Feedarabischer Stil
Sagen & MythenBau-Lexikon 1881

arabischer Stil, m., frz.style m. arabe, engl. arabian style. Die Araber sind feurig und geistreich, haben einen scharfen, sondernden Verstand, dabei eine überreiche, kühne Phantasie und einen schnell erglühenden Enthusiasmus. Ursprünglich waren einige ihrer Stämme Anbeter der Gestirne, andere Fetischisten, noch andere Israeliten und Christen; selbst die Lehren Zoroasters und das ägyptische System hatten sie durch die immer von ihnen gastfrei in ihrer sie schützenden Wüste aufgenommenen Flüchtlinge kennen gelernt. Mahommed nun, der sich die Vereinigung aller dieser vereinzelten Stämme zu einer siegreichen Nation zur Lebensaufgabe gemacht hatte, wußte diese Umstände zu benutzen. Er offenbarte seinen Landsleuten den Schöpfer und Herrn der Welten, Allah, als ein Wesen, dessen Haupteigenschaften, Einheit, Geistigkeit u. Unendlichkeit seien. Als Propheten erkannte er an Adam, Noah Abraham, Moses und Christus, sich selbst nannte er den größten und letzten Propheten. Durch diese Anerkennung fesselte er viele von den in Arabien lebenden Juden und Christen an seine Religion. Die Beibehaltung des Heiligthums der Kaaba mit dem heiligen schwarzen Stein lockte die Fetischisten unter seine Fahne, derenInsignie, der Halbmond, die Anbeter der Gestirne anzog; der Glaube an unbedingte Vorherbestimmung erhob den Muthseines tapfern Volkes bis zur Tollkühnheit. Vor dem Rückfall zu Götzendienst u. Bilderverehrung schützte er durch die Lehre, daß der unsichtbare Gott die Seelen der Bilder von den Malern oder Bildhauern, die sie verfertigt hätten, fordern würde, wodurch er aber zugleich fast ganz von Nachbildung irgend eines lebenden Wesens abschreckte und so der Kunst eine einseitige Richtung gab. Die Aussicht auf die sinnlichen Freuden einer andern Welt vollendete diese Religion der Sinnlichkeit und des Verstandes, vorgetragen von ihrem Begründer mit der Entschiedenheit eines Wortes vom Himmel u. in phantastischer Fülle volksthümlicher Poesie, u. verbreitet von seinem Volk mit glühender Begeisterung mittels des muthig geschwungenen Schwertes, welches Mahommed den Schlüssel des Himmels genannt, u. welches bald die neue Lehre bis an die Grenzen Hindostans im Osten, im Westen aber durch Agypten u. Mauritanien bis nach Spanien ausbreitete. Ein so lebhaftes u. mit den erwähnten geistigen Eigenschaften ausgestattetes Volk machte natürlich bald große Fortschritte in der Baukunst; die gebildetsten Völker, mit denen die Araber zunächst in Berül hrung kamen und deren Bauwerke sie zunächst kennen lernten, waren die Byzantiner, Perser und Agypter. Von den X Baustilen dieser Nationen entnahmen sie die Grundformen, aus ihrer Religion entwickelten sie die weitere Disposition ihrer Gotteshäuser; wo sie festeren Fuß faßten, gründeten sie Städte und wendeten ihre mathematischen Kenntnisse zu Fruchtbarmachung des Landes, ihre technischen Kenntnisse und das neu Erlernte zu Verzierung ihrer Wohnstätten an, und sehr schnell bildete sich der arabische Baustil vollständig aus. 630 erst hatte Mahommed begonnen zu erobern, u. 770 schon wurde die Krone aller Bauten des arabischen Stils, die Moschee von Cordova, s. Fig. 225 (in ihrem damaligen Zustand restaurirt), vollendet; bis zum Ende des 9. Jahrh. blühte dieser Stil in Spanien, begann während der anhaltenden Kämpfe der Mahommedaner unter sich und mit den Christen zu sinken, bis endlich aus den Resten seiner Formen und vielen neu hinzugekommenen der maurische Stil (s. d. betr. Art.) hervorging. Ein Zweigstil des arabischen, hervorgebracht durch Vermischung mit romanischen Formen, ist die sarazenische Bauweise (s. d.). Vergl. auch d. Art. islamitisch, ostindo-mahommedanisch, perso-mahommedanisch re. Doch nun zu den Haupt- und Detailformen des arabischen Stils. Die Moscheen, bes. die großen, tragen fast die ganze Glaubenslehre in ihren nach