FeedAnilinfarben
NaturlehreBrockhaus 1882

Anilinfarben oder Teerfarben. In dem Steinkohlenteer oder Gasteer finden sich gegen sechzig verschiedene Körper, von denen aber nur vier für die Erzeugung von Farben Bedeutung erlangt enol, Diese vier Stoffe sind das Benzol, das Phenol, das Raphthalin und das Anthracen. Aus dem Phenol oder der Carbolsäure (s. d.) stellt man gelbe und rote Farbstoffe (Pikrinsäure, Korallin, Isopurpursäure), aus dem Naphthalin (s. d.) das prächtige Magdalarot, das Naphthylaminviolett und das Martiusgelb, aus dem Anthracen (s. d. Waber das künstliche Alizarin dar. Doch nur das Benzol (s. d.) und das Toluol liefert, nachdem es in Anilin (s. d.) und Toluidin übergeführt, die eigentlichen A. Dieselben lassen sich jedoch nicht aus chemisch reinem Anilin, sondern nur aus einem Gemenge von diesem mit Toluidin herstellen, wie durch neuere Forschungen erwiesen ist. Ein solches Gemenge entsteht immer bei der Verarbeitung von käuflichem Benzol, da diesem stets das ihm nahe verwandte Toluol beigemischt ist. Die früheste Beobachtung des Auftretens einer Färbung des Anilin verdankt man Runge (1834). Es verliefen etwa 28 Jahre bis zur industriellen Ausbeutung dieser Beobachtung. Der erste Darsteller einer A. für die Technik ist der Engländer Perkin, der 1856 ein Violett in den Handel brachte. Der Ausgangspunkt für die eigentlichen A. ist jedoch das von A. W. Hofmann 1858 entdeckte Anilinrot, welches die Grundbedingung der Erzeugung von andern Farben, des Blau, Violett, Grün u. s. w. wurde. Unabhängig von Hofmanns Arbeiten stellte 1858 der franz. Chemiker Verguin Anilinrot aus Anilin und Zinnchlorid dar. Sein Präparat wurde wegen der Ahnlichkeit der Farbe mit jener der Fuchsiablüte «Fuchsine genannt. Eine wesentliche Verbesserung der Darstellungsmethode des Fuchsins wurde gleichzeitig in England von Medloc und in Paris von Girard und Delaire gefunden, die bald allgemeine Anerkennung fand. Dieselbe besteht in der Anwendung von Anilin mit Arsensäure und Erwärmen der Mischung und ist hinsichtlich der Ausbeute die vorteilhafteste, obblaic sich wegen der Giftigkeit der Arsensäure sehr edenkliche Schattenseiten an dieselbe knüpfen. In neuester Zeit stellt man das Fuchsin nach den Methoden von Coupier und Brüning in Höchst a. M. ohne Arsensäure dar. Die Piaent⸗ Namen für das Anilinrot sind Fuchsin, Magenta, Solferino, Azalein, Rosein, Harmalin, Rubianit. Es ist ein Salz, und zwar die Verbindung einer Base, deren Zusammensetzung durch die Formel C Hie N, ausdrückbar ist, von A. W. Hofmann mit dem Namen Rosanilin (s. d.) bezeichnet, mit einer Säure, gewöhnlich Essigsäure oder Salzsäure. Das Rosanilin selbst ist ungefärbt, seine Salze dagegen, welche sämtlich leicht krystallisieren, gefärbt. Die Salze des Rosanilins oder das Fuchsin zeigen im reflektierten Lichte den grünen metallischen Glanz gewisser Käferflügeldecken, während sie im durchfallenden Lichte rot erscheinen. Ihre Lösungen in Wasser und Alkohol besitzen eine intensive prächtig karminrote Farbe. Sie sind von äußerst ärden Färbekraft. 