Abirrung des Lichts oder Aberration nennt man die Differenz der Richtung, in welcher wir einen Stern am Himmel erblicken, von derjenigen, in welcher er uns erscheinen würde, wenn entweder die Erde stillstände oder das Licht zu seiner Fortpflanzung von einem Punkte zum andern gar eine eit brauchte. Beide Ursachen, die Bewegung der Erde um die Sonne und die Fortpflanzung des Lichts, bewirken vereint, daß wir, um einen Stern im Fernrohre zu sehen, das letztere in eine Lage bringen müssen, welche mit der nach dem wahren Orte des Sterns gehenden Richtung einen kleinen Winkel bildet, und zwar müssen wir es in derselben Richtung, in welcher die Erde sich bewegt, weiter vorwärts neigen. Folgendes Beispiel wird das Gesagte chr großre Wenn auf ein Schiff, welches mit sehr großer Schnelligkeit gerade von W. nach O. einen Strom hinabführe, von dem südl. Ufer, gerade in der Richtung von S. nach N. eine Kugel mit solcher Kraft abgefeuert würde, daß sie beide Seitenwände Wn müßte, so würden die beiden Löcher in der Wand einander nicht gerade, sondern etwas schräg gegenüberliegen, da das Schiff in der Zeit, welche zwischen der iich, ein gung des ersten und zweiten Lochs verstrich, ein Stück weiter nach O. fuhr. Wüßte man nun nicht, daß das Schiff sich bewegt hätte, so würde man lauben müssen, die Kugel 0 nicht gerade, sondern chräg auf das Schiff abgeschossen worden, da die erbindungslinie zwischen den beiden Löchern schräg durch das Schiff durchgeht. Setzen wir statt des Schiffs die dahineilende Erde, statt der Kugel einen Lichtstrahl von einem fernen Sterne, so — wir ganz denselben Fall. Wir müßten, wenn der Stern direkt nach S. zu stände, das Fernrohr, mit dem wir nach ihm schauen wollten, nicht in dieser Richtung, Iuns de in der Richtung der schrägen Verbindungslinie der beiden Kugellöcher, also ein wenig voraus nach O. zu stellen. Führen wir nach W., so müßte das Fernrohr von der Südrichtung ein wenig westlich abweichen. Dieser — 8⸗ oder Abirrungswinkel ist übrigens nur sehr klein, nämlich im günstigsten Falle, wenn die Erde sich gerade quer auf die Richtung des von einem Stern kommenden Lichts bewegt, 20,4 Bogensekunden, weil die Erde in der Zeitsekunde nur 30 EKm, das Licht aber über 300 000 km me wach Aus dem Gesagten folgt auch, auf Sterne, welche sich in einer Richtung senkrecht auf die Erdbahn oder CEkliptik, also an den Polen der Ckliptik befinden, während des Laufs eines Jahres allmählich an Orten gesehen werden, welche um ihren wahren Standpunkt herum in einem Kreise liegen, dessen Halbmesser 20,4 oder Durchmesser 40,8 Bogensekunden beträgt. Für Sterne außerhalb der Pole der Ekliptik werden diese scheinbaren Kreisbahnen zu Ellipsen, deren große, dem erwähnten Kreisdurchmesser gleiche Achsen parallel mit der Ekliptik liegen, und deren kleine Acsen immer mehr zusammenschrumpfen, bis endlich Sterne, die in der Ckliptik selbst liegen, sich nur noch geradlinig parallel mit der Ekliptik während eines Jahres einmal hin⸗ und herzubewegen scheinen. Die A. des Lichts wurde 1727 von dem engl. Astronomen Bradley entdeckt, der bei dem Versuche, die Parallaxe mehrerer Fixsterne zu bestimmen, scheinbare Ortsveränderungen bemerkte, die auf teine andere als die eben angegebene Art erklärt werden konnten. Übrigens liefert die A. des Lichts einen neuen Beweis für die Bewegung der Erde um die Sonne und bestätigt zu 6 die vom dän. Astronomen Römer festgestellte Geschwindigkeit des Lichts. Eine erschöpfende Theorie der A. des Lichts lieferten Bessel u. a. Vgl. Ketteler, «Astron. Undulationstheorie oder die Lehre von der Aberration des Lichtso (Bonn 1873). — Über die optische Abirrung s. unter Abweichung.