Akalephen (grch., Nesseln), auch Quallen, Medusen oder Seenesseln, nannte man früher eine Anzahl meist freischwimmender, gallertartiger Meertiere, die häufig in großen Schwärmen —— treten und von denen viele Arten bei der Berührung ihrer Körper und ihrer Fühlfäden eine nesselnde Empfindung und selbst brennende Röte der Haut verursachen. Neuere Untersuchungen, die sich besonders auf die Entwickelung und Fortpflanzun dieser Tiere bezogen, haben eine gänzliche Umgestaltung der Ansichten darüber herbeigeführt. Die A. oder Quallen gehören mit den Korallentieren zu der großen, den Gliedertieren, den Würmern u. s. w. gleichwertigen Abteilung der Cölenteraten, niederer Tiere mit strahlenförmiger Anordnung der Organe, die meist nach der Grundzahl vier, seltener nach der Grundzahl sechs geordnet sind. Die Anordnung der Verdauungsorgane charakterisiert voriugsweise die Cölenteraten. Von einer centralen, meist durch einen auf der Bauch-Diele elegenen Mund, zuweilen aber auch durch viele offnungen nach außen kommunizierenden Verdauungshöhle (Magen) gehen radiäre, in der Körpersubstanz ausgehöhlte Kanäle ab, welche den Nahrungssaft in die Körperteile führen. Der Körper besteht größtenteils nur aus Zellen; selten finden sich Fasern. Überall gibt es Nesselorgane, bald auf dem Körper Lehaunt, bald auf einzelne besondere Körperteile gehäuft, die aus Kapseln bestehen, welche einen starren Faden hervorschnellen lassen. Die Mundöffnung ist meist mit hohlen, mit der Leibeshöhle in offener Verbindung stehenden Fühlern besetzt, und an ihrem Rande verbindet sich die äußere Leibeshaut mit der die Innenfläche auskleidenden Membran. Einige sind Zwitter, die meisten getrennten Geschlechts; viele bilden Tierstöcke und gemeinschaftliche Kolonien, teils mit gleichartigen, teils mit ungleichartigen wurnduen. Die Entwickelungsformen sind äußerst mannigfaltig. Außer Eiern, die seltsame Metamorphosen und Ammenzeugungen durchlaufen, kommen Knospung und Teilung als häufige Entwickelungsformen vor. Fast alle sind Meertiere; es gibt nur zwei Polypenformen im süßen Wasser. Die A. oder Quallen (Medusae) insbesondere sind freischwimmende Tiere, meist von der Gestalt eines Regenschirms oder eines Blätterschwamms. An einer runden Scheibe oder Glocke, welche durch Zusammenziehungen das Schwimmen bewirkt, hängen rundum Fäden und meist in der Mitte, auf Conversations-Lexikon. 13. Aufl. I. einer strunkartigen Verlängerung, der Mund mit der Verdauungshöhle, welche in radiäre Gefäße ausstrahlt, die sich an dem Rande der Scheibe ge-Witelund in ein Rundgefäß sammeln. Die Entwickelung der Organisation läßt hier mehrere Formen unterscheiden, deren Klassifikation namentlich dadurch sehr verwickelt wird, daß meistens zwei Gene die Schamauallen oder Medusen. polypenförmige, sog. Hydrarpolypen, und eine die höhern Quallen (Medusae phanerocarpae oder Acraspeda) haben an der Gallertscheibe Lappeneinschnitte, zwischen welchen die Fühl⸗ und 100 äden, sowie meist rotgefärbte Sinnesorgane, og. Randkörper, angebracht sind, die stets Ohrbläschen, zuweilen Augen enthalten. Die Magenhöhle liegt im Mittelpunkte der Glocke, und die Geschlechtsteile sind auf krausenartigen Ausstülpungen dieser Magenhöhle angebracht, die meist einen vierarmigen Stern bilden und von gewölbeartigen Bildungen des Schirms überdeckt sind. Der Mundstiel ist häufig verästelt, zuweilen gar kein centraler Mund vorhanden, sondern durch eine große Menge kleiner offnungen ersetzt. Aus den Eiern dieser Tiere entwickelt sich ein über und über mit Wimpern besetztes Junges, das einem Infusorium gleicht, nach einigem Umherschwimmen sich festsetzt, einen Polypen mit Armen bildet und dann Teilungssprößlinge erzeugt, die wie Untertassen