Armenische Kirche. Das Christentum kam sehr früh nach Armenien, wenn auch die Berichte von Abgar (s. d.) sagenhaft sind und die erste sichere Kunde aus dem 2. Fahrh. stammt; auch wurde es durch harte Verfolgungen zeitweilig wieder verdrängt, bis der Bischof Gregor der Erleuchter ums J. 301 den Tiridates für dasselbe gewann und im 5. Jahrh. durch Miesrob die Bibel in die Landessprache übersetzt ward. Von da an herrschte ein reger Geist in der armen. Kirche, und Armenier besuchten häufig die Schulen zu Athen und Konstantinopel. dem Kirchenstreite über die zwei Naturen in Christus hielten es die Armenier mit den Monophysiten, verwarfen unter Begünstigung des Perserkönigs Khosroes, der das Land gegen 536 erobert hatte, auf einer Synode zu Tuin das chalcedonensische Konzil und lebten seitdem als abgesonderte Partei, die sich nach Gregorius die Gregorianische Kirche nannte. Ihr Oberhaupt wurde der Katholikos (d. h. der «allgemeine Bischofo) zu Etschmiadzin, einem Kloster bei Eriwan, der alten Hauptstadt Armeniens. In ihrer Mitte entfaltete sih bald ein reiches wissenschaftliches Leben; namentli suchte man die reiche, in syr. Sprache erhaltene Gt Litteratur durch übersetzungen der armen. eistlichkeit zugänglich zu machen. Als ihren größten Theologen verehren sie Nerses von Klaj, armen. Katholikos aus dem 12. Jahrh., dessen Werke mehrmals herausgegeben worden sind. Von der griech. (orthodoxen) Kirche haben sich die Gregorianer bis zum heutigen Tage getrennt gehalten. Dagegen haben die röm. Päpste zu verschiedenen Zeiten, z. B. 1145, 1341, 1440, wenn die Armenier die Hilfe des Abendlandes gegen die Mohammedaner in Anspruch nahmen, Unionsversuche gemacht. Dennoch ist dem Papsttum nur die Unterwerfung eines Bruchteils der armen. Kirche gelungen. Solche unierte Armenier gibt es in Polen, Galizien, Don un unter dem Erzbischof zu Nachitschewan am on und im russ. Gouvernement Jekaterinoslaw; außerdem in einigen auswärtigen Klöstern, wie auf dem Berge Libanon, in Rom, Marseille und namentlich auf der Insel San-Lazzaro bei Venedig. (S. Mechitaristen.) Sie erkennen die geistliche Oberherrschaft des Papstes an, stimmen in ihren Glaubenssätzen mit den Katholiken überein, haben aber * eigene Kirchenordnung. Bei dem Einbruch der Perser in Armenien zu Anfang des 17. Jahrh. sahen sich viele genötigt, Mohammedaner zu werden; aber bei weitem der größte Teil ist der alten Lehre und Religionsübung treu geblieben. Der Lehrbegriff der armen. Kirche unterscheidet sich vom griechisch-orthodoren besonders dadurch, daß er in monophysitischer Weise in Christus nur Eine Natur annimmt. Hinsichtlich der sieben Sakramente hat diese Kirche das Eigentümliche, daß die Täuflinge bei der Taufe dreimal besprengt und ebensoviel mal eingetaucht werden; daß sie die Firmelung gleich mit der Taufe verbindet; daß sie beim Abendmahl unvermischten Wein und gesäuertes Brot gebraucht, welches, in den Wein getaucht, herumgereicht wird; daß sie die letzte olung nur geistlichen Personen gleich erch ihrem Tode zukommen läßt. Die Armenier verehren Heilige, glauben aber an kein Fegfeuer. Im Fasten thun sie es selbst den Griechen zuvor; sie feiern nicht so viel Feste wie diese, halten aber auf eine strenge Feier. Ihren Gottesdienst halten sie in der Türkei meist des Nachts; die Messe in altarmen., die Predigt in neuarmen. Sprache. Ihre chen 1 Verfassung weicht wenig von der griechischen ab. Etschmiadzin am Ararat ist noch heute der Sitz des Kat olikos, steht aber jetzt unter russ. Herrschaft. Nach Etschmiadzin muß jeder Armenier in seinem Leben wenigstens einmal wallfahrten. Das heilige Salböl, das der Katholikos bereitet und an die Geistlichen verkauft, und die häufigen Wallfahrten der Armenier verschaffen ihm die Mittel, den Aufwand des Gottesdienstes zu bestreiten und treffliche Bildungsanstalten für Lehrer zu erhalten. Die Patriarchen zu Bischöse dere und Jerusalem, die Erzbischöfe und Bischöfe der Armenier werden von ihm eingesetzt und je nach drei Jahren von ihm in ihren Amtern von neuem bestätigt oder davon abgerufen. Die übrigen Geistlichen haben ähnlichen Rang und ähnliche Beschäftigung wie die olhun in der orthodoxen Kirche; sie haben keine Besoldungen, sondern leben nur von Almosen; ihre Bildung ist gering; die Mönche folgen der Regel des heil. Basilius. Eine eigentümliche Klasse der Geistlichen bilden die Wartabieds, eine Art graduierter Gelehrten, die als Mönche den Wissenschaften leben und lediglich 16 Vikarien der Bischöfe verwendet werden. Die Welt priester müssen sich einmal verheiraten, dürfen aber keine zweite Frau nehmen. Eine polit. Bedeutung gewann die armen. Kirche in der Türkei dadurch, daß die 401 0 welche nach der Einnahme Konstantinopels ihre sämtlichen orthodoxen Unterthanen als Rum Nilleti (Römische Nation) dem