Amurland heißt der 1858 von China im Vertrag von Aigun an Rußland abgetretene Teil der Mandschurei, und zwar das ganze Gebiet 305 dem linken Ufer des Amur nebst dem Küstenlande im O. des Amur, seines Rebenflusses Ussuri und einer Linie von diesem zum Flusse Tumyn an der Grenze von Korea, zusammen ungefähr 650000 Akm. Das Land .— 7 in das innere Am urgebiet am linken Ufer des Amur bis zur Mündung des Ussuri mit der Hauptstadt Blagowestschensk(449500 qkm, 1873 mit 25 204 C.) und dem zum Küstengebiet von Sibirieno gehörigen Seedistrikt des Amurlandes mit den Städten Chabarowka an der Mündung des Ussuri, seit 1880 Hauptstadt der ganzen Küstenprovinz, Wladiwostok und Nikolajewsk, zwei geräumigen, stark befestigten Kriegshäfen. Geographisch wie politisch wird zum A. auch die Insel Sachalin (s. d.) gerechnet. An der Nordgrenze des Landes zieht sich das Stanowoigebirge hin, das viele Arme südwärts aussendet. An der Nordwestecke durchbricht der Amur die Ausläufer dieses sowie die des Chingangebirgs. An der Südgrenze gegen Korea erhebt sich das Schneegebirge Schan-Alin. Mit diesem in Verbindung steht vielleicht das mandschur. Küstengebirge, welches auf einer Länge von 10 Breitengraden bis zur Amurmündung streicht und die ganze Strecke zwischen der Tatarischen Meerenge und der Stromfurche des Ussuri und untern Amur füllt. Es ist völlig menschenleer, meist dicht bewaldet und fällt überall steil zur Küste ab, von welcher aus sich nackte und schroffe Berge in mächtigen Felsbänken über die Waldregion hinaus zu einer absoluten Höhe von 1170—1370 m emportürmen. Das steile Meeresufer ist mit Nadelwald bewachsen, ohne bedeutendere Flüsse, aber reich an schönen Häfen. Solche sind: die De Castriesbai, ——5 durch die von ihr nach dem Kidsisee, an dessen Westeingang Sofiisk liegt, erbaute Eisenbahn Bedeutung erlangt hat; dann die Hadschibai, der Kaiserhafen der Russen oder die Barracoutabai der Engländer, die einen von hohen Felsen umschlossenen Fjord darstellt; die Wladimirbai; die Olgabai; an der Südküste der herrliche Meerbusen Peters d. Gr., früher Victoriabai, mit der Amerikabai, der Wostokbai, den tief einschneidenden Busen Ussuri und Amur, zwischen denen auf der Spitze der Halbinsel der wichtigste aller dieser Häfen Wladiwostok (s. d.) liegt, und nahe der Grenze von Korea der Possietbafen, der wegen des in der Nähe befindlichen Steinkohlenlagers besonders wichtig ist. Diese geräumigen und sichern Häfen sind für die Entwickelung der russ. Seemacht in den Gewässern des Großen Oceans von Bedeutung, zumal der Zugang zum Amur für große Schiffe schwierig und die Hälfte des Jahres zugefroren ist. Das Klima des Landes ist, als das einer kontinentalen Ostküste, weit rauher, als seine geogr. Breite zwischen 43· und 54 nördl. Br. erwarten läßt. Zwar übt das Meer einen mildernden Einfluß, allein infolge der ungünstigen Verteilung der Windrichtungen doch nur in geringem Maße. Der obere Amur ist von Oktober bis Anfang April, der Liman von November bis Ende Mai gefroren. Die Ertreme der Sommer⸗ und Wintertemperatur gehen oft um mehr als 60° R. auseinander (im Sommer bis + 33°, im Winter bis — 33e); die mittlere Temperatur am Possiethafen ist 4,8 R., an der Sungarimündung + 2,4R., in Nikolajewsk — 2,055 R., in Blagowestschensk — 0,1 R. Im Innern des Landes, an dem mittlern Laufé, dem südl. Bogen des Amur, berühren sich Klima, Pflanzen⸗ und Tierwelt von Nord⸗ und Südasien. Das Land hat eine üppige Vegetation, herrliche Laubwälder von Eichen, Linden, Ahornarten, Ulmen, Eschen, Walnußbäumen ——6600 von fast allen sibir. Blumen. Die Feuchtigkeit, namentlich die jährliche Regenmenge, ist viel bedeutender als in Sibirien, und die Wiesen stehen den besten sibir. nicht nach. Der Boden ist fast überall sehr fruchtbar. Die Gewässer sind reich an Fischen, namentlich an Stören und Lachsarten. Pferde, Rinder, Schafe gibt es in Menge: strichweise findet sich das Renntier; die Zahl der jagdbaren Tiere ist sehr groß. Die einheimische, überaus spärliche Bevölkerung gehört (mit Ausnahme der Giljaken am untersten