1 kg Fuchsin reicht hin zum Färben von 200 kg Wolle. Das Fuchsin ist die Grundlage fast aller übrigen A.; so gibt Fuchsin, mit Anilin oder mit gewissen Methyl⸗ und Athylverbindungen erwärmt, Violett oder Blau. Nächst dem Anilinrot oder dem Fuchsin sind die wichtigsten A. folgende: Anilinviolett, bei dem man drei Modifikationen unterscheidet: 1) das sog. alte Anilinviolett (Mauve, Mauvein, Violin), 1856 von Perkin aus Anilin dargestellt, 2) das Neuviolett (Hofmanns Violett oder Jodviolett, Dahlia, Primula), aus Fuchsin und Jodmethyl erhalten, ist salzsaures Trimethylrosanilin C²0 HIe(CH=)3NAHCI, 3) das Methylanilinviolett, von Bardy zuerst dargestellt und von Poissier und Chappat in die Farbenfabrikation eingeführt, ist gegenwärtig fast das allein angewandte Anilinviolett; Anilinrosarot wird durch das 1868 von Perkin entdeckte 3. Lrein (s.d.) erzeugt; Anilinblau (Lyonerblau, Azurin, Azulin) ist namentlich Triphenyl-Rosanilin und wird durch Erhitzen von Fuchsin mit Anilin erhalten; mit Schwefelsäure bildet es eine gepaarte Säure, deren Kalisalz das in Wasser lösliche Kaliblau ist; Anilingrün 1——4— in vier verschiedenen Varietäten, nämlich als Aldehydgrün, als I von A. W. Hofmann entdeckt, als Methy anilingrün und als Malachitgrün; Anilingelb tritt in zwei Formen auf, als Chrysanilin (Xanthin, Aurin, Phosphin) und als Chrysoidin; Anilinschwarz, eine überaus echte Farbe, wird durch die Einwirkung oxydierender Agentien auf Anilin erhalten; Anilinbraun, unter den Namen Bismarckbraun und Marron vorkommend, ist phenyliertes Rosanilin. Für den Zeugdruck, für die Seidenfärberei und die Färberei glatter Wollstoffe haben die A. bereits eine H Wichtigkeit erlangt, weniger dagegen in der Baumwollfärberei, in welcher solide Färbungen immer nich in alter Weise mit vegetabilischen und anorganischen Farben ausgeführt werden. A der Wollfärberei für gewalkte Tücher haben die A. bisjetzt fast keine Anwendung gefunden. Die Benutzung der A. zum Färben von Weinen, Liqueuren und Konditorwaren ist in hygienischer Hinsicht tadelnswert, da zur Darstellung vieler derartiger Hraut Arsensäure oder Quecksilberpräparate geraucht werden und viele Fabrikanten nicht Rücksicht auf die vollständige Entfernung dieser Giftstoffe nehmen, doch kommen auch vielfach giftfreie Farbstoffe in den Handel. Die Fabrikation der A. hat sich in Deutschland hauptsächlich in Südwest⸗ und Westdeutschland (Offenbach, Biebrich, Harn am Main, Mannheim und Ludwigshafen, armen, Elberfeld und Krefeld) konzentriert. Die Gesamtproduktion in Europa, welche 1867 einen Wert von 22½ Mill. Mark hatte, belief sich 1874 bereits auf 33¼½ Mill. Mark. Daran beteiligt sich Deutschland ungefähr mit der Hälfte der Produktion. Im J. 1878 bezifferte sich der Wert der Niill. Mart Theerfarben in Deutschland auf 40 ill. Mark (wovon vier Fünftel exportiert), in England auf 9 Mill. Mark, in Frankreich auf Mill. Mark, in der Schweiz auf 7 Mill. Mark, ganzen also auf 63 Mill. Mark. Litteratur: A. W. Hofmann, Neues Handwörterbuch der Chemier (Bd. 1, Braunschw. 1874); E. Kopp, EExamen des matières colorantes dérivées du goudron de houilles (1861); Krieg, „Theorie und praktische Anwendung von Anilin in der Färberei und Druckerei (3. Aufl. von Oppler, Berl. 1866); Reimann, «Technologie des Anilino (Berl. 1866); Lunge, «Destillation des Steinkohlenteers (Braunschw. 1867); Bolley und Kopp, Die künstlich erzeugten organischen ¹ (Bd. ö5 des „Handbuchs der chem. Technologie v», 2. u. 3. Lfg., Braunschw. 1870 — 74); Beckers, „Anilinfärberei⸗ (4. Aufl., bearbeitet von Reimann, Berl. 1871); Girard und G. de Laire, Traité des dérivés de la houille applicables à la production des matières coloranteso (Par. 1873); Vogel, Die Entwickelung der Anilinindustrie v 95 1870); F. Springmühl, «Die chem. Prüfung der künstlichen organischen Senh »(Berl. 1873); W. Stein, „Die Prüfung der Zeugfarben und Farbematerialiendo (Eutin 1873). [Verweis.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 664Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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