FeedAnschwellung
BaukunstBau-Lexikon 1881

Anschwellung, f., 1. A.; Ausbauchung, f., Entasis, f. (Bauk.), griech. Ve, frz. enflure, f., renflement, m., engl. swelling, lat. adjéectio, f., entasis, f., ital. gonfio, span. intlacion. Die Säulen des griechischen u. römischen Stils waren nach oben verjüngt, hatten aber dabei nicht immer die Gestalt eines abgestutzten Kegels, sondern waren oft etwas ausgebaucht; diese Ausbauchung nennt man Anschwellung. Vitruv weist in seinem Werk auf eine beigegebene Zeichnung hin, die leider, wie alle Zeichnungen zu diesem Werk, verloren gegangen ist, u. giebt als Grund der Verstärkung den Umstand an, daß man dadurch einer optischen Täuschung entgegenwirke, infolge deren Säulen, welche keine A. haben, gegen die Luft gesehen, in der Mitte eingezogen erscheinen. Daher soll auch die Ecksäule eines Tempels etwas stärker und mehr ausgebaucht sein als andere, weil sie dem Auge mehr von Luftumgeben erscheint. Spätere Herausgeber und Nachahmer des Vitruv haben nun für die Konstruktion der A. Regeln aufgestellt, von denen wir hier zwei anführen. a) Zuerst muß die Höhe, der obere und untere Durchmesser der Säule, Fig. 211, bestimmt sein; im schlägt man mit dem unteren Säulendurchmesser B einen Halbkreis, aus dem Punkt O fällt man eine Senkrechte bis an diesen Kreis; das Kreisstück zwischen dem so gefundenen Punkt und Atheilt man in 4 Theile, und in eben so viele die oberen ¼¾ der Säulenhöhe; dadurch erhält man E G, F G, deren Längen durch Senkrechte von den Kreistheilungspunkten bestimmt werden. Die so gefundenen Punkte verbindet man durch eine stetige Kurbe. — b) Fig. 212. Sei der untere Säulenhalbmesser = 30 partes, so giebt man dem oberen B& deren 25; im ersten Drittheil der Höhe macht man OD == 31½ p. und verlängert ODüber Dhinaus. Mit dem Mäß OD schneidet man von a aus den Punkt b auf der Achslinie an, zieht dann a b und verlängert sie, bis sie CD in einem Punkt schneidet, nach welchem man durch beliebige Theilungspunkte KH Strahlen zieht, auf deren jedem man von Kaus das Mäß COD anträgt. Beide Methoden sind weitschweifig u. führen dennoch selten zu einer schönen Linie. — 6. Einfacher und besser ist folgendes Verfahren. Man zeichnet erst die Säule als bloßen abgestutzten Kegel, befestigt eine Latte, aus ganz gleichmäßigem Holz bestehend, an dem obern und untern Endpunkt des Säulencontours u. biegt sie dann so weit ab, als man die Säule ausbauchen will.“ Faßt man sie bei diesem Abbiegen gerade in der Mitte der Säulenhöhe, so wird diese Anschwellung von oben bis unten gleichmäßig; faßt man sie weiter unten, so bekommt die Säule ein leichteres; faßt man sie weiter oben, ein schwereres Ansehen. Bei Säulen im Innern von Gebäuden, die nicht weit von der dahinterliegenden Wand abstehen, macht man die A. geringer als bei freistehenden. Je größer man die A. macht, desto kräftiger sieht die Säule aus, doch darf die Säule am stärksten Punkt der A. nicht oder nur sehr wenig stärker werden als unten am Fuß, weil sie sonst ein schwülstiges Ansehen bekommt. In diesen Fehler sind viele Architekten des 17. u. 18. Jahrhunderts verfallen; s. d. Art. Barockstil und Zopfstil etc. Ms.) 2. A. des Bodens, auch Aufgehen, n., Aufquellen, Wachsen, n., genannt, frz. foisonnement, engl. swell of the ground. Die Erfahrung lehrt, daß ausgeschachtete, festgewachsene Erde, trotz Stampfens, ein größeres Volumen als vor dem Ausheben einnimmt. Die Differenz beider räumlichen Inhalte — die Anschwellung — wird annähernd bei festem Boden zu ½/, bei mittlerem zu ½6, bei lockerem zu ½¼½2 der gesamten Ausschachtung angegeben. 3. A. des gelöschten Kalkes, auch Gedeihen, n. Ausgeben, n., genannt, frz. foisonnement, m., engl. swelling, rising, increasing, s. d. Art. Kalk. 4. A. der Flüsse, frz. erue, f., engl.rising, high water. Das schnellere od. langsamere Steigen des Wasserstands eines Flusses, stets verbunden mit Vergrößerung des benetzten Querschnittes sowie der Geschwindigkeit, muß bei Uferbauten natürlich sorgfältig berücksichtigt werden. Näheres s. im Art. Flußregulirung. (v. Mgr.)

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 1, S. 120Scan: Getty Research Institute (Internet Archive) · gemeinfrei

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