altchristlichen, ägyptischen und persischen Vorbildern umgestalteten Formen an sch Einfach, fast ärmlich im Außern, noch durch einen Vorhof Fig. 225 von der Welt abgeschlossen, lassen sie nichts von ihrem Innern ahnen, gleich dem unerforschlichen Gott. Nur der Gläubige darf ihnen nahen und auch nur dann in sie eintreten, wenn er vorher in einer einfachen, weiten Vorhalle Bsich von den Zerstreuungen der Außenwelt gesammelt und im zweiten, säulenumgebenen Hof O, dem Harém, an dem von einer Kuppel beschatteten Reinigungsbrunnen seine Waschungen verrichtet, symbolisch sein ganzes Wesen gereinigt hat zu diesem Schritt. Schon beim Eintritt umfängt ihn heilige Dämmerung. Eine Unzahl von Säulen gleich einem Wald, aber in strenger Regelmäßigkeit, erinnert ihn an die Unermeßlichkeit der Werke Gottes. Die Form der Bogen, auf schwachen Säulen mittels eines auskragenden Würfels ruhend, erinnert ihn an die Geschichte seiner Religion, die durch schnellen, kühnen Aufschwung aus schwachem Anfang sich erhob und mit scheinbarer Zartheit und Leichtigkeit eine ungeheure Tragkraft verbindet. Auch in der eigentlichen Moschee D sind die Schiffe gleich hoch und einfach, denn vor Gott sind alle Menschen gleich; nur das Mittelschiff H, das von der Gemeinde nicht betreten werden darf, ist reicher geschmückt; an der nach Mekka hingekehrten Hinterseite liegt die reichgeschmückte Halle des Gebets, der Mihrab F. Diese Versinnbildlichung der Vorfreuden des Paradieses strebt zu ei einer leichten, reich u. alnnzend. sinngefallend verzierten Kuppel Fig. 235 empor. Diese Verzierungen aber „ein scheinbares Durcheinander von Linien, Zapfen, Blumen de., zeigen bei genauerer Untersuchung ein wunderbar durchdachtes, fast immer auf dem Zwölfeck, dem Symbol des Jahres, beruhendes strenges System, Symbol der strengen, jährlich wiederkehrenden Weltordnung. Die Kuppel dieser Gebethalle ist dem Pilger von außen hin weit glänzend sichtbar, gleich den Freuden der Ewigkeit, die dem Menschen während seiner Pilgerfahrt auf Erden vorgehalten werden als Preis eines treuen Wandels. Alle Willkürlichkeit ist aus dieser Architektur durchaus verbannt, denn Gottes Wille ist unabänderlich und der Mahommedaner an ihn gebunden. Aber wie der“ Mensch nach dem Islam scheinbar freien Willen hat, so ist auch in allen architektonischen Formen dieses Stils der Faden des Gesetzes so zart gesponnen, daß nur ein kunstgeübtes Auge ihn zu sehen vermag, woraus auch das Vorurtheil entsprungen ist, dieser Stil strotze von Willkürlichkeiten. Hinter dem Mihrab nun liegt der Koran in der Kibla, einer überreich verzierten, in wunderbarem Glanz Daine aber nicht erleuchteten, höhlenartig tiefen Nische a, aus deren Hintergrund nur manchmal der Blitzglanz eines Edelsteins oder eines goldenen Ornaments blendende Strahlen wirft; der Herr ist unerforschlich, dunkel sind seine Pläne und nur einzelne seiner Thaten, seiner Eigenschaften sehen wir, aber sie blenden uns. Die Richtung des Heiligthums entspricht dem Gebot, nach Mekka zu wallfahren, und die äußere Einfachheit der Moschee dem Gebot, nicht mit frommen Werken zu prahlen. So viel ass s durch den Ritus erfordert Wa Grablkapelle des Gründers IIO 2. (Khutbeh) e, das Pult für zum Ausrufen der Gebetstunden durch den Muheddin (Mastatscheh) g u. Fig. 233. Bei kleinen Moscheen fehlt Wouchr⸗ hiervon, selbst der äußere Vorhof ist nicht überall vorhanden, aber dann wenigstens durch eine Vorhalle A, Fig. 226, ersetzt. Zur linken Seite des Vorhofes, also nach Westen, steht ein Haus h, Fig. 225, zu Aufnahme der Pilger, und daneben Ställe, i, für Pferde u. Kamele; zur Rechten ein Gebäude mit öffentlicher Badeanstalt, k, Trinkhalle Lund Latrine m. An der Westseite dieses Vorhofes steht, also vom Gotteshaus getrennt, entweder ein großer Thurm G6, Fig 225, Migalet genannt, oder zwei oder mehrere kleine Thürme H, Fig. 226, Minarets. Das Innere