FeedAlexander I.
GeschichteBrockhaus 1882

Alexander I., Fürst von Bulgarien, vorher Prinz von Battenberg, ist der zweite Sohn des Prinzen Alexander (s. d.) von Hessen aus dessen morganatischer Che mit Julie, geborener Gräfin von Hauke, welche 1851 bei ihrer Vermählung vom Großherzog Ludwig III. zur Gräfin (später zur Fürstin) von Battenberg erhoben wurde und zwar nach dem kleinen Orte Battenberg im jetzigen Kreise Biedenkopf (preuß. Regierungsbezirk Wiesbaden), welcher bis 1866 zum Großherzogtum Hessen gehörte. A. wurde 5. April 1857 geboren, besuchte 1870 —73 die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal bei Gotha, erhielt dann seine militärische Ausbildung im Kadettenhaus zu Dresden, ward Secondelieutenant im 2. großherzogl. hess. Leibdragonerregiment Nr. 24, sowie à la Suite des russ. 3. Ulanenregiments, mit welchem er auch am Russisch-Türkischen Kriege von 1877.—78 teilnahm, und wurde 29. April 1879 von der bulgar. Notabelnversammlung zu Tirnowa durch Acclamation einstimmig zum Fürsten von Bulgarien erwählt. Nach seiner Erwählung machte er eine Rundreise an die größern europ. Höfe und stellte sich 5. Juli 1879 in Konstantinopel dem Sultan Abd-ul-Hamid vor; der Investiturferman wurde ihm nachgeschickt. Am 6. Juli betrat er in Varna den Boden Bulgariens, leistete 9. Juli vor der Nationalversammlung u Tirnowa den Eid auf die Verfassung des Lanes, hielt 13. Juli seinen feierlichen Einzug in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, und setzte ein Ministerium der gemäßigten Partei ein. Am. 2. Nov. eröffnete er die Sobranje (Gesetzgebende Versammlung) mit einer Thronrede, mußte aber schon 5. Dez. die aus national-radikalen (großbulgarischen) Elementen bestehende Versammlung Ciement worauf die neue, welche aus ebensolchen Elementen gebildet war, 4. April 1880 zusammentrat. A. suchte sich in engster Verbindung mit Rußland zu halten und war bemüht, dem Lande eine regelrechte Entwickelung und geordnete Zustände zu geben. Aber es war seiner Regierung unmöglich, zweckmäßige Gesetzvorschläge zur Hebung der Finanzen und des innern Wohlstandes durchzubringen; die Sobranje drängte entschieden auf Vereinigung Ostrumeliens mit Bulgarien und auf Gründung eines Großbulgarischen Reichs und vergeudete die Finanzen. Diesem Treiben gegenüber ohnmächtig, erließ A. 9. Mai (27. April) 1881 eine Proklamation an die Bevölkerung, in welcher er Bulgarien «nach außen diskreditiert, im Innern desorganisiertv erklärte und verkündigte, daß er die Große Nationalversammlung einberufen habe, um ihr seine Krone zugleich mit den Geschicken Bulgariens zurückzustellen. Gleichzeitig ernannte er den frühern russischen in bulgar. Dienste übergetretenen General Ernroth zum Minister des Kriegs, des Innern und Conseilspräsidenten. Um den nun auftretenden Agitationen zu steuern, verhängte A. durch Dekret vom 6. Juni (25. Mai) 1881 über das ganze Fürstentum den Belagerungszustand und erließ ein Schreiben an den Conseilspräsidenten, in welchem er mitteilte, daß er von der einzuberufenden Großen Nationalversammlung ein einfaches Votum über die Wahl zwischen der Genehmigung der folgenden drei Artikel oder 15011 Abdankung verlangen würde. Die Artikel verlangten: daß der Fürst auf die Dauer von sieben — mit außerordentlichen Vollmachten (Diktatur) ausgerüstet werde, um neue Institutionen ins Leben zu rufen; daß die ordentliche Session der Sobranje für das J. 1881 suspendiert bleibe; daß der Fürst ermächtigt werde, vor Ablauf der sieben Jahre die Große Nationalversammlung zum Zwecke der Revision der Verfassung auf Grundlage der neugeschaffenen Institutionen einzuberufen. Die Wahlen zur Großen Nationalversammlung fanden Ende Juni (neuen Stils) statt. Am 13.JI. Juli trat die aus 328 Abgeordneten bestehende Versammlung in Sistowa zusammen und nahm fast einstimmig die drei Forderungen des Fürsten durch Acclamation an. Das betreffende Protokoll wurde von 306 Abgeordneten unterzeichnet; 6 Dissidenten waren in der Sitzung nicht erschienen. Sofort nach Unterzeichnung des Dunnt kolls erklärte A. die Session für geschlossen. Damit war die Differenz zwischen Fürst und Volk vorläufig beseitigt. (S. Bulgarien.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 384Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 1

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6