Asthetik, f., esthétique, f., engl. aesthetiks Pl., vom griech. 29—8125 Empfindung, abgeleitet, d. i. Lehre von der Schönheit. Die Philosophen haben sich lange und viel über die Definition des Begriffes „Schönheit“ sowie über die Stellung der Kunstschönheit gegenüber der Naturschönheit gestritten. Hegel wollte sogar die Kunstschönheit höher Wi als die Naturschönheit, also die Schönheit des von Menschen Geschaffenen höher als die Schönheit der Gotteswerke! Jean Paul sagt mit Recht: „Die rechte A. wird nur erst von Einem, der Dichter u. Philosoph zugleich zu sein vermag, geschrieben werden.“ — Da nun ein solcher noch nicht erschienen ist, so müssen wir vor der Han d noch auf eine vollständig genügende R. verzichten u. uns mit denjenigen Regeln für Schönheit der Gebäude begnügen, die sich bis jetzt durch die Erfahrung, durch das Urtheil von Tausenden und aber Tausenden richtig fühlender Menschen und durch die Empfehlung anerkannt tüchtiger Künster als stichhaltig herausgestellt haben, und diese Regeln mögen auch bis zur Erscheinung jenes Poetphilosophen genügen, da der Menschengeist im Lauf von Jahrtausenden in Wissenschaft und; Kunst eine Aesthetik erlebt und durchlebt hat, was beinahe mehr sagen will, als eine abstrakte Aesthetik bieten könnte, da eine solche die Bestandtheile des zu beurtheilenden Kunstwerkes zergliedern und seine einzelnen Schönheiten logisch entwickeln, die Schönheit sozusagen erdenken würde, der wahre Künstler aber sein Kunstwerk mehr mit dem Herzen als mit dem Geiste erzeugen, mehr empfinden als denken und daher nur als Ganzes erfassen und gebären wird, vor dem Zersetzen und Zergliedern aber mit Recht zurückschreckt u. daher den analytischen Regeln einer abstrakten Aesthetik nur mit Widerwillen folgen würde. Hauptgrundsatz aller bildenden Künste ist, daß die Kunst ein Verwirklichen des Empfundenen, das Bild Erscheinung der Empfindung und in der Kunst Begriff und Erscheinung Eins ist. Aufgabe des Künstlers ist es nun, die Einheit des erfaßten Begriffs seiner Empfindung äußerlich wahrnehmbar zu machen. Erfüllt er diese Aufgabe, so wird sein Werk schön sein, d. h. die Erscheinung desselben wird wohlgefällig und in ihren Theilen übereinstimmend (einheitlich) sein; es wird ein auf allgemeine Anerkennung mit Recht Anspruch machendes Gefühl der Lust erregen, indem es alle Geisteskräfte in befriedigende Thätigkeit setzt, die Einbildungskraft auf wohlgefällige Weise beschäftigt und den Verstand nach allen Richtungen seiner Ansprüche hin befriedigt. Werke der Baukunst betr., würde dieser Satz unge fähr so lauten: Ein Bauwerk kann nur dann schön sein, wenn seine Erscheinung die Einbildungskraft wohlgefällig beschäftigt, dabei in allen seinen Theilen logisch richtig entwickelt u. demgemäß sowohl harmonisch gestaltet, als aus der materiellen Aufgabe, die es zu lösen bestimmt ist, organisch herausgebildet, wenn es also zugleich vollständig zweckmäßig ist, denn sonst befriedigt es nicht alle Anforderungen des Verstandes. Kürzer und bündiger: Ein schönes Bauwerk muß in seinen Formen wohlgefällig, in seiner Konstruktion gut sein. Da nun die Bauwissenschaft mit von der Natur gelieferten, also vorhandenen u. durch die Technik vorbereiteten Materialien Werke aufführt, welche gewisse, durch Bedürfnis, Sitte und Klima gestellte Anforderungen unweigerlich zu erfüllen haben, so sind ihr für ihre Werke gewisse Grundformen aufgedrungen. Diese nun ohne Beeinträchtigung jener Anforderungen schön zu gestalten, ist die Aufgabe des ästhetischen Theils der Baukunst. Die Bedingungen dieser Schönheit sind demnach folgende: 1. Richtige, klare Auffassung der Bestimmung des ganzen Gebäudes sowohl als sämtlicher einzelnen Theile desselben, und zwar letzterer als einzelner Theile sowie in ihrer Beziehung zum Ganzen. 2. Deutlicher und wahrhaftiger Ausdruck dieser Auffassung in der Gestaltung des Ganzen sowohl als der Theile und ihres Verhältnisses zum Ganzen. 3. Selbständigkeit in der Wahl der Mittel zu Erreichung dieses Ausdrucks, denn nie wird eine kopirte Form sich einem andern Zweck, als dem sie im Original diente, so anpassen lassen, daß sie aus diesem Zweck hervorgegangen und ihrer Bestimmung angemessen erscheint. 