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BaukunstBau-Lexikon 1881

Architektur, Architektonik, f., vom griechischen ½1roν½νν, entstanden aus 4½ (Ober-, Erz⸗, wie z. B. in Erzbischof) und 1νπαν, der schaffende, aus zu bearbeitendem Stoffe etwas hervorbringende, also bildende Künstler, folglich nach dieser Etymologie übersetzt eigentlich: die oberste unter den bildenden Künsten und jedenfalls auch die schwierigste. Die anderen bildenden Künste haben die Aufgabe, das Schöne in den durch die Natur gegebenen Formen veredelt darzustellen, können also uumittelbar der eatur nachbilden, nur durch Hervorbringung einer besonderen geistigen Wirkung die Naturerscheinungen veredelnd und zu Hervorbringung der beabsichtigten Gefühle befähigend, so daß dieselben durch unmittelbar aus der Natur geschöpfte organisirte Formen zunächst auf die sinnliche Natur des Menschen u. dadurch auf die Seele wirken. Die A. hingegen soll durch Formen, für welche direkte Vorbilder in der Natur nicht aufzufinden sind, zunächst auf die Sinne des Menschen, dadurch aber nachmals mittelbar durch den Verstand auf die Seele wirken; ihre Werke sollen also nicht nur poetisch schön, sondern auch logisch richtig sein. Dadurch ist sie genöthigt, ihre Formen zu einem Organismus zu vereinigen, den sie sich erst bilden muß, zu dem sie in der Natur noch weniger ein Vorbild findet als zu den einzelnen Formen, u. dennoch muß dieser Organismus naturgemäß sein, wenn er auf geistig u. seelisch gesunde, also naturgemäße Menschen die beabsichtigte Wirkung hervorbringen soll. Diese Naturgemäßheit kann begreiflich nur in einer tropischen, den Naturgesetzen analogen Andeutung bestehen. So ist die A. darauf hingewiesen, möglichst allen ihren Formen symbolische Beziehung zu dem Kern des diesen Formen zu Grunde liegenden Organismus zu geben. Dies ist auch wegen der Beschaffenheit des zu Herstellung ihrer Werke gebotenen Materials unerläßlich; dasselbe ist bei weitem verschiedenartiger, bei weitem weniger bildsam als das der übrigen Künste und stellt geradezu selbst Bedingungen. Diese Bedingungen werden vermehrt u. in ihrer Wichtigkeit gehoben dadurch, daß die Werke der A. nur höchst selten, gleich denen der übrigen bildenden Künste, einen Körper bilden. Sie sind aus oft unzählbar vielen einzelnen, in ihrer Materie ganz verschiedenen Körpern zusammengesetzt, deren physische und chemische Beschaffenheit an sich schon gewisse, denselben zu gebende Formen und Größen bedingt, so daß die Architektur weniger als irgend eine andere Kunst ihre vorherrschend räumliche Natur verleugnen kann, und dem Stoff bei weitem keinen so untergeordneten Werth beilegen darf, wie die anderen Künste. Verlangen nun viele der betreffenden Stoffe schon an sich gewisse Formen und Größen als nothwendig, so wird die Nothwendigkeit der Verwendung gegebener Formen u. Größen noch bestimmter durch die gegenseitige mechanische od. vielmehrstatische Beziehung, in welche diese Stoffe zu einander treten müssen, um ein Bauwerk zu bilden. Die einen sollen tragen, die anderen getragen werden; aus der Tragfähigkeit der einen, dem Gewicht der anderen, aus den verschiedenen Stellungen, die sie gegen einander einnehmen, entwickeln sich nothendig geometrische Formen, welche zunächst unvermittelt neben u. über einander stehen. An sich ist keine geometrische Form lebendig, und eine solche unvermittelte Zusammenstellung geometr. Formen könnte demnach keine lebendige, also auch keine schöne Wirkung hervorbringen, denn in der blosen Regelmäßigkeit der Form regt sich noch keine Lebensidee. Dieses Leben nun in jene geometrischen Formen zu hauchen ist die schwierige Aufgabe der A. Die Schwierigkeit wird noch dadurch vermehrt, daß die Werke der Baukunst nicht um ihrer selbst willen, nicht um als Kunstwerkezu wirken, geschaffen werden, sondern um eines äußeren, nicht künstlerischen Zweckes willen, um irgend ein persönliches oder sachliches Moment zu umfassen, dem gegenübersie sogar eine dienende Stellung einnehmen. Hier muß also, um aus