Antike, f. 1. Die Antike nennt man die Kunstperiode der Griechen und Römer. — 2. Eine Antike aber nennt man zunächst die von den Griechen und Römern uns hinterlassenen Darstellungen des Lebendigen in Statuen, Reliefs und Mosaiken, im weiteren Sinn aber alle Erzeugnisse der bildenden Künste bei Griechen u. Römern. Die Griechen waren, vermöge ihres Nationalcharakters, der sie umgebenden Natur, der Regierungsform ihres Staates und der menschlich ausgebildeten Form ihrer Mythologie, mehr als jedes andere Volk geeignet, die Darstellungen ihrer Gottheit als allgemein verständliche, nicht indiwiduell, sondern national aufgefaßte u mit edler Bedeutsamkeit durchgebildete Kunstwerke zu gestalten, welche die Natur nicht sklavisch nachäfften, sondern ideal, geistig nachbildeten und also hauptsächlich durch Grazie und Anmuth, weniger auf den Verstand als auf das Gefühl des Menschen, weniger ergreifend als angenehm wirkten, indem sie nicht in der Erhabenheit des Gedankens, nicht in der Verdeutlichung einer sittlichen Tendenz, sondern in der Vollendung der Form ihre Hauptaufgabe suchten. Dadurch mußten diese Werke natürlich für alle Menschen auch bei den verschiedensten Ansichten, Sittlichkeitsgrundsätzen, Welt- und Glaubensanschauungen immer schön bleiben, u. so kam es denn, daß da, wo man Antiken kannte, man sie auch immer schätzte, wenn nicht gerade wilder Glaubensfanatismus Veranlassung gab, die antiken Statuen wegen der durch sie dargestellten heidnischen Götter zu zertrümmern; vom 4. bis in das 12. Jahrhundert wurden in Italien vielfach antike Reliefs etc., durch angebrachte. Inschriftenschristlich gedeutet, wieder⸗ angewendet, z. B. eine Ceres zur Maria gemacht etc. Eine reine Würdigung dieser Denkmale alter Kunstblüte wurde zuerst im 14. und 15 Jahrh. in Italien geweckt und beim' Auftreten der Renaissance (s. d.) weiter verbreitet u. genährt, und die schärfere Betrachtung derselben führte zu Erhebung der Archäologie (s. d.) auf die Stufe einer besonderen Wissenschaft. Seitdem heißt die Gesamtheit der bildenden Kunst der Alten die Antike. Das Studium der Antike trug erfreuliche Früchte da, wo es zu wahrem Verständnis der Antike und demgemäß zu Zeit⸗ u. ortsgemäßer, volksthümlicher Anwendung der ewig wahren Grundsätze der Aesthetik in analoger Weise führte, wie die Alten dieselbe angewendet hatten; unerfreuliche, ja höchst traurige da, wo man die Ergebnisse dieser Grundsätze, wie man sie an Antiken vorfand, genau ebenso wieder anwenden wollte; zu noch traurigeren da, wo man an den Ergebnissen äußerlich änderte, um sie den veränderten Bedürfnissen anzupassen, ohne die Grundsätze, aus denen sie entstanden, nur im geringsten zu ahnen, viel weniger zu verstehen. So entstanden oft, trotz redlichsten Strebens, die traurigsten Werke, während auch manches wahrhaft Schöne diesemStreben seinen Ursprung verdankt. Näheres über diese verschiedenen Bestrebungen sein d. Art. Renaissance-, Barockstil, Zopf-u. Imperialstil; aber auch in unserem Jahrh. hat man sich vielfach bestrebt, die Antike wieder ins Leben zu rufen, gestützt auf die glänzenden Resultate umfassender Forschungen über den Kunstzustand der Alten. Nicht zu leugnen ist, daß viele dieser Erzeugnisse in ihrer Form ganz schön sind; aber ist dies die einzige Anforderung, die wir an ein Kunstwerk stellen? Der Deutsche ist kein Grieche, er verlangt nicht blos schöne Form, sondern auch logische Herausbildung derselben aus der Aufgabe, bes. bei Erzeugnissen der Architektur. Das Bauwerk soll, das verlangen wir jetzt, nicht blos sich selbst genügen, sondern es soll uns genügen, unserer Weltanschauung sich fügen, nicht blos unser Auge befriedigen, sondern auch unserm Verstand und Gefühl zusagen. Unsere Weltanschauung aber und unser Gefühl, an romantischen Ideen groß gezogen, unser Selbstbewußtsein, durch die ungeheuren Fortschritte unserer Technik u. Politik genährt, trägt uns weit über die enge Anschauungsweise und das zwar edle, aber beschränkende Mäß der Griechen hinaus ins Unendliche, u. dieseUmstände haben den Sinn für dasPlastischnis nach kecken, kühnen, leichten, fast körperlosen, also streng genommen unplastischen Formen u. nach lebhaftem Farbenschmuck erzeugt. Wie kann da das antike Kunstwerk mit seiner Ruhe u. Strenge für uns noch ausreichen? Die Antike ist uns deshalb immer nicht entbehrlich; kein Zeitalter wird sich ganz von ihr lossagen können; aber mit bloser Nachahmung derselben ist uns wenig gedient; s. d. Art. Aesthetik u. Baustil. MS.