der Moschee findet sich vorzüglich auf zwei wesentlich verschiedene Arten gestaltet: 1. Djami, Basilika von 3—22 ganz gleichhohen Schiffen, deren jedem eine weite Offnung im Westen entspricht, so daß eigentlich das Ge bäude nach dem Vorhof zu ganz offen ist, s. Fig. 227 2. Mesjida, Kopie der byzantinischen Quadratkirchen ein Quadrat, durch 4 Pfeiler, Säulen od. Säulenbünd in 9Theile getheilt, s. Fig. 226 (die jetzige Kirche St. Crist de la Luz in Toledo); die Eckräume sind alle ziemlich vo gleicher Höhe; blos die Mittelkuppel steigt höher empo Die erstere Art hat auf ihren Schiffen eine verzierte Holzdecke mit liegendem Dachstuhl, der bunt bemalt und beschnitzt ist; diese Moscheen sind gewöhnlich bedeutend größer Fig. 232. und nur ihr Mihrab überwölbt, während die der zweite Art in der Regel nicht sehr groß, aber ganzüberwölbt sin' Das Außere ist mit Lisenen besetzt, die aber keine Bogen friese tragen, sondern der Hauptsims gestaltet sich nae Fig. 227, wobei Fries und Bänder sehr oft glatt, manch mal auch mit Ornamenten oder Inschriften besetzt sind Die Portale sind theils in reinem Rundbogen, theils it überhobenem, theils in Hufeisenbogen gewölbt. Die Boget setzen sich bei den frühesten Bauten auf einem Kämpfer konsol auf, das blos nach dem Thürlichten zu ausladet darunter ist manchmal die Ecke des Schaftes eingefalzt u an Säulchen hineingesetzt, dessen Deckplatte den Fal gerade ausfüllt. Gleich den Portalbogen variiren auch die Bogenformen im Innern; die Verhältnisse der Bogenlichten sind in der Regel ziemlich niedrig, bes. im Anfang, während bei späteren Bauten mehr nach Schlankheit, gestrebt wurde, ohne daß aber der Charakter des Kräftigen aus seiner vorwiegenden Stellung vertrieben worden wäre; hier und da kommen auch Bogen vor, die in kleinen Halbkreisbögen ausgezackt und dabei der Hauptform nach parabolisch sind; s. Fig. 233. 154 5 Die Säulen sind theils antik mit römischen Kapitälen, von alten Gebäuden, z. B. in Cordova von der Basilika des heil. Georgentnommen. Durch Nachbildung derselben, verbunden mit byzantinischen Reminiscenzen, bildete sich schrittweise die Form der arabischen Säule, s. Fig. 228.— 232, wobei noch zu bemerken, daß der glattrunde, wenig verjüngte Schaft zwar ziemlich kurz, doch noch nichtschwerfällig zu nennen ist. Aus der Deckplatte steigt ein viereckiger Pfeiler empor, nur wenig schmäler als die ihn tragende Säule; an ihn lehnen sich die Bogen: wo die Übermauerung sehr hoch werden mußte, ersetzte man sie, um Säulen und Bogen nicht zu sehr zu belasten, durch Entlastungsbögen; wenn der Zwischenraum zwischen den beiden Bogen leer blieb, so gab dies ein ganz eigenthümliches Ansehen, s. Fig. 233. Die Arabesken in den Bogenzwickeln, an den Wandflächen etc. bestehen entweder aus buntfarbigen Glasmosaiks, in lebhaften, gesättigten, ziemlich intensiven, daher selten sehr hellen Farben, gewöhnlich mit schwarzen oder dunkelbraunen Kontouren auf Goldgrund ausgeführt, oder aus sehr schwach erhabenen, ganz in byzantinischer Weise behandelten Reliefs in weißem Marmor, später manchmal in Stuck. Die Bewegung der Ranken erinnert hier und da an die Antike, u. die Technik, bes in der Ausbohrung der Augen zwischen den Blattzweigen, an altchristliche Arbeiten. Besonders eigenthümlich sind die Wölbungen behandelt; ein horizontaler Kämpfersims läuft an den gesamten sie stützenden Mauern herum; er besteht aus einer wenig ausladenden Hohlkehle, von deren Vorderkante aus dann das Gewölbe anfängt. Bei viereckigen Räumen mit vollen Wänden ist dies ein Klostergewölbe, oft spitzbogig geschlossen. Bei wölbten Ueberdeckungen quardatischer Räume, deren Wände blos aus Bogen bestehen, z. B. der Mittelräume in der Mesjida von Toledo, Fig. 234, u. des Mihrabs in der Djami von Cordova, s. Fig. 235. Solche Gewölbe machen einen eigenthümlichen Eindruck, indem zugleich die Kühnheit der Konstruktion überrascht