Amur) dem tungus. Volksstamme an und lebt großenteils nur von Jagd und Fischfang. Es wohnen am Amur die Orotschonen abwärts bis Albasin, die Monjagern bis Aigun, die Biraren bis zur Bureja, die Goldy oder Chodseng zu beiden Seiten der Ussurimündung, die Orontschen weiterhin zwischen dem untern Amur und dem Küstengebirge, das sie selten überschreiten, die Samagarzy oder Samagirzy, ein tungusischer Stamm, an den Ufern des Amgun, weiterhin die Mangu oder Manguny, endlich die Negda am Amgun. Man hat die Gesamtzahl dieser Stämme auf 18000 Köpfe, die der russ. Kolonisten (1878) auf 44617 veranschlagt, von welch letztern 3385 auf Blagowestschensk, 5314 auf Nikolajewsk und 997⁴ auf Wladiwostok kommen. Im Sept. 1860 hat die Regierung das Statut eines Amur-⸗Kosakenheers genehmigt, dem die ganze Amur⸗ und Ussurilinie bis zur Südküste, also die ganze Grenze gegen China, zur Bebauung und Ansiedelung angewiesen ist. Die Zahl der Militärkolonisten beiderlei Geschlechts setzte man vorläufig auf 15-20000 fest. Dies Kosakenheer stellt un der durch Prikas vom 29. Nov. 1879 erfolgten Reorganisation im Frieden 2 reitende und 2 Fußsotnien, im Kriege 1 reitendes Regiment von 6 Sotnien und 2 Halbbataillone von je 3 Fußsotnien auf. Der Sitz des Nakasny-Ataman befindet sich zu Blagowestschensk. Das Land eignet sich trefflich für Ackerbau und Viehzucht, vermag eine zahlreiche Bevölkerung zu nähren und ist außerordentlich reich an Bauholz, 94188 und jagdbaren Tieren. Namentlich aber hat es in der Handelsstraße des über 3000 km weit schiffbaren Amur einen Vorzug vor Sibirien, dessen Flüsse erst durch die Expedition Nordenstiölds (1878 — 79) einigermaßen für den Handel eröffnet sind. Am Jablonoigebirge finden sich Steinkohlen und Gold. Roggen, Wolle und Vieh werden unzweifelhaft sehr wichtige Ausfuhrprodukte werden, und die Einfuhr jeder Art von Kolonial- und Luxuswaren wird Sibirien künftig weit leichter von Osten her erhalten, als auf dem schwierigen und kostspieligen Wege von Westen her. Bei der schwachen Bevölkerungszahl ist jetzt ein bedeutender Handelsverkehr noch nicht möglich; 1855 und 1856 waren nur je 2 Schiffe, 1878 dagegen 30 Kauffahrteischiffe eingelaufen. Ins Ausland, hauptsächlich nach Tschi-fu und Tientsin, werden exportiert: Seekohl (eine Alge), Eis, Salzfische, Hausenblase, Moschusbeutel, Leder, Wolle, Vieh, gelbe Erbsen, Hirse, Hafer, Tabak, Mehl, Schafpelze, Marder- und Eichhörnchenfelle, ol, Senf, Knoblauch. Holzausfuhr ist verboten, so groß auch der Reichtum daran ist. Die Einfuhr besteht in Alkohol, Rum, Arak, Cognak, Genever, engl. Bier, Mehl, Glas, Mauersteinen, Salz, Seife, Lichten, Wein, Thee, Reis, Olfarbe, Tabak u. s. w. Geschichtliches. Die ersten Nachrichten vom Amur erhielten die russ. Machthaber im neueroberten Ostsibirien 1639 durch Kosaken, die von den Tungusen am südlichern Ud von dem reich ausgestatteten A. und dem Silberreichtum der Dauren an der Schilka gehört 194 Solche Berichte gaben Veranlassung, daß 1643 Wasily Pojarkow von Jakutsk nach dem Amur abgeschickt wurde. Nachdem er 1646 zurückgekehrt, unternahmen einzelne Abenteurer Züge nach dem obern Amur, und 1649 folgte der größere Zug des Jerofei Chabarow, der am Amur das Fort Jaksa, das spätere Albasin, anlegte. Einen zweiten Zug unternahm Chabarow 1651, überwinterte oberhalb der Ussurimündung und schlug 1652 ein chines. Heer zurück. Er ging dann wieder den Amur aufwärts und gründete an der Mündung des Komar den Komarskoi-Ostrog (51 ½ nördl. Br.), der längere Zeit der Centralpunkt der russ. Macht am Amur blieb. An Chabarows Stelle erhielt sodann Stepanow den Oberbefehl, der ebenfalls Raubzüge unternahm, aber 1658 mit den Seinen erschlagen ward. Erst 1665 erschien der Kosake Tschernigowski am Amur, baute das zerstörte Albasin wieder auf und unterwarf 1670 den Wojwoden von Nertschinsk. Die Chinesen gründeten nun Aigun (s. d.) und rückten 1685 vor Albasin, das sie zerstörten. Bald jedoch bauten die Russen Albasin wieder auf, schlossen aber endlich, nachdem sie eine lange Belagerung ausgehalten, mit