aufeinandersitzen und einen Zapfen bilden, dessen Stiel der Polyp darstellt. Diese Zwischenformen hat man Strobila genannt. Die Sprossen lösen sich nach und nach ab und sind dann kleine Medusen, die schnell wachsen. Die größten, oft in den wunderbarsten Farben prangenden Schirmquallen gehören in diese Abteilung (Rhizostoma, Cyanea, Aurelia). Es gibt indessen auch Medusen, bei welchen die Eier sich ohne polypenähnliche Zwischenstufe direkt in Medusen umwandeln (Pelagia). Die niedern Quallen Line Lar cryptocarpae oder Craspedota) haben keine Lappeneinschnitte, keine gefärbten Sinnesorgane. Der Magensack hängt an der Scheibe, und die Geschlechtsorgane entwickeln sich auf ihm oder an der Unterfläche der Scheibe. Sie entstehen entweder unmittelbar aus dem Ei (Cunina, Geryonia) der Meduse, oder als Knospen der Meduse, die bald auf dem Magenstiele, bald auf dem Schirmrande oder den Radialgefäßen sich ausbilden (Sarsia), oder endlich als Knospen auf sog. Hydroidpolypen, die meistens Kolonien bilden (Stauridia, Campanularia), und lösen sich nach ihrer Ausbildung ab, um frei umherzuschwimmen. Bei vielen Polypen aber, wie namentlich bei der Hydra des süßen Wassers, aber auch bei vielen teils einfachen, teils Kolonien bildenden Hydrarpolypen des Meeres, lösen sich die Knospen nicht ab, sondern bleiben als Geschlechtsknospen sitzen, sodaß dann die Kolonien aus zwei ungleichartigen Individuen bestehen, aus Nährindividuen, den Polypen, und aus Geschlechtsindividuen, den festsitzenden oder sich loslösenden Quallenknospen. Diese Arbeitsteilung ist noch weiter getrieben bei den sog. Röhrenquallen oder Schwimmpolypen (Siphonophora), wo an einem bald röhrenörmigen, bald breiten Stamme, der häufig durch eine Luftblase mit dem nge veesch ins Auhnnelter gesetzt ist, eine Menge verschieden entwickelter Individuen sitzen, diealle durch Knospung entstanden sind und von denen jedes eine bes ondere Funktion hat. Es finden sich da: Glocken, die nur der Bewegung des Schwimmens dienen, also lokomotive Individuen, den Schirmquallen ähnlich gestaltet; Nährtiere, wie Polypen gestaltet, oft mit komplizierten Angelorganen Rhaben. 06 Tasterindividuen, die keinen Mund haben; Geschlechtstiere männlichen und weiblichen Geschlechts, kleinen Medusen gleichend, von denen die einen festsitzen, die andern sich loslösen. Die merkwürdigen, zuweilen Federbüschen gleichenden, höchst durchsichtigen Kolonien schwimmen im Meere. Die bekannte Seeblase der tropischen Gewässer (Physalia), Man of waro (Kriegsschiff) von den engl. Matrosen genannt, gehört zu diesen Organismen, wo die Arbeitsteilung auf verschiedene Individuen aufs höchste getrieben und die Grenze zwischen Organ und Individuum gänzlich verwischt ist. ö Endlich wurden früher noch zu den Quallen die eine besondere Klasse bildenden Rippenquallen (Ctenophora) gerechnet, freischwimmende, meist sehr zarte und durchsichtige Seetiere, gewöhnlich in Gurkenform, auf deren Außenfläche acht oder vier Reihen von Schwimmplättchen, die in allen Farben des Regenbogens spielen, das Schwimmen vermitteln. Die Tiere sind Zwitter; die Geschlechtsorgane liegen unter den Schwimmplättchenreihen; die Eier machen keine Verwandlung durch. as Nervensystem, aus einem Centralknoten gebildet, liegt am Grunde der Magenhöhle am Anfange eines Trichters. Altere, noch jetzt brauchbare Arbeiten über die Quallen stammen von Eschscholtz und Mertens. Die neuern Adlen, sind von Agassiz, Gegenbaur, Hertwig, Huxley, Kölliker, Leuckart, Milne-Edwards, Sars und K. Vogt gewonnen worden. Vgl. Chun, Das Nervensystem und die Muskulatur der Rippenqualleno (Frankf. a. M. 1878); Haeckel, Das System der Medusenp, Tl. 1: «Monographie der Meduseno (2 Abteil., mit Atlas, Jena 1879 -81).