Patriarchen Gennadius nicht allein geistlich, sondern auch weltlich untergestellt hatte, auch die unter ihrer Botmäßigkeit befindlichen Armenier zu einem kirchlich-polit. Körper, der Ermeni illeti (Armenische Nation), vereinigte und dem mit wichtigen weltlichen Befugnissen ausgestatteten armen. Patriarchat der Hauptstadt in Pflege gab. In neuerer Zeit wurde die hierarchische Omnipotenz vielfach angegriffen und der Patriarch genötigt, seine Gewalt mit einem Rate von 12 Notabeln aus dem Laienstande zu teilen. Allmählich schwand sein Einfluß immer mehr, und gegenwärtig scheint von den ausgedehnten Rechten kaum mehr als der Ehrenvorsitz in dem Nationalrate, einer aus freier Volkswahl hervorgegangenen, die Angelegenheiten der Nation beratenden Versammlung, übrig geblieben zu sein. Neuerdings macht sich im Klerus und in der armen. Presse das Streben geltend, den Patriarchen in größere Abhängigkeit von dem Katholikos in Etschmiadzin zu bringen und dadurch den russ. Einfluß auf die gregorianischen Kirchengemeinden in der Türkei noch zu verstärken. Indessen hat der Patriarch bisher, unterstützt von der türk. Regierung, allen diesen Tendenzen beharrlichen Widerstand entgegengesetzt. Als um das J. 1835 die Unierte armen. Kirchengemeinschafte der Türkei auf der Benen Betrieb ebenfalls, und zwar unter der Benennung Katoluk Milleti (Katholische Nation), Korporationsrechte erhielt, entstand insofern eine Schwierigkeit, als nach den in der Levante bestehenden staatsrechtlichen Grundsätzen die Geistlichkeit zur Ausübung weltlicher Regierungsgewalt berufen war, während sie sich doch zu einem fremden, mit der Pforte nicht einmal durch Traktate verbundenen Potentaten, dem röm. Papste, in geistliche Abhängigkeit gesetzt hatte. Um diefer Unzukömmlichkeit zu begegnen, wurde eine Teilung der höchsten hierarchischen Gewalt vorgenommen, indem die weltlichen Befugnisse einem Patriarchen, der als Pfortenbeamter galt, die geistlichen aber einem die Verbindung mit Rom unterhaltenden Primas zufielen. Der röm. Stuhl hatte beim übertritt der Armenier vom Schisma zur Union die altnationalen Eigentümlichkeiten der Hulender, 8 die armen. Liturgie, den Julianischen Kalender, die besondern Heiligen u. dgl., Au zu belassen gelobt und den Missionaren die Angriffe auf die Gemeinde behufs ihrer Überführung in die abendländ. Kirche, d. h. die Umwandlung der unierten orient. En Aitahe, watschaft in eine Fraktion der Lateinischen Kirche, verboten. Gleichwohl gedachte der röm. Stuhl durch Intrigue, durch eine fingierte freiwillige Anschlußbewegung der Gemeinde, zu jenem Ziele zu gelangen und suchte zu diesem Behufe ihm ergebene Geistliche in die einflußreichsten Rirchen unterzubringen. Allerdings gelang es auch in der Person des Monsignore Hassun einen heißblütigen Ultramontanen als Primas zu bestallen, der die Ideen Roms mit Eifer zu verwirklichen strebte. Gegen diese Machinationen der Ultramontanen erhob sich unter Führung der Mechitaristen eine starke Opposition, welche in immer weitere Kreise des armen. Volks eindrang. Die Pforte, welche mit ihren Gefühlen mehr auf der Seite des Volks als des Klerus stand, suchte, franz. Einfluß nachgebend, jahrelang den Frieden auf Kosten der Gemeinde aufrecht zu erhalten. Nachdem aber Monsignore Hassun als eifriger Infallibilist sich 1870 nach Rom zum Konzil begeben hatte und er von dort namens des Heiligen Stuhls Vorwürfe und Drohungen wider seine Gegner schleuderte, erhoben sich diese unter Anführung nationalgesinnter Huthrern trieben die Kreaturen des Primas aus mehrern Kirchen Konstantinopels und konstituierten sich als von Rom unabhängige (altkath) Gemeinde, ohne gleichwohl, wie die 4 Armenier gehofft hatten, mit diesen eine nähere Gemeinschaft einzugehen. Von der Pforte wurde die vollendete Thatsache anertannt; am 2. Juli 1872 empfing der neugewählte Patriarch Kupelian die Investitur und wurde zugleich in den Besitz der Kirchengüter gesetzt, wogegen der abgesetzte infallibilistische Patriarch Hassun den Befehl erhielt, Konstantinopel zu verlassen. Diese Bewegung endete aber trotz der staatlichen Unterstützung mit dem Siege der «Hassunisten ». Im März 1879 unterwarf sich Kupelian, der altkath. Patriarch von Konstantinopel und das Haupt der Dlhnerr anti-infallibilistischen Bewegung, dem unfehlbaren Papste. Im Sept. 1879 folgten die übrigen 16 Bischöfe dieser Richtung mit etwa 13000 Anhängern. Die Pforte trug wiederum der vollendeten Thatsache Rechnung, indem sie Hassun wieder als rechtmäßigen Patriarchen anerkannte. Der Papst belohnte diesen etwa ein Jahr später durch Verleihung der Kardinalswürde. Seit etwa 50 Jahren sind auch prot. Missionare der verschiedensten Denominationen in Armenien thatia bisher jedoch ohne besondern Erfolg. Vgl. Malan, Divine liturgy of the Armenian churcho (1870).