FeedItalienische Sprache
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Italienische Sprache. Die ital. Sprache ist, wie die übrigen roman. Sprachen, nicht unmittelbar aus dem gebildeten klassischen Latein entstanden, sondern vielmehr aus der in den letzten Jahrhunderten des Römischen Reichs mehr und mehr herabgekommenen Sprache des gemeinen Volks, der Lingua Romana rustica. Unter dem zersetzenden Einfluß der Sprachen der german. Eroberer, welchen noch eine Anzahl aus denselben entlehnter Wörter bekunden, bildete sich jene lat. Volkssprache während der ersten Jahrhunderte des Mittelalters langsam und allmählich zu dem Italienischen um, welches noch lange den Namen Lateinische oder Römische Sprache führte, im Gegensatz zu der Lingua Francisca und Theotisca, wie man die Sprachen der german. Eroberer nannte. Später entstand dann für die neue Sprache der Name Lingua vulgaris (volgare) im Unterschied von dem Latein, welches als Grammatica oder Grammatice loquio bezeichnet wurde. Keineswegs war aber diese neue vulgäre Sprache in allen Teilen Italiens die nämliche, sondern, wie schon in der Römerzeit das Latein vom Volke anders in Apulien und anders im nördl. Italien gesprochen wurde, so entstanden auch jetzt eine große Menge verschiedener Mundarten, die gegenwärtig noch allenthalben im Verkehr des gewöhnlichen Lebens, selbst von den höhern Ständen gebraucht werden und teilweise eine nicht geringe litterarische Ausbildung erhalten haben. Dante, im 13. und 14. Jahrh., zählt in seinem Buche De vulgari eloquiob wenigstens 14 solcher Mundarten auf, welche er sämtlich, ohne die florentinische werten nehmen, für untauglich zu höhern Geisteswerken erklärt; weshalb er denn auch auf eine nirgends heimische, aber allen Gebildeten gemeinsame Hochsprache, die er vulgare illustre, aulicum, curiale, cardinale nennt, hinweist. Die Geschichte hat seine d Ansicht bestätigt, denn die Sprache, die man die it Italienische nennt, ist 4½% 5 an keinem Orte z Italiens die eigentliche Volkssprache. Hiernach muß es auch als eine Anmaßung der Florentiner elten, wenn sie, weil ihre Mundart der Schriftprache näher steht als irgend eine andere ital. Mundart, verlangen, jene solle nicht Lingua italiana, sondern fiorentina oder höchstens toscana genannt werden. Die heutigen ital. Mundarten erfuhren zwar seit der Zeit Dantes mannigfache Veränderungen, aber die meisten von ihnen behielten die von dem Dichter angegebenen Grundzüge. Zunächst ist der Gegensatz der nördl. und der südl. Mundarten zu bemerken. In der erstern herrschen die Konsonanten, auch in den Endungen der Wörter, und starke Verstümmelungen der ursprünglichen röm. Laute vor, im Suden dagegen der Vokal und vorzüglich die dunkeln Laute u und o. In der Mitte, in Toscana und dem Kirchenstaat, worauf der Einfluß der Fremden verhältnismäßig geringer gewesen, hat die Sprache am meisten röm. Form und Betonung beibehalten. Der Norden von Italien zerfällt wieder in drei deutlich geschiedene Sprachklassen. In der Mitte tritt der german. Einfluß in sprachlichen Rauheiten und Verstümmelungen besonders hervor. Im Osten hat sich in dem dem Meere zugewandten Leben Venedigs eine weichlichere Mundart ausgebildet, welche unter allen italienischen am meisten litterarisch ausgebildet wurde. Im Westen ist der Einfluß des Französischen vorherrschend weniger im Genuesischen, weit mehr jedoch im iemontesischen. Reben diesen Mundarten findet sich schon sehr früh, seit dem 12. Jahrh., wie Dante richtig bemerkt, eine edlere, d. h. den ursprünglichen röm. a am nächsten stehende und ebendeshalb bildamere Sprache, welche zuerst in Sicilien am Hofe Friedrichs II., dann aber auch von den meisten Dichtern in allen Landstrichen Italiens gebraucht wird. Mit dem 14. Jahrh. verschwinden, wenigstens in der Poesie, die Spuren sowohl mundartlicher Verschiedenheit als auch franz. und provengal. Formen und Ausdrücke, die bei den ältesten Schriftstellern noch sehr häufig vorkommen. Die Sprache der Poesie, jetzt eine wahrhaft konventionelle, aber durch den Gebrauch von Jahrhunderten geheiligte, ist vorzüglich von Dante mit vollem Bewußtsein, später von Petrarca und Boccaccio ausgebildet, riert