Apollo (grch. Apollon) erscheint unter den Göttergestalten der griech. Religion und Mytholohgie als eine in ethischem Sinne besonders durchgebildete, sozusagen vergeistigte, und sein Kult hat namentlich in den dor. Staaten sehr viel zur Milderung der Sitten und zur Feststellung und Heilighaltung der staatlichen Ordnung beigetragen; doch ist A. keineswegs, wie man geglaubt hat, ein ursprünglich speziell dor. Gott. Ebenso beruht die erleitung des griechischen A. aus Lykien auf einer unrichtigen Auffassung des Beinamens Lykios; allerdings aber haben die Griechen frühzeitig ungriech.,; besonders kleinasiat. Lichtgottheiten mit ihrem A. identisiziert. Seiner ursprünglichen Naturbedeutung nach ist A. der Gott des Lichts, insbesondere des Sonnenlichts mit allen seinen wohlthätigen, aber auch verderblichen Wirkungen, wie ersteres deutlich in dem Beinamen, den er in der Homerischen Poesie gewöhnlich führt, Phöbos (d. h. der Leuchtende, Strahlende), sowie in den Beinamen Lykios (der Lichte) und Agletes (der Glänzende) hervortritt. Daher heißt er der — des Zeus, des höchsten Himmelsgottes, und der Leto (Latona), einer Göttin des nächtlichen Dunkels, die in der systematischen griech. Mythologie als die Erdgöttin Hera zur rechtmäßigen Gemahlin des Zeus geworden war, nur als Kebsfrau des Zeus und daher als von Hera verfolgte Nebenbuhlerin erscheint. Der Gott des jungen Lichts wird unter schwierigen Verhältnissen geboren. Der Mythus erzählt: Leto, von der Eifersucht der Hera, die allen Ländern und Inseln verboten hatte, die Verfolgte aufzunehmen, lange Zeit umhergetrieben, findet endlich auf dem kleinen Eilande Delos, welches zu der Zeit, wo Hera ihr Verbot erlassen hatte, noch als Fels in der stürmisch bewegten Meeresflut umhertrieb, eine Stätte und gebiert hier nach langen Wehen Zwillinge, den A. und die Artemis. Der neugeborene Gott, der sogleich in der Fülle jugendlicher Schönheit strahlt, ergreift alsbald Pfeil und Bogen, eilt über Meer und Länder hinweg und tötet mit seinen sichern Pfeilen den verderblichen Drachen Python, ein erdgeborenes Ungetüm, das die Gegend verheerte, wo später Delphi oder Pytho mit dem Heiligtume des A. stand. So zeigt er sich gleich nach seiner Geburt als der Überwinder der dem Lichte und, wie dies dann im ethischen Sinne aufgefaßt wurde, der sittlichen Weltordnung feindlichen Mächte, als der Abwehrer des Übels, wie dies Dunb eine Reihe von Beinamen, die ihn als den Unheilabwendenden, Hilfe-und Rettungbringenden bezeichnen, wie Alexikakos, Apotropäos, Epikurios, Soter u. ähnl., ausgedrückt wird. Demnach erscheint er in den Sagen auch als Rächer frevelhaften übermutes, der überhebung der Menschen über die ihnen von der Gottheit gesetzten Schranken (der Hybris). So erlegt er nebst Artemis den ungefügen Riesen Tityos, welcher der Leto Gewalt anthun will, vernichtet samt den übrigen Göttern die erdgeborenen Giganten, tötet wiederum in Gemeinschaft mit der Artemis die Kinder der Niobe, welche sich in übermütigem Stolze über Leto erhoben hatte, und sendet pestbringende Pfeile (welche ursprünglich die verderblichen Wirkungen der allzu mächtigen Strahlen der Sonne bedeuten) in das Lager der Griechen vor Troja, weil der Führer derselben, Agamemnon, seinen behan Chryses nicht mit der gebührenden Achtung behandelt hat. Daher 21 er auch schon in den Homerischen Gedichten gewöhnlich der Ferntreffer (Hekatebolos) und der Gott mit dem silbernen Bogen (Argyrotoxos), und die bildende Kunst hat ihm Bogen, Pfeil und Köcher als gewöhnliches Attribut beigegeben. ö Die ursprüngliche Naturbedeutung des A. tritt auch noch Adach in einer Reihe von Kulten besonders ion. und achäischer Staaten hervor, in denen der Gott als Beschützer einzelner Beschäftigungen, die in engem Zusammenhang mit dem unmittelbaren Naturleben stehen, ers eint: so der A. Nomios, d. h. der