und die Kombination der Linien höchst befriedigend wirkt. Holzdecken sind stets in ihrer ganzen Konstruktion sichtbar. Nur die Bindersparren haben Balken, alfardas, unter sich. Diese Binderbalken, auch wohl die Sparren, sind durch kleine Querbalken, falsche Wechsel, alfagias, verbunden, wodurch Kassetten entstehen, die nun ihrerseits Ornamenten od. Comarajia-Mustern ausgefüllt sind. Die Fußböden sind aus Mapierblätten od. bunten Thonfliesen, auch wohl aus Ziegelplatten in Teppichmuster (alfombra) hergestellt. Nach den Moscheen sind zunächst die Zäder zu erwähnen. Uber die Einrichtung derselben s. d. Art. Bad. Der Hauptraum ist meist von einer arkadengetragenen Kuppel bedeckt; manchmal ist er achtseitig, manchmal viereckig; in letzterem Fall geht er dann entweder über den Arkaden durch Pendentifs od. schräg eingesetzte Bogen ins Achteck über, oder ist gleich mit einem vierseitigen Klostergewölbe überdeckt. Die Säulen, welche die Arkaden tragen, sind klein, die Arkaden niedrig, das Simswerk etc. möglichst platt, wahrscheinlich um demWasserdampf möglichst wenig Haftpunkte zu gewähren. In den Gewölben sind sternförmige u. kreisförmige Offnungen angebracht, welche nach innen weiter sind als nach außen; die Konstruktion dieser Offnungen s. im Art. Oberlicht. Die Festungen auf ebenen Terrain bilden regelmäßige Vierecke, mit Thürmen, die in gleichmäßigen Abständen vor der Mauer vorspringen; ob sie höher gewesen sind als die Mauern, läßt sich nicht mit Bestimmtheit behaupten, doch scheint es, als ob nur die größeren darunter, die Thorthürme, die Mauer überragt hätten. Diese Thorthürme waren bedeutend dicker als die anderen, und mußten es auch sein, denn das Thor führte nicht gerade durch sie hindurch, sondern machte ein pär Wendungen im Innern derselben, so daß man nie hindurchsehen kann. Ueberhaupt scheint ein Hauptbestreben der Araber bei Anlage ihrer Befestigungen gewesen zu sein, den Feind durch Umwege aufzuhalten und ihn zum langsamen Vorschreitenzuzwingen; so haben wir die Ruinen einer arabischen Burg besucht, um welche man fünfmal herumgehen mußte, immer bergan steigend und von zwei nicht sehr hohen Mauern eingeschlossen, fortwährend also von dem Pfeilregen des Mittelthurms beherrscht, ehe man an die Thüre dieses, des eigentlichen Burggebäudes, gelangte. Die Anlage der meisten dieser Burgen mußte sich auch nach dem Terrain richten. Fast immer theilen sich dieselben in zwei gesonderte Befestigungen, die Alkazaba, Unterburg, und den Alkazar, Oberburg. Beide arabische Benennungen haben aber noch anderweite Bedeutung; s. d. betr. Art. Die Straßen der Städte sind äußerst unregelmäßig und eng, aber dadurch frei von Zugluft und im Sommer sehr kühl. Leider ist von den Schlössern der prachtliebenden Araber, außer den Befestigungswerken und hier und da einigen Substruktionen, gar nichts erhalten; aber vermuthen läßt sich, daß dieselben, sowie auch die Wohnhäuser, eine ähnliche Disposition haben mochten, wie die des nachfolgenden maurischen Stils, deren so viele uns noch in Spanien erhalten sind. Einzelne Ueberbleibsel wohl finden sich in kleinen Städten u. selbst in Cordova u. Sevilla, aber über die Einrichtung geben sie keinen Aufschluß und in den Details stimmen sie mit dem oben bei den Moscheen Gesagten überein. Bei Wohnhäusern wie bei Moscheen sind an den Eingängen stets Pantoffelnischen, alacenas, in den Pfeilern ausgespart. Im Flachban waren die Araber nicht weniger erfahren als im Hochbau. Brücken, von ihnen gebaut, dienen noch jetzt vielfach dem Verkehr in Spanien; sie ähneln sehr den normännischen, doch läßt sich schwer bestimmen, welche von den in Spanien bestehenden sogen arabischen Brücken aus der Zeit der Araber, und welche von den Mauren sind.