dieser Hülle eines Bedürfnisses ein Kunstwerk zu machen, das Bedürfnis idealisirt werden. Ein vollkommenes Kunstwerk kann aber nur da entstehen, wo diese Idealisirung des Bedürfnisses vollkommen möglich, d. h. wo dieses Bedürfnis schon an sich ein ideales od. geradezu eine Idee ist, also blos bei dem Gotteshaus. Die Gestaltung, welche die einem solchen vollkommenen architektonischen Werk zu Grunde liegende Idee annimmt, um Leben einzuhauchen in die oben erwähnte, durch die Matediese Gestaltung wird eben so verschieden sein, als die Idee der Gottheit selbst bei den Bekennern verschiedener Religionen ist. Im Bereich jeder einzelnen, durch Bekenner derselben Religion gebildeten Gruppe werden sich nun die Idealisirungen der menschlichen Bedürfnisse der Idee von der Gottheit nähern und nach ihr bilden, und so wird denn auch stets die Idee, die dem Gotteshaus zu Grunde liegt, als Vorleuchte dienen auf der Bahn, die die Architektur einzuschlagen hat, um den Zusammenstellungen geometrischer Formen Leben einzuhauchen. Fassen wir nun in kurzen, klaren Worten das oben Gesagte zusammen, so ist die Aufgabe der Architektur, die durch die Kenntnis von der Natur des Materials und seiner Anwendbarkeit gefundene geometrische Grundform der als höchstes Ideal erkannten Gottesidee gemäß zu beleben, damit der todte Stein zum Glied eines harmonisch sich regenden Ganzen werde. Dadurch nun, daß die Baukünstler aller Zeiten und aller Religionen bewußt oder unbewußt danach gestrebt haben, diese hohe Aufgabe der Architekturzu erfüllen, haben sich, bei gleicher Kenntnis der Natur der Materialien und ihrer Anwendbarkeit, die geometrischen Grundformen für die Hüllen auch der verschiedensten Bedürfnisse gleichartig gestaltet, u. wo eine Idee von Gott herrschte, wurde das jener Grundform einzuhauchendeLebensprinzipseins, so daß also die gleichartig gestalteten Grundformen zu gleichartig belebten Kunstwerken verwandelt wurden. Der Organismus, den eine solche Gruppe gleichartig belebter Kunstwerke in sich trägt u. dessen Einzelformen also durch Gleichmäßigkeit der Technik u. Einheit der Religion harmonisch entstanden sind, heißt Baustil. Näheres über diesen Begriff und das mit ihm Zusammenhängende s. u. d. Art. Baustil. Aus dem hier bereits Gesagten aber wird man leicht folgern können, daß ein Gebäude Stil haben kann, ohne nach einem der historischen Stile erbaut zu sein; d. h. seine Formen können einen Organismus bilden, ohne daß dieser Organismus einer der Gruppen angehört, die sich bis jetzt in der Geschichte der Kunst gebildet haben. Die Thätigkeit der A. entfaltet sich, wie wir gesehen haben, vorzüglich in zwei Richtungen: die eine derselben umfaßt die Kenntnis von der Beschaffenheit der Materialien und den verschiedenen Arten, sie zu verwenden und zu verbinden, die andere die künstlerische Belebung der durch die ersteren gebotenen Grundformen. Danach kann man die A. oder Baukunst im weiteren Sinn zertheilen in Bauwissenschaft, frz. science architécturale, und Baukunst,“ A. im engeren Sinn; in den jüngst verflossenen Jahrhunderten theilte man sie in bürgerliche Baukunst, Kriegsbaukunst, Schiffsbaukunst, Mühlenbaukunst, Wasserbaukunst etc. Dies war jedoch ein Mißgriff. Die Baukunst im engern Sinn, d. h. die Kunst, konstruktive Formen ästhetisch u. logisch richtig zu beleben, läßt sich nicht zertheilen! ihre Ausübung ist größtentheils Sache des künstlerisch gebildeten Gefühles, und ein wahrhaft begabter Architekt wird eben so gut ein wirklich schönes Fabrikgebäude als eine schöne Kirche auszuführen im Stande sein. Anders verhält es sich mit der Bauwissenschaft; durch die vielen Erfindungen der Neuzeit hat sich das Gebiet derselben so bedeutend vergrößert, daß mehrere Menschenalter dazu gehören würden, um diese schwerste u. umfänglichste aller Wissenschaften ganz ausstudirt zu haben. Schon Vitruv zur Zeit des Augustus sagte, ein Architekt müsse in der Theorie und Praxis gleich geübt sein, er müsse Genie und Kenntnisse vereinigen, müsse mit der Feder gewandt, geschickt