4. Befriedigung der Anforderungen, welche Sitte, Zeit, Klima und Bedürfnis an das Bauwerk stellen. 5. Volle Benutzung der Mittel, welche die Natur in den Materialien, die Technik u. Konstruktion in Beziehung auf Vorbereitung und Verwendung dieser Materialien und die Lage des Bauplatzes in Beziehung auf Terrain und Umgebungen an die Hand geben. — Um diese Bedingungen zu erfüllen, muß der Baukünstler, wenn er ein vollkommen schönes Bauwerk schaffen will, vollständig mit der Technik seiner Zeit, in allen die Baukunst angehenden Branchen, in allen ihren Fortschritten, in allen von ihr dargebotenen Mitteln verträut sein; er muß die Materialien, die ihm zu dem Bau zu Gebote stehen, in allen ihren Eigenschaften u. Eigenthümlichkeiten genau kennen; er muß die Sitten der Zeit und des Volkes, die Eigenthümlichkeiten und Lebensgewohnheiten der Personen oder den Kultus und die Glaubenssätze der Gemeinden, die Verpflichtungen, Rechte und Thätigkeiten der Behörden, für die er baut, genau kennen u. sorgfältig beachten, muß die eigenthümlichen Einwirkungen des Klimas, in dem er baut, genau berücksichtigen, dann aber sein Bauwerk so einrichen daß es all den genannten Faktoren Genüge thut. Dabei muß er sich natürlich frei machen von dem Joch der vorhandenen Stile mit ihren festbestimmten Regeln und Zahlen, die von Epigonen aus Werken einer Zeit herausgeklaubt sind, die längst verflossen ist; er darf nicht Bauwerke nachahmen wollen, die einst für Völker errichtet wurden, deren Name längst der Geschichte angehört, deren Sitten ganz andere waren als die unserigen, deren Technik unendlich viel tiefer stand als die der Gegenwart, die in einem ganz andern Klima errichtet wurden als dem unserigen, aus Materialien, die uns theils nicht zu Gebote stehen, theils von uns durch bessere u. zweckmäßigere ersetzt werden können. Auch muß 5 sich sorgfältig hüten, durch Anbringen zu vieler passiver Verzierungen Ueberladung, durch Kargen mit aktiven Verzierungen Kahlheit herbeizuführen. Wenn der Baukünstler gewissenhaft nach diesen Regeln u so wird sein Bauwerk nach Anordnung, Eintheilung, Lichtgebung und Konstruktion durchaus zweckmäßig, nicht zu kostspielig, dem Benutzenden behaglich, dem Anschauenden wohlgefällig, dem Klima entsprechend, der Zeit, in der es errichtet wird, angemessen, dabei aber auch als Kunstwerk selbständig sein; er wirdnicht in Gefahr kommen, Pracht und Schönheit für identisch zu halten, aber auch nicht wähnen, ein schönes Bauwerk hergestellt zu haben, wenn er demselben gleichsam als Larve eine Façade angefügt hat, die er von einem mit seiner vielleicht ganz andern Bestimmung harmonisch gestalteten und deshalb für schön anerkannten Gebäude entlehnte. Gewisse Aesthetiker haben allerdings den Baukünstlern die Arbeit sehr leicht zu machen versucht, indem sie gewisse feststehende Regeln für die Schönheit ganzer Gebäude sowohl als einzelner Theile aufstellten, z. B. ein Fenster soll Ag einmal so hoch als breit sein u. .— nun muß aber z. B. ein Kirchenfenster ganz andere 2 Verhältnisse haben, als das Fenster eines Gefängnisses od. Pferdestalles. Die Fenster, welche ein 13 m. hohes Kirchenschiff beleuchten sollen, werden wegen des durch sie zu erreichenden Lichtes mindestens 6 m. hoch sein müssen; wie würde es aber aussehen, wie sich mit der Konstruktion vertragen, wenn man sie nach jener Regel 3 mebreit machen wollte? Die Fenster eines Pferdestalles, der 3½ m. im Lichten hoch ist, können erst bei einer Höhe von 2 m. vom Fußboden beginnen und daher wegen der nöthigen Ueberwölbung höchsten Im. hoch werden; würden sie Licht genug gewähren, wenn man sie blos 7 m. breit machen wollte? Dieses eine Beispiel mag genügen, um zu beweisen, wie wenig stichhaltig solche Regeln sind, u. uns zu rechtfertigen, daß wir sie hier nicht anführen. Ein Baukünstler, der sich an obige allgemeine Regeln hält, wird jeden einzelnen Theil auch ohne solche Schemata schön gestalten, wenn er mit richtiger Empfindung für das Wohlgefällige begabtist. Andeutungen über die Grenzen, zwischen denen die Schönheit einzelner Theile liegt, sowie über den Charakter, den man ganzen Bauwerken zu geben hat, als Leitfaden für Anfänger sind nicht zu verwerfen, und sind solche Andeutungen in den die einzelnen Gegenstände betr. Artikeln nachzuschlagen.