“ Das Nämliche gilt von den Wasserleitungen, von denen jedoch einige mit ziemlicher Zuverlässigkeit von den Arabern herrührend angenommen werden können. Dieselben leiten das Wasser von der Quelle bis zur Stadt in weiten, thönernen, innerlich glasirten Röhren über Berg und Thal bergauf u. bergab; damit die Röhren dem Druck des Wassers widerstehen können, der besauf den Thalsohlen sehr stark ist, sind dieselben mit Mauerwerk aus kleinen Steinchen u. wasserdichtem Mörtel umgeben, welches gegossen zu sein scheint und noch jetzt, nach 1000 Jahren, sehr gut in Stand ist; ja selbst die Glasur der Thonröhren ist noch unverletzt. Nachdem nun in diesen Röhren das Wasser von der hochgelegenen Quelle über Berg u. Thal nach der Stadt, die damit versorgt werden soll, gelangt ist, steigt es dort in eben solchen Röhren in einem Thurm so hoch, als der Niveauunterschied zwischen Quelle und Stadt nach Abzug des Reibungsverlustes erlaubt; von einem oben in diesem Wasserthurm gelegenen Bassin aus wird es in die Stadt vertheilt und ist meist durch diese Manier der Vertheilung im Stande, in jedem Hause einen kleinen Springbrunnen zu treiben. Auch für die regelmäßige Bewässerung der Felder in der heißen Jahreszeit thaten die Araber sehr viel, und noch jetzt sind viele ihrer Azequias (Wasserleitungen), azudes (Wasserhemmungen) etc. im Gang. Auf wahrhaft staunenswerthe Weise haben sie hier und da Felsenschluchten zugebaut u. dadurch die durch dieselben herabstürzenden Gebirgsströme zu Seen aufgestaut, aus denen durch kleine Kanäle das Wasser abgeleitet werden kann u. zwar mit Hülfe von Schrauben, welche bei ihrer Umdrehung zugleich die in jeder Minute herausfließende Masse Wasser angeben, so daß eine genaue Regulirung der Bewässerung theils nach Bedarf, theils nach dem Beitrag(alfarda)ei eines jeden Grundbesitzers möglich ist (s. Alema und Riego). Die größeren Ströme wurden ebenfalls durch Uferbauten, Wehre, Schleusen etc. genau regulirt und ihr Wasserüberfluß zu Bewässerung der Felder etc. benutzt. Auch zahlreiche große und kleine Cisternen legten die Araber an, theils um Trinkwasser zu gewinnen, theils zum Gebrauch für die Bäder. Viele dieser Cisternen sind erhalten, die meisten aber durch den Aberglauben der Spanier unzugänglich gemacht, so z. B. die große Cisterne unter der Moschee von Sordova, welche nach vorhandenen Bschreibungen wenigstens 2400 Säulen hat, die ihr Gewölbe tragen. In den Städten und Gärten waren überall künstliche Teiche. Sogar eine Art Telegraphenwesen hatten sie; zwischen denHauptstädten waren nämlich Thürmetahmenaras) in nicht zu großen Zwischenräumen von einander erbaut, so daß man von einem aus allemal die beiden nächsten sehen konnte, und auf diesen Thürmen wurden bei Tage mit Fahnen, bei Nacht durch Feuer die Signale sehr schnell fort sepflanzt. Was nun endlich die Technik der arabischen Bauten betrifft, so waren sie größentheils aus einfach, aber glatt behauenen Werkstücken aufgeführt, die Bogen oft mit versatztem Fugenschnitt. Wo Werkstücke fehlten, konstruirten sie die Mauern entweder ganz aus Backsteinen oder in Pisée (s. d.), welches mit Ecken aus Backstein oder Bruchstein eingefaßt u. mit Backsteinschichten durchzogen war (s.d. Art. Mauerverband); die Gewölbe bestanden größtentheils aus Gußwerk. Bes. in der Fabrikation feiner Ziegelsorten scheinen sie sehr weit vorgeschritten gewesen zu sein; die Dachdeckung bestand aus Hohlziegeln der Art, welche wir jetzt Mönch und Nonne nennen und die sie glasirten, wie sie denn überhaupt in der Töpferarbeit Ausgezeichnetes leisteten. Den Bronzeguß kannten sie; dem Bergbau scheinen sie ebenfalls viele Thätigkeit zugewandt zu haben. Ihre Wassermühlen wurden durch Turbinen getrieben; auch Wasserschöpfräder wendeten sie zahlreich an und den Schleusenbau hatten sie zu großer Vollkommenheit gebracht; s. d. Art. Riego.

Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 1, S. 142Scan: Getty Research Institute (Internet Archive) · gemeinfrei

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