Weidegott, und der A. Karneios leigentlich Schaf-Apollon), der als Schützer der Herden, deren Gedeihen ja vor allem durch das Licht und die Wärme der Sonne und den regelmäßigen Verlauf der Selphimig⸗ bedingt wird, 3 Reer aeist; der A. Delphinios, der über das Meer gebietet und den Schiffer vor den Gefahren des Sturden Hafen sendet (A. Embasios) und daher besonders an Küsten und Vorgebirgen verehrt wird (A. Aktios); der A. Thargelios, der die Früchte des Feldes reifen läßt und sie vor Schaden aller Art, insbesondere auch vor Heuschrecken (daher A. Parnopios in Athen u. a.) und vor Mäusen (da1 A. Smintheus, der Mäusegott, in Troas) ehütet. Als Sonnengott erscheint A. ferner in der Sage, wonach er eine Zeitlang einem ln Theha Manne, dem Admetos, König von Pherä in Thessalien, als Knecht dienen mußte; denn Admetos ist kein anderer als der «ungebändigter, d. h. unüberwindliche Todesgott, und die Dienstbarkeit des Sonnengottes drückt nach einer besonders im Orient geläufigen Vorstellung die Machtlosigkeit der Sonne während des die Natur gleichsam in die Fesseln des Todes schmiedenden Winters aus. Endlich ist auch die schöne Sage von den Hyperboreern, einem Volke, das jenseit der nördl. Gebirge, von denen der Nordwind (Boreas) herweht, in seliger Ruhe und Klarheit wohnt und wie ein heiliges, priesterliches Volk dem Gotte dient, der es öfter aufsucht, aus der ursprünglichen Naturbedeutung des Lichtgottes zu erklären und damit das Symbol des Greifs, eines Fabeltiers, das man sich ebenfalls im hohen Norden wohnend und die reichen Schätze Goldes, womit die Phantasie Eeg Perdtn jene Gegend ausstattete, hütend dachte, in Verbindung zu setzen. Durch die mehr und mehr in den Vordergrund tretende geistige und — e Auffassung der ursprünglich durchaus aus Personifikation von Naturkräften und Naturerscheinungen entstandenen Gottheiten wurde der Gott des reinen Sonnenlichts zum Repräsentanten und Schützer aller Reinheit und Klarheit auf geistigem und sittlichem Gebiete, zum Urguell aller Bildung und alles Fortschritts sozigler wie polit. Beziehung. So erscheint er zunächst als Gott des Gesangs und des die wilden Leidenschaften besänftigenden Citharspiels, daher ihm auch die Leier (Lyra, Kithara, Bogen dien als zweites Hauptattribut neben dem Bogen gegeben wird. Er erfreut die Götter durch seine himmlische Kunst; er führt den Chor der Musen (A. Musagetes) und verleiht den von ihm begnadigten Menschen die Gabe des Gesangs und der Dichtung. Als Gott der geistigen Klarheit und Erleuchtung ist A. auch der Gott der Weissagung, der im Namen und Auftrag seines Vaters Zeus Orakel, d. h. Sprüche über das den Zet d. Verborgene in Gegenwart und Zukunft, erteilt, den Menschen zur Belehrung und Warnung, freilich oft nicht mit nüchternen klaren Worten, sondern nur andeutend und mißverständlich, weshalb sein Beiname Loxias schon im Altertum von Losse, d. h. krumm, zweideutig, abgeleitet wurde. Viele seiner Heiligtümer waren zugleich berühmte Orakelstätten, wie vor allen das delphische, ferner das zu Abä in Phokis, zu Orobiä auf der Insel Euböa und die ursprünglich ungriech., aber von den griech. Ansiedlern mit ihrem A. identiftzierten Gottheiten angehörigen Heiligtümer zu Didyma bei Miletos (das sog. Heiligtum der Branchiden) und zu Klaros bei Kolophon in Jonien und zu Patara in Lykien. Ferner ist der Gott des reinen suchtt als Abwehrer alles übels auch der hauptsächlichste Sühngott, zu dessen Altären sich die von Blutschuld Befleckten flüchten, um dort Reinigung und Sühnung zu empfangen. Andererseits ist er als Helfer in Bezug auf körperliche Leiden auch Heilott (Päan, Päeon), wie er namentlich in den Homersschen Gedichten erscheint, während der spätere Glaube ihm diese allerdings von ihm ausgehende Gabe seinem Sohne Asklepios (Asculapius; s. Askulap) übertragen läßt. Endlich wird