byzantinischer Baustil, m., frz. style byzantin, engl. byzantine style, byzantian style. Noch über keine Stilbenennung ist wohl so viel gestritten worden, als über die Benennung byzantinisch. Manche haben dieselbe geradezu verworfen und das Vorhandensein eines Stils, dem sie zukäme, hinwegleugnen wollen, und das mag wohl blos eine unwillkürliche Reaktion gewesen sein, hervorgerufen dadurch, daß die andere Partei Alles, was zwischen dem römischen u. dem gothischen Stil liegt, byzantinisch nannte; die Reihenfolge der Stile s. Baustil. Wie dort D. II. 2. bereits gesagt, ging der byzantinische Baustil zu derselben Zeit aus römischen und orientalischen Elementen hervor, als der frühromanische aus dem lateinischen oder altchristlichen (s. d.) entstand, daß bei dem gemeinschaftlichen Ursprung des altchristlichen und des byzantinischen Stils manche Form in letzterem der entsprechenden in ersterem ähnelt, ist ganz natürlich, falsch aber ist die von Vielen darauf gegründete Folgerung auf innigsten Zusammenhang beider Stile. Während den alten Christen Italiens die römischen Prachtbauten aus der letzten Kaiserzeit in ihren nicht etwa reinen Formen als erstes Vorbild vor Augen lagen und dadurch die Form ihrer Gebäude sich bestimmte, fanden die Künstler in Byzanz, als Konstantin der Große seine Residenz dort aufschlug, eigentlich noch gar nichts vor; noch hatte die Kunst diese Stätte nicht geweiht, u. diese Aufgabe war den Christen vorbehalten. Leitend war dabei nur der Gedanke der Anbetung über den Gräbern, die Vermeidung vollständiger Nachahmung der antiken Tempelistform u. die bei der unmittelbaren Nähe Asiens unabweisbaren orientalischen, bes. sassanidischen und tatarischen Einflüsse, welche denn auch ihre Wirkung nicht verfehlten. I Im Anfang zwar wurden auch auf byzantinis chem Gebiete t einige Basiliken erbaut, aber bald siegte die Centralform, welche sich schnell in größter Manchfaltigkeit entwickelte; vielleicht trug auch der Holzmangel und die Furcht vor Feuersbrünsten mit dazu bei, daß man die Holzdecken verwarf u., auf den letzten Früchten römischer Technik fußend, den Kuppelbau vor allem ausbildete. Entsprach doch auch dieser am besten der innern Abgeschlossenheit und dem strengen Formenwesen des byzantinischen Kaiserreichs u. der unter seiner Aegide sich ausbildenden griechischen Kirchenverfassung. — Diese verlangte unter Anderm strenge Trennung der Geschlechter und sorgfältige Abkeit von der Gemeinde. Beim Hinblick auf diese Elemente erscheint die Entstehung des byzantinischen Bau- und Formengerüstes als eineganznatürliche. Um einen großen Mittelraum, mit hoher Kuppel bedeckt, reihen sich die Seitenschiffe und der hohe Chor; die Art und Weise aber, wie diese Anreihung bewirkt wird, ist sehr manchfach. Bei der von 527—542 unter Justinian durch Anthemios von Tralles und Isidor von Milet ausgeführten, 558 nach einem Erdbeben wieder hergestellten Sophienkirche in Konstantinopel, s. Fig. 1028 und 1029, sitzt die noch ziemlich flache KuppelAmittels großer Bogen bbb u. nischenartiger Pendentifs ποεαc auf 4 mächtigen Pfeilern; an die Mauerbogen bb aber lehnen sich in der Längenrichtung der Kirche große Halbkuppeln Alu. A“, während an den anderen Seiten Seitenschiffe angelegt sind, die nur, soweit die Festigkeit es forderte, Fig. durch die genannten Hauptpfeiler unterbrochen werden. Wir haben hier also einen Versuch vor uns, die Centralkuppel mit der Basilikenanlage zu versöhnen. In anderen fast gleichzeitigen Bauten hat das Centralsystem gesiegt. Hier ziehen sich nämlich die Seitenräume in polygonem Gürtel um die Hauptkuppel herum, wie bei St. Vitale in Ravenna, 526—539 erbaut (Fig. 1030 u. 1031), und der 796 —804 erbauten Kaiserkapelle des Münsters zu Aachen, Fig. 1032 1035, an welcher ravennatische Künstler u. Materialien verwendet wurden; anderwärts lehnen sich Halbkuppeln an 4 Seiten der Mittelkuppel an, wie bei St. Lorenzo in Mailand (Fig. 1036); od. sie ist von Nebenkuppeln umringt, welche mit ihr im Grundriß die Gestalt eines gleicharmigen griechischen Kreuzes bilden, wie in St. Marco zu Venedig (erbaut 1048—1071), s. Fig. 1037. Diese Grundform zeugt ebenfalls für das Bestreben, auf die Basilikenform zurückzukommen; die schwarz gedruckten Theile des Grund— 1037. Markuskirche in Venedig. risses gehören dem ersten Bau an, während die heller schraffirten Theile später angebaut sind: der Baptisteriumanbau bei A kann ebenfalls alt sein, ebenso der Kern der Pfeiler C, D, E, F. Bei B hat sich ein Eingang wie bei befunden, G u. E sind Kanzeln, a, b u. e Pendentifs rc Bei noch anderen Bauten sind die Arme dieses Kreuzes nur als Lang- u. Querschiffe gestaltet, wie bei der Theotokoskirche zu Konstantinopel, um 900 erbaut (Fig. 1038) immer aber die Zwickel zwischen denselben durch niedrigere