worden: diese Sprache ist wefentlich die nämiche geblieben seit den Zeiten Dantes bis auf die Gegenwart. Nicht ganz so verhielt es sich mit der Prosa. Die ältesten Schriftsteller waren auch hier Toscaner oder Florentiner, und unter ihnen nimmt Boccaccio mit Recht den ersten Rang ein; nur daß derselbe, durch das Studium der alten Klassiker verleitet, seiner Sprache eine unnatürliche Fülle und einen schwerfälligen Periodenbau zu geben suchte, welcher lange Jeit die ital. Prosa entstellte und bis in die neueste Zeit Nachahmer fand. Da es Italien bisher an einem Mittelpunkte der nationalen Gesamtbildung fehlte, auch kein Prosaiker so überwiegenden Einfluß zu gewinnen vermochte, daß er allgemein als Muster und Vorbild hätte betrachtet werden können, so geschah es stets, daß bei dem Erscheinen eines bedeutendern Schriftwerks über dessen stilistischen Wert, oft sehr heftig, gestritten wurde. Am verderblichsten hat im 17. und bis über die Mitte des 18. Jahrh. hinaus der Einfluß des Französischen auf die ital. Sprache gewirkt, indem viele Italiener aus Vorliebe für die Franzosen und deren damalige philos. Bildung dahin gelangten, die Eigentümlichkeiten ihrer edeln Sprache zu verleugnen und im Grunde Französisch mit ital. Worten zu schreiben. Erst in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrh. und im Anfang des 19. machten ebenso patriotisch gesinnte als gründlich gebildete Männer, wie Monti, Perticari u. a., diesem Unwesen ein Ende. So hat die ital. Sprache sich nicht einer stetigen, gleichförmig fortschreitenden Ausbildung erfreut, wohl aber mehrere Schwankungen des Steigens und das14 erlebt; wie denn die Zeit Dantes, Petrarcas, das 14. Jahrh., von den Italienern mit Recht das erste Goldene Zeitalter ihrer Sprache, daher il buon secolo, auch wohl il Trecento genannt wird. Nach kurzer Vernachlässigung im 15. Jahrh., wo das Studium der klassischen Sprachen die Teilnahme aller Gebildeten im höchsten Maße in Anspruch nahm, erhob sie sich im 16. durch Ariosto, Guarini, Tasso zu dem höchsten Gipfel formeller Ausbildung, um im 17. und 18. dem verderblichen Einfluß des Gallizismus zu unterliegen und dann wieder einer neuen Regeneration entgegenzugehen. Uber die gegenwärtige ital. Schriftsprache vgl. Gelmetti, „La lingua parlata di Firenze e la lingua letteraria d' Italiad (Mail. 1874). Die Italiener konnten sich bis auf die jüngste Zeit nicht rühmen, die Grammatik ihrer Sprache mit wissenschaftlicher Gründlichkeit bearbeitet zu haben. Der erste, welcher Beobachtungen über die Sprache sammelte, war der Kardinal Bembo, dessen Arbeit, vielleicht schon 1500 begonnen, doch erst 1525 unter dem Titel Prosep erschien. Nur mehrere kleine, unbedeutende Arbeiten von Fortunio, Liburnio, Marcantonio Flaminio traten noch etwas früher ans Licht. Die Prosev selbst, in Gesprächsform, sind weder gründlich noch vollständig und halten sich ausschließlich an Boccaccio und Petrarca. Die Bemühungen des Grafen Giangiorgio Trissino, die Orthographie zu regeln und durch neue Schriftzeichen zu fixieren, hatte nach langem Streit nur den Erfolg, die Buchstaben v und j als eigentümliche Konsonanten einzuführen. Von andern grammatischen Arbeiten machten zu ihrer Zeit Epoche und haben einen bleibenden Einfluß geübt: der «Ercolano des Varchi (Flor. 1570 fg.), dessen Zweck war, die Ansprüche der Florentiner auf Alleinherrschaft in der Sprache geltend zu machen; die Avvertimenti della lingua von Salviati (2 Bde., Vened. u. Flor. 1584—86), worin weitschweifig nur von den Buchstaben, vom Nomen und vom Artikel gehandelt wird; Hella lingua toscanan von Buommattei (Flor. 1648), die erste ziemlich vollständige, von der Accademia della Crusca als die ihrige adoptierte und mehrmals herausgegebene Grammatik. Eine reiche Fundgrube von Beobachtungen und Beispielen sind die 4Osservazioni della lingua italianao von Cinonio (Marcantonis Mambelli, Tl. 1, Forli 1685; Tl. 2, Ferrara 1644; von Lamberti neu herausg., 1 Bde., Mail. 1809—13), worin in alphabetischer Ordnung von dem Verbum und von den Partikeln gehandelt wird. Lehrreich ist die Arbeit von Daniele Bartoli, II torto e diritto del non si pudy (Rom 1665 u. öfter; mit Amentas Zusätzen 2 Bde., Neap. 1717). Die erste systematische, vollständige und mit guten Beispielen ausgestattete Grammatik, 752 Italienisch-Franz.