FeedAvignon (lat. Avenio)
ErdkundeBrockhaus 1882

Avignon (lat. Avenio), Hauptstadt des franz. Depart. Vaucluse in der Provence, am linken Ufer des Rhöne, über welchen eine Kettenbrücke führt, und welcher hier die Sorgues aufnimmt, an einem Kanal der Durance und an der sich hier mehrfach verzweigenden Eisenbahn nach Lyon und Marseille, in herrlicher Cbene, ist durch ihre anmutige Lage sowie durch ihre histor. Erinnerungen eine der interessantesten Städte Frankreichs. Durch die Heftigkeit des kalten Alpenwindes ist der Ort berüchtigt. A. hat gewaltige, 1349—68 aufgeführte, meist 3,12 m starke Mauern mit zackigen Zinnen, 39 mächtigen Türmen und schönen Thoren und ist von prächtigen Baumgängen 7 Eine Platanenallee führt zu den Kais des Rhöne. Wiewohl die Häuser gut gebaut, ist doch das Innere der Stadt unregelmäßig, winkelig, düster und schmuzig. Von den öffentlichen Gebäuden sind das Stadthaus mit on urme aus dem 14. Jahrh., das Hötel Crilon in got. Stile, der erzbischöfl. Palast, das Hospital, das Theater (1846) bemerkenswert, ferner das Standbild Crillons, eines Feldherrn Heinrichs IV., und eine 1874 errichtete Statue Petrarcas. Außer einer Menge von Kirchen hatte A früher 20 Mönchs⸗ und 15 Nonnenklöster, sodaß es von Rabelais wegen des häufigen Glockengeläutes ala ville sonnantes genannt wurde. Noch 1762 zählte es 900 Geistliche. In der Revolutionszeit wurden viele der geistlichen Gebäude teils andern Zwecken zugewendet, teils zerstört, wie z. B. 1791 die Franziskanerkirche mit dem Grabe der vielbesungenen Geliebten Petrarcas, Laura de Sade, die Drar 1348 an der Pest starb. Die schöne Synagoge rannte 1845 ab. Die Cölestinerkirche enthält das Grabmal des Papstes Clemens VII. und des heil. Benezet, des Erbauers der großartigen Steinbrücke, welche das gegenüber im Depart. Gard liegende Städtchen Villeneuve-les-Avignon mit (1876) 2652 (Gemeinde 2910) E. (gekrönt durch die von betürmten Mauern umgebene Abtei St.⸗Andre), zu einer Vorstadt A.s macht. Die Brücke ward 1188 vollendet, aber 1669 durch den Rhöne bis auf 4 ihrer 19 Bogen und eine Kapelle des Heiligen zerstört. Jetzt führt eine Hängebrücke hinüber. Den Glanzdem der Stadt bilden die großartigen Bauten auf em Roc-des-Doms, einem 58 meüber den Rhöne aufsteigenden Kalkfelsen, der sich gegen S. und O. allmählich zur Stadt hinabsenkt, während auf der steilen Nordseite die Patertreppe von 100 Stufen hinaufführt. Den Felsen krönt die große, aber unregelmäßig gebaute got. Kathedralkirche Notre-Dame-des-Doms, ein wahres Bollwerk von mächtigen Türmen, dessen Portal für den Rest eines Herculestempels * mit dem merkwürdigen byzant. päpstlichen Stuhle aus weißem Marmor, Fresken und zahlreichen Gemälden, den Mausoleen der Grabe Benedikt XII. und Johann XXII., und dem rabe Crillons. Etwas tiefer, am Südabhange, steht das alte, kolossale WSesm a Don Gteindl 1339 —64 aufgeführt, eine Festung von Steinblöcken, mit starken krenelierten Mauern, Türmen, Schießscharten, weiten got. Hallen, ohne Symmetrie; sie war später Sitz des päpstl. Vizelegaten, dient seit 1815 als Gefängnis und Kaserne, und hat in zwei Sälen schöne Fresken aus dem 14. Jahrh. Die Plattform des Felsen gewährt einen großartigen Rundblick, der die Ebenen der Provence mit den dunkeln, scharfgezackten WTeutonr W. f.w. den rötlichen Gipfeln des Mont-Ventoux u. s. w., den Betten der a Durance, Sorgues und Gardon bis an die Cevennenkette umfaßt, am Rhöne abwärts bis an die öde Camargue reicht. Die Stadt hatte im 14. Jahrh. 