im Zeichnen, der Geometrie kundig, in der Optik nicht unerfahren, in der Arithmetik unterrichtet, in der Geschichte bewandert sein, die Philosophie studirt haben (darunter begreift er nämlich nicht blos Das, was wir gewöhnlich unter Philosophie verstehen, sondern auch noch Physik und Chemie); ferner müsse er einige Kenntnisse von Musik, Medizin, Sternkunde, Jurisprudenz, Malerei, Bildhauerei etc. besitzen; aber er fügt hinzu, daß der Architekt von den meisten dieser Wissenschaften blos einen oberflächlichen Begriff zu haben brauche. Viele haben diese Anforderungen übertrieben gefunden, und dennoch haben sie sich im Lauf der Jahrhunderte bedeutend gesteigert; die meisten der genannten Wissenschaften haben ihre Gebiete bedeutend erweitert, keine davon ist dem Architekten ganz entbehrlich geworden, viele aber sind mit der Bauwissenschaft jetzt so innig verwachsen, daß ein tieferes Eingehen in dieselben fast unumgänglich nöthig geworden ist, so namentlich die Naturwissenschaften. Mit einer oberflächlichen Kenntnis der Physik und Chemie z. B. reicht ein Architekt jetzt nicht mehr; er muß technische Mineralogie und Botanik, technische Chemie und Hüttenkunde, Statik und Mechanik, Hydraulik und Hydrostatik, Arodynamik, Pneumatik u. Maschinenkunde, nicht nur in ihren Hauptgrundzügen, sondern in den meisten ihrer Ergebnisse, genau kennen; er muß nicht blos in der Geometrie u. Arithmetik, sondern auch in der Stereometrie, Algebra, Integral- und Differentialrechnung, Geodäsie etc. ganz zu Hause sein, muß die Geschichte der Stile genau studirt und ben etc. etc.; und wenn er sich dadurch theoretisch gebildet hat, dann steht er erst noch auf einem Bein: um fest zu stlehen, muß er auch noch von allen für die Architektur beschäftigten Gewerben einen eingehenden Begriff haben, in einigen derselben, die am innigsten mit dem Bauen zusammenhängen, sogar selbst praktisch geübt sein. Außerdem muß er, um das Interesse seines Bauherrn tüchtig vertreten zu können, ein routinirter Geschäftsmann sein. Leicht läßt sich begreifen, daß es über menschliche Kräfte hinausgehen würde, allen diesen Anforderungen zu genügen und die riesige Aufgabe zu erfüllen, die unsere Zeit an einen vollkommenen Architekten stellt; dadurch erklärt es sich auch, daß es jetzt keinen Architekten geben kann, der das ganze unendlich weite Gebiet derBauwissenschaft durchwandert hat. Vor Jahrhunderten, wo alle die genannten Wissenschaften noch in engere Kreise gezogen waren, war dies möglich, jetzt aber nicht mehr. Sollte jetzt ein Architekt, wie damals, alle Zweige der Bauwissenschaft betreiben, so würde er sehr leicht in Gefahr kommen, in allen oberflächlich zu sein. Durch das Bestreben, dies zu vermeiden, hat sich in neuerer Zeit eine Vertheilung dieser Zweige ausgebildet; es giebt Architekten und Ingenieure und die Ingenieure theilen sich wiederum in Hüttenleute, Maschinenbauer, Wasserbauer, Schiffsbauer, Straßenu. Eisenbahnbauer, Geodäten etc. Einzelne dieser Zweige haben sich fast ganz von ihrer Mutter, der Architektur, losgetrennt und bilden abgesonderte Stämme. Diese sind Maschinenbau, Hüttenwerkskunde, Bergbau, Straßenbau, Eisenbahnbau, Wasserbau und Schiffsbau. Wenn man nun jetzt in der neueren Zeit von Architektur spricht, so versteht man darunter eigentlich nur den Hochbau. Aber auch dessen Gebiet ist sehrgroß. Er umfaßt Das, was man in den letztverflossenen Jahrhunderten unter bürgerlicher Baukunst, Landbau und einem Theil der Kriegsbaukunst verstand; in sein Gebiet gehören unter Anderm: Kirchen, Wohnhäuser, alle öffentlichen Gebäude, Fabrikgebäude u. Werkstätten für allerlei Gewerbe, alle Gebäude zu landwirthschaftlichen Zwecken, Eisenbahnhochbauten, Denkmäler etc.; und von einem Architekten verlangt man nicht blos, daß die von ihm errichteten Gebäude durchweg zweckmäßig und äußerlich schön seien, sie sollen auch innerlich komfortabel eingerichtet und geschmackvoll dekorirt und vor allen Dingen dabei möglichst wohlfeil sein. Infolge alles Dessen wird die Aufgabe seines Studiums