Jordan (hebr. Jarden, bei den Klassikern Jordanes, bei den jetzigen Anwohnern Scheriat-el-Kebir genannt) ist der Hauptfluß Palästinas, dessen Bodenrelief er durch sein tief eingesenktes Längenthal El-Ghör ein ganz eigentümliches Gepräge gibt. Der in seiner Art überhaupt einzige Strom ist ein Binnenwasser, das sich in die tiefste Kluft der Erdrinde ergießt, zugleich ein Längenbegleiter des syrisch-palästinischen Gebirgszugs im fast vollständigen Parallelismus mit der nahen Küste. Sein Quellbezirk liegt am südl. Ende des Antilibanon (sd.). Dort entspringt am Großen Hermon oder Dschebl-esch-Schech in 563 m Höhe sein längster und wasserreichster Arm, der Nahr-Häsbäni bei Hasbaja. Südlicher, in 383 m Seehöhe, bei Bänias, dem alten Paneas oder Cäsarea-Philippi, entfließt einer ehemals dem Pan heiligen Grotte (Paneion) der Bäniäs, der östl. und berühmteste Quellarm. Diesem nahe westlich, in 185 m Seehöhe, bei Tell-Kadi (Dan der Bibel), nimmt seinen Ursprung der Nahr-Leddan, der Kleine J. bei Josephus genannt. Das vereinigte Wasser der beiden letztern Arme ergießt sich in den Hauptarm Häsbäni innerhalb einer 15 km langen und 6 km breiten unpassierbaren Imangen (Ard-el-Hüleh), die südwärts in den 5 km langen und ebenso breiten, etwa 8 mtiefen, schlammigen Schilfsee Bahr-el⸗-Hüleh (d. h. See der Thalebene), den See Merom der Bibel oder Samachonitis der Klassiker, übergeht. Von hier beginnt die merkwürdige Depression des Ghor. Nach dem Austritt aus dem Schilfsee ist der Fluß träge und trüb, klärt sich aber bald und tritt in den größern, schönen See von Tiberias oder Gennezareth (s. d.), der w190 m unter dem Meeres-⸗ spiegel liegt und von der üppigsten Vegetation umeben ist. Aus dem Südende desselben strömt der J. 30 mbreit und 1,5 mtief in Zickzackvindungen, mit starkem Gefälle und 27 gewaltigen Stromschnellen, an den Ufern mit Tamarisken und Schilfröhricht bewachsen, durch das 720 km breite Ghor, das teils mit kahlen Hügeln bedeckt ist, teils überall da, wo Wasser vorhanden, eine in üppigster, fast tropischer Vegetation prangende, an andern Stellen aber, besonders auch im Süden, eine nackte und wüste, salzige Thonebene bildet. Der J. mündet 109 kmein direkter Entfernung vom Tiberiassee 170 m breit, aber nicht tief, in zwei Armen in das Tote Meer (. d.). Von den zahlreichen, aber nur periodischen Nebenflüssen des J. sind bemerkenswert an der linken Seite der Wadi Jarmük oder Scheriat-el-⸗Mandhür (Hieromar), welcher vom Haurangebirge kommt und 7½5 Km unterhalb des Tiberiassees mündet, und der Serka (Jabok der Bibel). Als die tiefste Depression der Erdoberfläche zeigt die Jordanspalte eine große Anzahl heißer Quellen. Der J. gewährt bei seinem starken Gefälle und der wechselnden, oft sehr geringen Tiefe keine Verkehrsstraße; doch ist er neuerdings mehrfach befahren worden. Abgesehen von der Brücke der Töchter Jakobs (Dschisr-benät-Yaküb) gleich unterhalb des Bahr-el-Hüleh (Merom), über welche die Landstraße von Damascus nach der Meeresküste führt, und von einigen Brücken der Ouellenarme oberhalb des Huleh, hat der J. jetzt und seit lange auf seinem ganzen Laufe abwärts von Gennezareth keine einzige gangbare Brücke, doch an drei oder vier Stellen Reste zerstörter Brücken. Dafür gibt es eine Anzahl Furten, deren mehrere auch bei hohem Wasserstande zu passieren sind. Solche Übergänge werden, auch abgesehen von dem wunderbaren Durchzuge der Israeliten unter Josua (Jos., Kap. 3), schon im Alten Testament öfters erwähnt. Vgl. außer den Werken über Palästina: Lynch, «Narrative of the United States expedition to the river J. and the Dead Sea (Philad. 1849; deutsch von Meißner, Lpz. 1850), und dessen offiziellen „Reporto (Baltimore 1852); Karl Ritter, Der J.» (Berl. 1850); „The river J., pictorial and descriptixvey (Lond. 1858); Adams, «The J. andits valleyv (Lond. 1880).