 16— 20 mm, Doppelflinten vom Kaliber 12—20 mm und die Pirschbüchsen von 11—15 mm. Die Lauflängen schwanken bei den Flinten zwischen 600 und 900 mm, bei den Büchsen zwischen 600 und 750 mm, einläufige Flinten kommen mit Läufen bis Im Länge vor. Die Seele der Flintenläufe muß durchaus glatt und von gleichbleibender Weite sein. Günstig für den Schrotschuß wirkt es indes ein, wenn bis zu einem Drittel der Lauflänge eine mäßige konische Erweiterung Fall) statthat. Das Bestreben, die Streuung der Schrote beim Verlassen des Laufs zu vermeiden, hat in neuerer Zeit zu den mannigsachsten Versuchen Anlaß gegeben, die Seele der Läufe anders zu gestalten. Hierher gehören unter anderm die in England aufgeroumenen Choke bored-⸗Läufe oder Läufe mit Würgebohrung, bei welchen die Bohrung des Laufs etwa 10—-15 em von der Mündung auf eine Länge von 5—10 em sich erweitert und dann wieder auf das ursprüngliche Kaliber sich verengt. Das Kaliber eines J. richtet sich nach seiner Verwendungsart, d. h. je nachdem die Kugel oder Schrotladung eine große oder kleine sein soll. Für Schrotgewehre schwankt dasselbe zwischen 15,5 und 19,8 mm, am meisten verbreitet ist das Kaliber von 17,6 mm. Der Einfluß des Kalibers auf die Tragweite ist bei Schrotgewehren erheblich. Die vielfach unter Nicht-Jägern verbreitete Ansicht, daß große Kaliber weiter und besser schießen als kleine, ist irrig, denn man kann nicht die Pulvermenge in gleichem Verhältnis mit der Erweiterung der Bohrung vergrößern, wie überhaupt das Pulverquantum beim Schrotschuß nicht allzu groß sein darf, da bei zu vielem Pulver die Schrote auseinander geworfen werden. Nachdem das preuß. Zündnadelgewehr und damit das Hinterladungsgewehr überhaupt zuerst in w1848/49 Proben seiner Brauchbarkeit abelegt hatte, machte sich bald auf dem Gebiet der das Bestreben geltend, von den Vorteilen der Hinterladung Nutzen zu ziehen. Eine Umwandlung der perkussionierten Vorderlader zur Hinterladung lag am nächsten und es entstanden, zuerst von dem berliner Büchsenmacher Barella fabriziert, die sog. Schnelllader, bei welchen die Perkussionszündung beibehalten wurde, die Läufe vor der Schwanzschraube abgeschnitten und mit einem Bewegungs- oder Verschlußmechanismus versehen wurden. Der Schaft wurde, der notwendigen Bewegung der Läufe halber, geteilt. Das Gewehr schoß eine Papierpatrone mit Boden aus Kattun, ergab indes häusige Versagung und konnte daher nicht zur weitern Verbreitung gelangen. Allgemeinen Anklang dagegen fand das von dem Büchsenmacher Lefaucheur (s. d.) in Paris um 1852 konstruierte und nach ihm benannte Lefaucheuxgewehr, das erste zur Hinterladung eingerichtete J., welches eine Einheitspatrone und zugleich eine gasdichte Pa— trone schoß. Dieses J. ist noch überall im Gebrauch, hauptsächlich in Frankreich, etwas weniger in Belgien. In Deutschland und England nimmt seine Anwendung von Jahr zu Jahr ab, da die vielfachen demselben und namentlich der Patrone anhängenden Mängel die Einführung neuerer und besserer Gewehrsysteme begünstigt haben. Einen erheblichen Fortschritt gegenüber dem Lefaucheurgewehr bezeichnet die Konstruktion des Centralfeuer-oder Lancastergewehrs. Als Erfinder des Centralfeuergewehrs ist wohl ein Gewehrfabrikant Bernimolin in Lüttich anzusehen, der bereits 1850 derartige Gewehre herstellte (eher als Lancaster in England), die aber in Ermangelung einer geeigneten Patrone sich nicht recht einzuführen vermochten. Gegenwärtig darf dieser Fehler als beseitigt