FeedBartsch (Karl Friedr.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Bartsch (Karl Friedr.), einer der gründlichsten Kenner der ältern deutschen und roman. Litteratur, geb. 25. Febr. 1832 zu Sprottau, besuchte 1842—49 erst das Gymnasium zu Gleiwitz, dann das Elisabethanum zu Breslau und widmete sich hierauf daselbst anfänglich der klassischen Philologie, wandte sich aber unter Weinholds Leitung bald ausschließlich dem Studium der german. und roman. Sprachen zu. Nachdem er dasselbe von Ostern 1851 bis zum Winter 1852 zu Berlin unter Aufrecht, Maßmann, von der Hagen und W. Grimm fortgesetzt und im März 1853 zu Halle tben Napre atte, besuchte er im Sommer desselben Jahres London, Paris und Oxford, um sich auf den dortigen Bibliotheken mit dem Studium der provencal. Handschriften zu beschäftigen. Im Herbst 1855 ging B. als Kustos der Bibliothek des Germanischen Museums nach Nürnberg, in welcher Stellung er bis Ende 1857 verblieb. In den J. 1858—71 wirkte er als ord. Professor der deutschen und roman. Philologie zu Rostock, seitdem als Ad. Holtzmanns Nachfolger zu Heidelberg. Den Winter 1868—69 verlebte er, hauptsächlich mit Arbeiten über die Troubadours beschäftigt, in Italien. Für die gleichen Zwecke durchforschte er auch noch zweimal die Bibliotheken von Paris, wo er enn die ersten fünf Wochen des Deutsch-Französischen Kriegs verbrachte. Bis litterarische wie akademische Thätigkeit ist gleichmäßig der deutschen und roman. Philologie, hauptsächlich nach ihrer litterarischen und textkritischen Seite hin, gewidmet. Von seinen Arbeiten über provencal. Litteratur, mit welcher er sein Pevencat & Wirken begann, sind zu nennen: das „Provengal. Lesebuchd (Elberf. 1855; 4. Aufl. 1880), die «Denkmäler der provencal. Litteraturs (Stuttg. 1856), 4Peire Vidals Lieder (Berl. 1857) und die Ausgabe des Aus seinen altfranz. Studien gingen die Chresto⸗- mathie de l'ancien françaiso (Lpz. 1866; 4. Aufl. 1880) und die 4 Altfranz. Romanzen und Pastourellen» (Lpz. 1870) hervor. Zahlreicher noch sind seine Arbeiten auf dem Gebiete der deutschen Sprache und Litteratur. Dahin gehören die Ausgaben von des Strickers Karl d. Gr. »(Quedlinb. 1857), der Dichtungen des 4Berthold von Holler (Nürnb. 1858), der »Erlösunge und anderer deun er Poesien (Quedlinb. 1858), der »Mitteldeutschen Gedichtes (Stuttg. 1860), des »Meleranz von dem Pleier» (Stuttg. 1861), der «Meisterlieder der Kolmarer Handschrift² (Stuttg. 1862), mehrerer Dichtungen Konrads von Würzburg, namentlich dessen „Partonopiere (Wien 1871), «Reinfried von Braunschweig» (Stuttg. 1871), „Hugo von Montfort v (Stuttg. 1879) und die Auswahl »Deutsche Liederdichter des 12. bis 14. Jahrh.» (Lpz. 1864 2. Aufl. 1879). An der von Franz Pfeiffer begonnenen Sammlung der «Klassiker des deutschen Mittelalters o beteiligte sich B. durch die Ausgaben der (Kudrun »(Lpz. 1865; 4. Aufl. 1880), des «Nibelungenliedes »(Lpz. 1866; 5. Aufl. 1879) und des „Parzival und Titurelo von Wolfram von Eschenbach (3 Bde., Lpz. 1870—71; 2. Aufl. 1875—77), wie er auch nach Pfeiffers Tode dessen „Walther von der Vogelweide neu herausgab (6. Aufl., Lpz. 1880) und später auch die Fortführung jener Sammlung übernahm ( Dichtungen des Mittelaltersv), in der er das „Rolandslied o herausgab. Einen mehr oder ausschließlich kritischen Charakter tragen die Arbeiten Küber Karlmeineto (Nürnb. 1861), «Albrecht von Halberstadt und Ovid im Mittelalter» (Quedlinb. 1861), «Herzog Ernst⸗ (Wien 1869), «Anmerkungen zu Konrads Trojanerkriege (Stuttg. 1877), namentlich aber seine epochemachenden „Untersuchungen über das Nibelungenlied (Wien 1865). In Anschluß an letztere veröffentlichte er seine große kritische Ausgabe des „Nibelungenliedes (3 Bde., Lpz. 1870—-80), der sich eine Ausgabe der «Klager (Opz. 1875) anreihte. Nach Kobersteins Tode übernahm B. die fünfte Bearbeitung von dessen „Grundriß der Geschichte der deutschen Nationallitterature (5 Bde., Lpz. 1872— 74), wie die Vollendung der Neubearbeitung von andere Gebiete der Altertumsforschung greifen hinüber die Schriften «Der saturnische Vers und die zen des Mittelalterso (Rost. 1868) und „Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburge (2 Bde., Wien 1879—80). Schulausgaben veranstaltete B. vom «Nibelungenlied »(Lpz. 1874; 2. Aufl. 1880), „Walther von der Vogelweidev 5 1875) und «Kudrun » (Lpz. 1875). Zahlreiche Abhandlungen von B. erschienen in Zeitschriften, wie im⸗ 9 der buch für roman. Litteraturo, dem „Jahrbuch der deutschen Dante-Gesellschaft o, namentlich aber in Pfeiffers Germaniao, deren Leitung er 1869 übernommen hat. Für letztere Zeitschrift verfaßt B. die jährlichen „Bibliogr. Übersichten der Erscheinungen auf dem Gebiete der german. Philologier, die auch in besondern Abdrücken erscheinen. Durch seine libersetzungen von Robert Burns (Hildburgh. 1865), des MRibelungenliedeso (Lpz. 1867 2. Aufl. 1880), Dantes «Göttlicher Komödier (3 Bde., Lpz. 1877) und Alter franz. Vollslieder» (Heidelb. 1882) hat sich B. auch als übersetzer, wie durch eigene lar, gewandte Dichtungen (Wanderung und Heimtehrv, Lpz. 1874) einen Namen gemacht.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 519Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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