den Chinesen 27. Aug. 1689 den Friedensvertrag von Nertschinsk, durch den eigentlich das ganze A. chinesisch und den Russen verschlossen wurde. Wiewohl seitdem alle Machthaber Ostsibiriens an die Erwerbung des reichen Landes dachten, schritt doch erst Graf Nikolai Murawjew (. d.), seit 1848 Generalgouverneur von Ostsibirien, mit Ernst dazu. Russ. Kriegsschiffe untersuchten zunächst 1849 die noch fast ganz unbekannte Tatarische Meerenge, 1850 den Amur-Liman, wo 1852 der Nikolaiposten (Fort Nikolajewsk) gegründet wurde. Dann erstanden 1853 die Forts Mariinsk (bei Kidsi am Amur), Alexandrowsk an der De Castriesbai, Konstantinowsk am Kaiserhafen, Ilgin an der West⸗ und Murawjewsk an der Südküste von Sachalin. Inzwischen organisierte Murawjew in Daurien eine große Expedition, die mit etwa 1000 Mann Pzahlrrich und Kosaken sowie einigen Kanonen auf zahlreichen Flößen und ungefähr 50 Booten, begleitet vom Dampfschiff Argun, 15. Mai 1854 von Schilkinskoi-Sawod, unterhalb Nertschinsk, abging und 15. Juni Mariinsk erreichte. Hierdurch wurde die russ. Herrschaft über den Amur begründet. Nikolajewsk wurde Sitz der Marine, Mariinsk Centralpunkt der Landtruppen. Von Schilkinskoi-Sawod aus fanden dann noch drei aufeinander Thegee Expeditionen den Amur abwärts statt, welche gegen 3000 Soldaten und 500 Ansiedler nebst Geschütz, Rindvieh, Pferden, Lebensmitteln, Ackergerätschaften u. s. w. in das Mündungsgebiet des Amur schafften, wo nun Bauten, Befestigungen u. dgl. ungemein rasch fortschritten. Die Chinesen legten diesem Beginnen kein Hindernis in den Weg, sondern begnügten sich mit der Aufzeichnung der vorüberfahrenden russ. Boote. Durch kaiserl. Befehl vom 31. Okt. 1856 wurde das bisherige Gebiet von Kamtschatka durch das untere A. vergrößert und erhielt den Namen Küstengebiet von Ostsibirieno und Nikolajewsk zum Hauptort und Sitz des Gouverneurs. Die Zahl der Kolonisten wuchs ebenso wie die russ. Ansiedelungen, die alsbald von der Amurmündung bis zum Ussuri hinauf reichten. Der Verkehr auf dem Hauptstrome hob sich mehr und mehr. Endlich ward 1858 die offizielle Vereinigung des A. mit dem Russischen Reiche ausgesprochen. Murawjew schloß 28. Mai 1858 zu Aigun mit dem chines. Civilgouverneur einen Vertrag ab, wonach den Russen das linke Ufer des obern und mittlern sowie beide Ufer des untern Amur von der Mündung des Ussuri an überlassen und ihnen außerdem freie Schiffahrt auf den rechten Nebenflüssen des Amur gestattet wurde. Dieser Vertrag fand durch den Handelsvertrag, welchen Graf Putjatin 13. Juni 1858 zu Tientsin unterzeichnete, seine Bestätigung. Schon 21. Mai hatte Murawjew den Grundstein zu einer neuen Stadt Blagowestschensk (an der Vereinigung der Dseja und des Amur) gelegt, und später beschloß man die Anlegung von Sofüsk nahe oberhalb Marinsk. Durch kaiserl. Befehl vom 20. Dez. 1858 wurde das neuerworbene Land in das Amurgebiety und den „Seedistrikto geteilt. Der Handelsvertrag zu Peking vom 14. Nov. 1860 bestimmte Aden die Grenze zwischen China und Russischlsien derart, daß die Grenzlinie am Amur abwärts bis zur Mündung des Ussuri, an diesem aufwärts zum Sungatschi läuft, den großen See Chanka (Kengka) durchschneidet, zum Flusse Belenho (Tur) zieht, von dessen Mündung dem Kamme des Gebirgs bis zur Mündung des Hupitu (Haptu), dann der zwischen dem Flusse Kurtschum und dem Meere Eumenh Bergkette bis zum Derhat Tjumen oder Thumen-Kiang folgt, 9 km oberhalb dessen Mündung in die Bai Goschkewitsch des Japanischen Meers. Dadurch kam das ganze Kustenland der Mandschurei an Rußland. Litteratur. Außer den Berichten in geogr. Zeitschriften: Venault, Voyage fait en 1850 dans la Mandchourie septentrionales (Par. 1852); Schrenck, Reisen und Forschungen im A. 1854—-565 (1. u. 2. Bd., Petersb. w1858—67, 4. Bd. Petersb. 1876—77); Maack, «Reise nach dem Amur 18555 (in russ. Sprache, mit Atlas, Petersb. 1859); Atkinson, Travels in the region of the Amoory (Lond. 1860); R. Andree, „Das Amurgebiet v (2. Aufl., Lpz. 1876); Schmidt, von Glehn und Brylkins, Reisen im A.y (Petersb. 1868).