FeedAnmut
AllerleiBrockhaus 1882

Anmut (Grazie, Charis) ist zunächst die Gefallen erregende sinnliche Erscheinungsform. Man spricht in diesem Sinne nicht nur von A. der menschlichen Gestalt und Bewegung, sondern auch von anmutigen Tieren und anmutigen Gegenden. Doch egriff der A. enger begrenzt, indem sie nach dem Vorgange Lessings die A. als die Schönheit in der Bewegung definierte. Sie unterscheidet ferner den Begriff des Anmutigen von dem Begriff des bloß Gefälligen und Reizenden dadurch, daß sie dem erstern eine tiefere seelische Bedeutung gibt; die A. ist 1lae im weitern Sinne der durch inneres Seelenleben gehobene und vergeistigte Reiz. Vornehmlich durch Schillers klassische Abhandlung über A. und Würde ist diese schärfere und engere Begriffsbestimmung allgemein üblich geworden. Wohl ist jene angeborene Körperschönheit, die eine Gunst der Natur ist, von großem Reize; aber diese Schönheit des Baues oder, wie Schiller sie nennt, diese architektonische Schönheit ist doch nur die eine Seite. Der Mensch ist nicht bloß Naturwesen, er ist auch freie Persönlichkeit; die Art seiner äußern Erscheinung ist auch abhängig von der Art seines Empfindens und Wollens, von den Seelenbewegungen, die sich den körperlichen Formen und Zügen aufdrücken. Und diese selbsterrungene geistgeborene aoenEam ist es, welche Schiller als A. bezeichnet; und er kann dann ganz folgerichtig hinzufügen, die architektonische Schönheit ist Glück, die A. ist persönliches Verdienst. A. in diesem Sinne ist nur, wo eine schöne Seele ist, d. h. eine Seele, in welcher Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung in heiterer freier Versöhnung und Übereinstimmung stehen. Daher der enge Zusammenhang des Begriffs der A. mit dem Begriff der Würde (s. d.). Legen wir demnach der schönen Seele in der idealen Heiterkeit ihres ruhig-harmonischen Gleichgewichts A. bei, so nennen wir sie in der kämpfenden Bethätigung ihrer sittlichen Kraft Würde. A. und Würde sind also nicht Gegensätze, sondern nur verschiedene Spiegelungen des höchsten menschlichen Charakterideals, der schönen Persönlichkeit in ihrer Vollendung.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 677Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Allerlei 6