100000, nach den Stürmen der Revolution 17000 C., 1876 wieder 33 189 (Gemeinde 38008) E. Sie it Sitz der Departementsbehörden, eines Erzbischofs (bis 1475 eines Bischofs), dessen Diöcese das Depart. Vaucluse umfaßt, und unter dem die Bischöfe von Nimes, Viviers, Valence und Montpellier stehen. A. hat ein Lyceum, ein derbe. und ein kleines theol. Seminar, eine Gewerbe⸗, eine ½8 und eine Musikschule, die Academie de Vaucluse, einen botan. Garten, ein Museum, nach seinem Stifter, dem Arzte Calvet benannt, mit einer Gemäldegalerie, einer und Ar Sammlung, einer Galerie von Skulpturen und Architekturstücken des Altertums, Mittelalters und der neuen Zeit; ferner eine Porträtgalerie, ein Münz⸗ und Naturalienkabinett, eine öffentliche Bibliothel von 85000 Bänden und 2500 Manustripten; das naturhistor. Museum Requiny mit roßer Bibliothek, eine Acker⸗ und Gartenbaugesellchaft und einen Verein für Kunstfreunde. Die 1303 gestiftete Universität wurde 1794 Eihaus und „Seit 1857 besitzt die Stadt ein prot. Bethaus und eine prot. Schule. Die Bevölkerung unterhält Seiden⸗ und Baumwollspinnereien, Samt⸗, lorence⸗, Taffet⸗, Indiennes⸗ und andere Fabriken, bedeutende Färbereien und Gerbereien, Krappmühlen, Kanonen- und Eisengießereien, Mas chinenbauanstalten, Buchdruckereien u. s. w., liefert Papier, Ackergeräte, Blech⸗, Kupfer-und andere Metallwaren, geschätzte Herren⸗ und Damenhüte, Posamentierwaren u. s. w., und treibt starken Garten⸗, Agrumi-⸗, Krapp⸗, Obst⸗, Wein⸗ und Seidenbau sowie Bienenzucht und sehr lebhaften Handel mit Seide, Wein, Branntwein, Olivenöl, Getreide und Mehl. Die Seidenindustrie bes äftigt 12—14000 Arbeiter und liefert jährlich Waren im Wert von 1½ Mill. Frs. Für Getreide ist A. das Entrepöt für die Provence, Nieder-Dauphiné und Lan uedoc; auch werden daselbst die Ladungen der zur Ausfuhr kommenden Weine des Departements gemacht. Von großer Wichtigkeit für die Färbereien der Stadt ist die Kultur der Gelbbeeren oder Avignonkörner (Graines d'Avignon) und insbesondere des Krapp (Garance), den man teils in den Handel bringt, teils zur Färbung der roten Hosenstoffe der franz. Armee verwendet. Dieses wichtige Produkt, das dem Departement jährlich über 15 Mill. Frs. einbringt, verdankt A. einem landesflüchtigen Perser, ½• Althen, dessen Vater Gesandter des Schah Thamas Kuli-Chan war, und der 1765 in Armut starb; sein Standbild steht in den Gartenanlagen beim Dom. Die Anmut und Schönheit der Frauen von A. wird allgemein gerühmt. A. war die Hauptstadt der gallischen Cavares und bietet nebst der Umgegend noch viele Uiberreste aus der Römerzeit dar. Im Mittelalter war es mit seinem Gebiete eine Grafschaft, welche die Päpste, die bereits die Grafschaft Venaissin 1273 von König Philipp III. zum Geschenk erhalten hatten, von Ihhama, Königin von Neapel und Gräfin von Provence, 1348 ankauften. Beide Länder regierte der Papst durch einen Vizelegaten und besaß sie bis 1790, wo nach mehrern stürmischen und blutigen Auftritten (zuletzt 16.Okt. 1791) die Stadt mit chrem Gebiete sich an Frankreich anschloß. Im Frieden von Tolentino (19. Febr. 1797) leistete dann der Papst auf A. und Venaissin förmlich Verzicht. Merkwürdig ist A. in der Kirchengeschichte, indem auf Anordnung König Philipps IV. von Frankreich Papst Clemens V. und dessen sechs Nachr. bis Gregor XI. von 1305—78 ihren Sitz aselbst nehmen mußten. Später residierten bis 1409 in A. noch mehrere nichtanerkannte Päpste. Auch wurden zu A. zwei Kirchenversammlungen, 1326 und 1337, Mirichaf Am 2. Aug. 1815 wurde in Avignon der Marschall Brune ermordet. Vgl. Penjon, «A., la ville et le palais des papeso Gesançon 1878).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 293Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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