FeedJulianus (Flavius Claudius)
GeschichteBrockhaus 1882

Julianus (Flavius Claudius), röm. Kaiser, 361—363 n. Chr., von den Christen wegen seines Rücktritts vom Christentum Apostäta, d. i. der Abtrünnige, benannt, war 331 geboren und der Sohn des Julius C onstantius, eines Bruders Konstantins d. Gr. Als nach des letztern Tod 337 dessen Söhne ihre meisten Verwandten aus dem Wege räumen ließen, wurden J. und sein Bruder Gallus verschont. Beide erhielten 345—351 auf einem Schlosse in Kappadocien eine mönchische Erziehung, welche in J. einen zähen Widerwillen gegen das Christentum hervorrief. Dagegen erweckten seit 351 seine Studien zu Nikomedia bei ihm eine leidenschaftliche Liebe zur griech. Poesie und Philosophie, vornehmlich der neuplatonischen. Der Gunst der Eusebia, der Gemahlin seines Vetters Constantius II., hatte er es zu danken, daß er seine Studien in Athen 355 fortsetzen durfte und daß er von Constantius 6. Nov. 355 zu Mailand zum Cäsar ernannt und nach Gallien geschickt wurde, um dieses Land gegen die Einfälle der german. Völker zu schützen. Die Alamannen wurden von ihm namentlich in der Schlacht bei Argentoratum (Straßburg) 357 geschlagen, die Franken zum Frieden genötigt, und dreimal ging er, die Feinde 3 schrecken, über den Rhein. Auch für die innere Verwaltung Galliens wirkte er wohlthätig durch gute Rechtspflege und verständige Finanzwirtschaft. Im März 360 riefen ihn seine Truppen, deren teilweise Entsendung nach dem Orient der eifersüchtige Constantius verlangt hatte, zu Paris zum Augustus aus. Als sein Verlangen, als solcher für Gallien von Constantius anerkannt zu werden, von diesem zurückgewiesen worden, brach im Mai 361 J. mit seinem Heere aus Gallien auf und drang bis Naissus in Mösien vor, wo er die Nachricht von des Constantius 3. Nov. 361 in Cilicien erfolgtem Tod erfuhr. Als Alleinherrscher schaffte er nun viele Mißbräuche ab und linderte, namentlich durch Beschränkung des Hofstaats, die Steuerlast des Volks. Dagegen trat er öffentlich Ende 361 in Konstantinopel vom Christentum zum Heidentum zurück, suchte das letztere sittlich und geistig neu zu beleben und den Christen Abbruch zu thun. Um den von Constantius auf ihn vererbten Krieg gegen die Perser glücklich zu enden, machte er 362 zu Antiochia große Rüstungen und drang 363 bis Ktesiphon und weiter über den Tigris vor. Mangel an Lebensmitteln nötigte ihn zum Rückzuge, auf welchem er von den Feinden verfolgt wurde und an einer im Treffen erhaltenen Wunde 26. Juni 363 starb. Jovianus, der von den Truppen als sein Nachfolger ausgerufen wurde und im Febr. 364 starb, rettete das Heer durch einen schimpflichen Frieden, den er mit den Persern schloß, und hob die Verordnungen des J. gegen das Christentum wieder auf. Der Rücktritt des J. zum Heidentum, um dessentwillen ihn namentlich die Kirchenväter seiner Zeit in den schwärzesten Farben malen, erklärt sich aus dem Bildungsgange seiner Jugend, aus seiner durch heidnische Rhetoren genährten phantastischen Frömmigkeit und aus dem Haß gegen seinen Vetter Constantius. Geschichtlich bedeutsam ist dieser Rücktritt als der letzte Versuch, dem Christentum ein zum Teil mit dessen eigenen Mitteln reformiertes Heidentum im Stil des Neuplatonismus gegenüÜberzustellen. I. trat selbst als Redner und Schriftsteller auf und kämpfte gegen das Christentum mit den Waffen seines glänzenden, ebenso scharfsinnigen als phantastischen Geistes. Verloren sind von seinen Schriften die Gedichte, die Geschichte seiner Fiolsen⸗ gegen die Germanen und, bis auf die Stellen, die in des Bischofs Cyrillus Widerlegung aufgenommen sind, seine Schriften gegen das Christentum. Die noch erhaltenen Schriften des J. tragen das Gepräge der damaligen Sophistik und zeichnen sich durch glänzenden Stil, durch Belesenheit und Witz mehr aus als durch Kraft, Wahrheit und Reichtum an innerm Gehalt. Dieselben bestehen teils aus sophistischen Aufsätzen, die er Reden nennt, teils aus Briefen, unter denen vornehmlich das Sendschreiben an die Athener über seine Erhebung gegen Constantius wertvoll ist, endlich aus zwei Satiren, die eine, Caesares v enannt, eine Beschreibung der Saturnalienfeier im Aymp und der Bewirtung der von den Römern dergötterten Kaiser am Tische der Götter, die anere, Antiochikosv oder Misopogono, gegen die Antiochier und ihre Verspottung seines cynischen Uußern gerichtet. Seine Werke wurden von Spanhenius (Lpz. 1696) und neuerdings von Hertlein Bd. 1, Lpz. 1875), die „Epistolaen von Heyler Mainz 1828) herausgegeben. Vgl. Neander, Über den Kaiser J. und sein eitalter» (Lpz. 1812; 2. Aufl., Gotha 1867); Strauß, Der Romantiker auf dem Throne der Cäaren, oder J. der Abtrünnigen (Halle 1847): die UArbeiten von Mangold (Stuttg. 1862) und Semisch Bresl. 1862); Rode, 4Geschichte der Reaktion des Kaisers J. auf die christl. Kircheß (Jena 1877); Neumann, «Juliani imperatoris librorum contra Christianos quae supersunto (Lpz. 1880).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 918Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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