sein, sich von allen obengenannten Wissenschaften so viel anzueignen, als nöthig ist, um die Anforderungen zu ermessen, die dieselben an ein ihnen dienendes Gebäude stellen, und um die Mittel zu kennen u. gehörig verwerthen zu können, die dieselben ihm durch die von ihnen vorbereiteten Materialien darbieten, sowie die Art und Weise, wie er diese Materialien zu Lösung der an ihn gestellten Aufgabe zu verwenden und zu verbinden habe, die Kennzeichen, an denen er größere oder geringere Güte dieser Materialien erkennen kann re. Einige der obengenannten Wissenschaften muß er daher ganz studirt haben, von anderen wenigstens die in das Fach einschlagenden Zweige. Danach theilt sich denn jetzt die Bauwissenschaft für den Hochbau ein wie folgt: 1. Materialienkunde, umfaßt die Kenntnis der für das Baufach angewendeten Pflanzen, Rohmineralien, Pflanzzenpräparate, künstlichen Steine, Säuren, Metalle etc. nach ihren physikalischen u.schemischen Eigenschaften und ihrem demgemäßen Verhalten; s. d. Art. Baumaterialien. 2. Konstruktionslehre, umfaßt die Kenntnis von den verschiedenen Arten, die Materialien auf dauerhafte u. zweckentsprechende Weise zu verbinden, nach ihren speziellen Eigenschaften sowie nach den Gesetzen der Statik etc.; s. d. Art. Konstruktionslehre. 3. Fortbewegungslehre, umfaßt die Kenntnis der beim Bauen zur Anwendung kommenden hydraulischen und mechanischen Vorrichtungen zum Bewegen, Herzubringen, Heben etc. der Materialien, Beseitigung v. Hindernissen etc. J. Gewerbkunde, umfaßt die eingehende Kenntnisnahme von den hauptsächlichsten Arbeiten, Werkzeugen, Konstruktionen, Handgriffen etc. aller bei einem Bau beschäftigten Gewerke. 5. Baurecht, s. d. betr. Artikel. 6. Zeichnen, also geometrische und perspektivische Darstellung der gegebenen oder entworfenen Formen oder, wenn man so will, Parallel- und Centralprojektion. 7. Beiwissenschaften, dahin gehören Geodäsie, Buchführung, etwas Maschinenkunde etc. etc. Der künstlerische Theil der A., die Baukunst im engeren Sinn des Wortes, erfordert vor allen Dingen künstlerische Gaben, also regen natürlichen Sinn für Schönheit, Erfindungstalent, Selbständigkeit und logische Schärfe im Denken, Formen- und Farbensinn, außerdem aber eine im Zeichnen sehr geübte Hand, vollständige Kenntnis der Geschichte und Formen aller bis jetzt vorhandenen Baustile und eine eiserne, vor keiner Schwierigkeit zurückschreckende Energie, durch Mäßigung veredelt und durch Konsequenz gestählt. Man hat vielfach Versuche gemacht, einzelne dieser Eigenschaften durch Theorien, sogar durch Gesetze zu ersetzen; so entstanden Lehren von der Aesthetik, Formenlehren, Lehren von der Farbenharmonie, Anweisungen zum Entwerfen; so entstand eine Philosophie der Baukunst, Vorlegeblätter zu Ornamenten etc., aber das Anschaffen und Studiren aller dieser Werke kann wohl einem vorhandenen Talent den Weg zeigen, einen talentlosen Menschen zur Mittelmäßigkeit emporbringen, aber Talenterwecken, wo keines ist, Jemanden zum Baukünstler bilden, der nicht dazu geboren ist, das vermögen selbst die besten Werke nicht. Auch ist Jedem zu rathen, beim Gebrauch solcher Werke vorsichtig zu sein, weil viele derselben unter dem Vorwand, in die Hallen der wahren Kunst einzuführen, geradezu in die Sümpfe der Geschmacklosigkeit leiten. So weit über Aufgabe, Gebiet und Eintheilung der A. Nun haben wir nur noch einige hin und wieder eingebürgerte falsche Anwendungen dieses Wortes zu erwähnen. Man hört nämlich manchmal: dieses Gebäude hat eine schöne A., statt schöne Formgebung, oder dieses Gebäude ist nach der römischen A. erbaut, statt nach römischem Stil, vergl. d. Art. Architecture, od. es hat viel A., statt viele Verzierungen; diese Anwendungen alle sind falsch; A. bezeichnet die Kunst, aber nicht das von der Kunst Geschaffene, auch nicht die einzelnen Regeln der Kunst.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 1, S. 152Scan: Getty Research Institute (Internet Archive) · gemeinfrei

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