angesehen werden. Die gegenwärtig übliche Centralfeuerpatrone hat eine Hülse von Karton mit verstärktem Pappboden und Metallkappe, die mit einem vorstehenden Rand versehen ist. In der Mitte des Bodens befindet sich ähnlich wie bei den Metallpatronen mit Centralzündung für Kriegsgewehre ein in einer Zündglocke sitzendes Zündhütchen mit einem als Amboß dienenden Schlagstift. (Vgl. Handfeuerwaffen, Bd. VIII, S. 803, Textfigur 23.) Nach allgemeiner Annahme der Metallpatronen in den Armeen lag der Gedanke nahe, solche auch bei Schrotgewehren zu verwenden. Lange Zeit hindurch gelang es indes nicht, dem das Pulver bedeckenden Pfropfen den nötigen Reibungswiderstand entgegenzusetzen. Im J. 1883 ist es jedoch einem Metallpatronenfabrikanten Kynoch in Birmingham gelungen, eine Centralfeuermetallhülse unter dem Namen Perfekthülse aus dünnem Messingblech herzustellen. Eine dritte Gruppe von J. mit Hinterladung bilden die Zündnadelgewehre. (S. Handfeuerwaffen.) Der Erfinder der letztern, N. von Dreyse (s. d.), konstruierte noch vor Annahme des Zündnadelgewehrs in Preußen ein von vorn zu ladendes J. dieser Art, das indes wegen einzelner Iund. ur Jagd nur eine beschränkte Verbreitung fand. Für Jagdzwecke brauchbar gemacht wurde die Zundnadelkonstruktion erst durch das von F. von Dreyse (s. d.) konstruierte, von hinten zu ladende, selbstspannende Zündnadelgewehr mit seitwärts beweglichen Läufen, das allen Anforderungen an ein J. in vollem Maße genügt. Eine andere Art von Zündnadelgewehren, eigentlich ein Mittelding zwischen solchen und Centralfeuergewehren, sind die 1858 von dem Gewehrfabrikanten Teschner in Frankfurt a. O. konstruierten. Für den gezogenen Lauf der Büchsflinten, ebenso wie für Doppelbüchsen und Drillinge wählt man nicht das gleiche Kaliber wie für den Schrotlauf, sondern gibt jetzt auch dem beim Militärgewehr zur Zeit als das beste erkannten Kaliber von 11 mm den Vorzug. Das Geschoß ist cylindroogival, die Pulverladung bis zu 5 g stark, die VPatronenhülse von Metall. Fruher war unter den Jägern vielfach die irrige Ansicht verbreitet, als bedürfe es auch für Büchsen eines großen Kalibers, um mittels des starken Geschosses eine große stark schweißende Wunde zu erzeugen und so dem verwundeten Wilde leicht folgen zu können; in neuerer Zeit ist man indes davon zurückgekommen und sieht allgemein ein, daß durch das große Kaliber der Schußeffekt geschädigt wird. Für die Büchsflinten findet sowohl Centralfeuer-als Zündnadelsystem (letzteres wegen der Metallpatrone mit Schlagstift Anwendung. Doppelbüchsen erhalten der Gewichtsverminderung halber sehr kurze, nur etwa 520 mm lange Läufe, die sehr genau zueinander liegen müssen, damit das auf der Laufschiene befindliche Visier und Korn zu beiden Läufen paßt. Für Pirschbüchsen, welche noch mehrfach mit großerm Kaliber (16,6 mm) sowohl im System Lefaucheux als mit Centralfeuer vorkommen, bürgert sich jetzt vielfach der feststehende Lauf mit Cylinder⸗ oder mit Blockverschluß (s. Handfeuerwaffen) vom Kaliber 11 min ein, unter Anwendung der Metallpatrone und des cylindroogivalen Geschosses. Solche schließen sich meist hinsichtlich ihrer Schloß-und Verschlußeinrichtung den bestehenden Kriegswaffen an. So ist in Deutschland der Mechanismus des M/71 (Mauser) sehr verbreitet. Vgl. Adf. Zimmer, «Die Jagd⸗-Feuergewehrev (2. Aufl., Darmstadt 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 771Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Sport & Spiel 6