⸗Osterr. Krieg von aus welcher fast alle Neuern geschöpft haben, sind die Regole et osservazionie von Corticelli (Bologna 1745 u. öfter; beste Ausg. von Parenti, Reggid 1826). Fleißige Arbeiten über einzelne Teile der Sprachlehre haben seitdem Mastrofini, (Teoriase prospetto de' verbi italiani (2 Bde., Rom 1814), Nannucci (seit 1813), Gherardini, Antolini u. a. geliefert. Die meisten neuern Grammatiken von Italienern, wie von Ambrosoli, Ponza, Biagioli, Valentini, Robello, Troya, Semeria, Puoti, de Stefano, Rodind, Zaccaro u. s. w. sind im ganzen nicht von Bedeutung. Die zahlreichen grammatischen Arbeiten der neuesten Zeit fußen meist auf deutschen Forschungen. Auch in Deutschland sind viele ital. Grammatiken erschienen; die meisten aber, wie die von Jagemann, Flathe, Philippi, Fornasari, Frühauf,‚ Fogolari, Manitius, Sauer, Keller u. a., sind nur für das gewöhnliche Bedürfnis gearbeitet und beruhen auf Corticelli. Die erste selbständige Arbeit ist die „Ital. Sprachlehres von Fernow (2 Tle., Tüb. 1804); sehr brauchbar die von Mussafia (Wien 1860; 8. Aufl. 1875). Als der erste gelungene Versuch einer histor.⸗-etymolog. Bearbeitung der Sprache ist Blancs „Ital. Grammatiko (Halle 1844), noch immer die einzige echt wissenschaftliche Arbeit dieser Art, zu nennen. Die Lexikographie beginnt in Italien ebenfalls im 16. Jahrh. mit den dürftigen Wörtersammlungen von Minerbi (1535), Fabricio de Luna (1536) und Accaritio (1543). Etwas reicher sind schon Alunnos Le ricchezze della lingua volgarev (1543) und »Della fabbrica del mondos (1546). Das erste mehr vollständige Lexikon ist das Memoriale della linguas von Pergamini (1568). Endlich erschien, zuerst in Venedig (1612), das «Vocabolario degli Accademici della Cruscan, welches mit pedantischer Strenge sich fast ausschließ— lich auf die Schriftsteller des Trecento und auf Florentiner beschränkte, mit großem Fleiß alle Verstümmelungen, alle schmutzigen Ausdrücke und Redensarten des Pöbels gesammelt, aber die Umgangssprache und die Sprache der Wissenschaften und Künste gänzlich außer Acht gelassen hat. Eine zweite, wenig veränderte Ausgabe erschien zu Venedig 1623, die dritte, bedeutend vermehrte (3 Bde., 1691), die vierte (6 Bde., 1729—38) zu Florenz, die fünfte, begonnen 1840, ist erst bis zum Buchstaben D angelangt. Das Werk erlebte eine große Zahl von Nachdrucken, Auszügen und Bearbeitungen. Unter letztern sind hervorzuheben die von Ant. Cesari (6 Bde., Verona 1806), besonders aber die von Giuseppe Manuzzi (4 Bde., Flor. 1836 -44; 2. Aufl. 1862 fg.). Das erste nicht florentin., sondern wahrhaft ital. Wörterbuch ist das Dizionario enciclopedicos von Francesco Alberti (6 Bde., Lucca 1797—1805). Unter den seitdem erschienenen größern Wörterbüchern dieser Art sind beson— ders hervorzuheben: Dizionario della lingua italiana (7 Bde., Bologna 1819—-26), das große Dizionario universale della lingua italianao von Mortara, Bellini, Codagni und Mainardi (8 Bde., Mantua 1845—56), die Wörterbücher von Tommaseo und Bellini (Tur. 1864 fg.), Carena (2 Bde., Tur. 1851—53), Bolza (Wien 1851—53), Fanfani (2 Bde., Flor. 1855; 2. Aufl. 1865), (Vocabolario dell' uso toscanoo (Flor. 1863), Trinchera (2 Bde., Mail. 1864), Rigutini (Flor. 1874) u. s. w. Synonymische Wörterbücher haben Tommaseo 5. Aufl., Mail. 1867) und Zecchini (neue Aufl., ur. 1864) veröffentlicht. Von den in Deutschland erschienenen Wörterbüchern stehen die von Jagemann, Kramer, Castelli, Veneroni und Flathe nur der Crusca nach; das reichhaltigste und beste ist das „Gran dizionario italiano-tedesco e tedescoitalianoo von Valentini (2 Bde., Lpz. 1831—32), der auch ein sehr brauchbares Taschenwörterbuch (11. Aufl., 2 Bde., Lpz. 1882) verfaßt hat; das neueste ist das Handwörterbuch von H. Michaelis alienisch-Französisch-Gsterreichischer Krieg von 18³⁴ „s. Italienischer Krieg von 1859.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 750Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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