A. auch als Urheber und Schützer aller bürgerlichen und staatlichen Ordnung und Zucht, daher als Städtegründer und Gesetzgeber betrachtet. So verehrte man in Athen den väterlichen A. (A. Patroos) als den Stammgott und Beschützer des ion. Stammes überhaupt; so führten die Spartaner ihre von Lykurgos (dessen Name aus dem apollinischen Kult entnommen ist und sogar als Beiname des Gottes selbst erscheint) gegebene Verfassung auf den A. und sein Orakel in Delphi zurück, und wenn irgendein griech. Staat eine Pflanzstadt (Kolonie) in fernen Landen begründen wollte, so pflegte er sich vorher beim Delphischen Orakel Rats zu erholen und dessen Weisungen zu gehorchen. Von den Römern ist der Kultus des Apolloo, wie sie ihn nannten, frühzeitig, wahrscheinlich schon unter der Herrschaft der Tarquinier, offenbar von den griech. Pflanzstädten Unteritaliens, besonders von Cumä her, aufgenommen worden und bald zu hoher Bedeutung in der röm. Staatsreligion gelangt. Man hat den Gott in Rom ebenso wie in Griechenland als den Urquell aller Reinheit, Klarheit und Ordnung, insbesondere als Heil⸗ und Sühngott, als Gott der Musik und der Weissagung, in zahlreichen Tempeln verehrt, unter denen namentlich der von Augustus nach seinem bei Actium über Antonius und Kleopatra gewonnenen Siege (31 v. uheh⸗ gestiftete auf dem Palatinischen Hügel hervorzuheben ist. Ja auch nördliche, namentlich kelt. Völkerschaften haben seit ihrem Bekanntwerden mit der röm. Sprache und Kultur manche 0100 einheimischen Göttergestalten mit dem griechisch-römischen A. identifiziert, daher man noch öfter in röm. Inschriften auf gallischem und german. Boden den A. mit barbarischen Beinamen, wie Belenus, Grannus und ähnlichen, findet. Vgl. Roscher, «Studien zur vergleichenden Mythologie der Römer und Griechen. I. A. und Marsv (Lpz. 1873); Milchhöfer, «über den attischen A.v Munch. 1873). „Die bildende Kunst hat den A. als Ideal männlicher Jugendschönheit, bartlos, mit langem, bald über den Nacken herabwallendem, bald aufgenommenem und oben in einen Knoten gebundenem Haar, mit schlankem Wuchs und dem Ausdruck reiner göttlicher Hoheit im Antlitz, gewöhnlich, besonders wenn ihm Bogen und Köcher als Attribut gegeben sind, bloß mit einem kurzen, über den Rücken herabhängenden Umwurf (Chlamys), bisweilen, wenn er als Citharspieler und Führer der Musen erscheint, mit — * „bis auf die Füße herabwallendem Gewande bekleidet dargestellt. Das Haupt ist nicht selten mit einem Kranze aus den Zweigen des 7 geheiligten Lorbeerbaums geschmückt; neben ihm steht häufig der Dreifuß als Symbol der Weissagung, da ein solcher in Delphi über dem Erdschlunde im Allerheiligsten des Tempels stand und der die Sprüche der Götter verkündenden Priesterin (Pythia) als Sitz diente. Von Tieren sind ihm außer dem Greif besonders auch der Schwan, der Wolf, die Maus und die Eidechse heilig. Zahlreiche Darstellungen des A. nach antiken Bildwerken findet man in O. Müllers „Denkmäler der alten Kunstv (2. Bearbeitung von Wieseler, Bd. 2, Gött. 1860) und in Conzes „Heroen⸗ und Göttergestalten der griech. Kunsto (Wien 1874). Eine der berühmtesten Statuen ist die des A. vom Belvedere im Vatikan zu Rom, eine aus der ersten röm. Menadeeherruhrende schöne Nachbildung einer Bronzestatue, welche den Gott als Helfer in dey Noth (Boédromios, s. d.) darstellt; sie wurde zu Ende des 15. Jahrh. bei Porto d'Anzio, dem alten Antium, gefunden. Die Originalstatue war wahrscheinlich ein Weihegeschenk, das in Delphi zu Ehren der Hilfe aufgestellt worden war, welche A. durch Sturm und Gewitter zur Abwehr der eingedrungenen Gallier (279 v. Chr.) geleistet hatte. (S. Tafel: Bildnerei III, 2.) Eine am Fuße der Akropolis von Korinth er Mitte des Statue des A. von Tenea aus der Mitte des 6. Jahrh. v. Chr. befindet sich in der Glyptothek zu München. (S. Tafel: Bildnerei II, I.)