FeedBeaconsfield
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Beaconsfield (spr. Bihk'nsfihld, Benjamin Disraeli, Carl of B., Viscount Hughenden), Sohn saak Disraelis (s. d.), hervorragender engl. Schri tteller und Staatsmann, geb. 21. 1 1804 (nicht 1805, wie irrtümlich alt angegeben wird) in London, war von jüd. Abkunft, wurde aber zur Beseitisona der damals dem Judentum noch anhaftenden ozialen und polit. Nachteile auf den Rat des Dichters Samuel Rogers 1817 in einer christl. Kirche getauft. Bis zu seinem 17. Jahre besuchte er eine Privatschule in Walthamstow; dann arbeitete er fünf Jahre in dem Bureau eines londoner Sachwalters, wandte sich aber zugleich litterarischen Beschäftides Ro zu und wurde durch den Bdr., Von Erfolg 5 Romans Vivian bh. (5 Bde., Lond. 1826 —27), in welchem eine lebhafte, aber ungezügelte Einbildungskraft und ein ungewöhnliches Talent für Siuenschilderungen aus der sog. fashionablen Welt sich kundgaben, zum Eintritt in die Laufbahn des Schriftstellers bewogen. Auf die Swift nachgebildete Satire The adventures of captain Popanillas (1828) ließ er den Roman «The young Dukes (3 Bde., Lond. 1830) folgen, der weniger bedeutend war, während Contarini Fleming, a psychological autobiographys (4 Bde., Lond. 1832) wegen des darin zu Tage tretenden Talents für Darstellung und Analyse der Leidenschaften Auf7 erregte. V dieser Zeit brachte die Reformill ganz England in Aufregung, und auch B. warf sich, von einer Reise na dem Brient zurückgekehrt, mit Eifer uß die Politik. Unter Humes und O'Connells Einfluß schloß er sich der entschieden liberalen Partei an, trat 1833 als Kandidat für Marylebone auf und stellte in seiner bei dieser Gelegenheit veröffentlichten Broschüre What is hedo ein ganz demokratisches Glaubensbekenntnis I1 während er vaglaich sein die Revolution verherrlichendes Re. volutionary epicko (Lond. 1834; neue Aufl. 1864) herausgab, das man ihm später oft zum Vorwurf Ios un hat. Seine Bewerbung war indes erfolgos, und dieses Mißgeschick scheint einen Umschlag in feinen Ansichten bewirkt zu haben. Denn als es ihm 1837 gelang, hat Maidstone ins Parlament ewählt zu werden, hatte er sich bereits den Kon-Lrwanen genähert, die damals unter Peel mit den Whigs kämpften. Bei seinem ei e Auftreten im Unterhause ward er in einer Weise empfangen, die einen minder entschlossenen und zuversichtlichen Geist entmutigt hätte. Doch om Talent und Ausdauer gewann er, obgleich wegen seines ercentrischen Wesens im Grunde von keiner Partei anerkannt, allmählich Einfluß und bildete M Anfang der vierziger Jahre mit Lord John anners, George Smythe u. a. die sog. Partei des Jungen England, deren Grundsätze er in einer Reihe von Schriften entwickelte, die durch Stil und Inhalt allgemeine Aufmerksamkeit erregten. Eigentümlich erschien darin neben dem mit einem großen Aufwand von Rhetorik befürworteten System einer den Mittelklassen feindlichen demokratischen Monarchie die Verherrlichung der jüd. Nation, die er schon in einem frühern Roman, &The wondrous tale of Alroyv, zum Gegenstande gewählt hatte. Das bedeutendste von diesen Werken ist «Coningsby, or the new generationo (3 Bde., Lond. 1844). In den folgenden, Sybil, or the two nationso (3 Bde., Lond. 1845) und «Tancred, or the new cerusaden 3 Bde., Lond. 1847), findet man meist dieselben deen in anderer Form wieder. Unterdessen war B. durch unerwartete Umstände zu einer wichtigen polit. Rolle gelangt. Als Peel nach das Schutzollsystem zu Gunsten des 5 Georg Ssystems fallen ließ, warf sich B. neben Lord George Bentinck zum Führer der Protektionisten auf, griff Peel, der in der Session von 18⁴ die Aufhebung der Kornzölle beantragte, mit allen Mitteln seiner gewandten Dialektik, seines schneidenden Witzes und seiner bittern Ironie an, und rettete, obgleich er die Annahme der Maßregel nicht verhindern konnte, doch die Partei vor gänzlicher Zersprengung. Zum Vertreter der Graf chaft Buckingham gewählt, erneuerte er auch in den fol⸗ . Sessionen den Kampf. Nach dem Tode gentincks (1848), dem er mit Lord George Bentinck. A biographys (Lond. 1851) ein Denkmal setzte, und be sich die Protektionisten, welche den ahnen-und besitzlosen B. bisher mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt hatten, dazu entschließen, ihn in aller Form als — rer im Unterhause anzuerkennen. In dieser Stellung wußte er zu-Peel gegen die Whigs, die Reformer und die eeliten Front zu machen, wobei ihm die von dem Ministerium Russell begangenen Fehler trefflich zu statten kamen. Als im Febr. 1852 das Whigministerium sich definitiv un Ve konnte Graf Derby nicht umhin, den Beistand B.s in Anspruch 0 nehmen, der als Kanzler der Schatzkammer in as neue Torykabinett eintrat. Um sich am Ruder ja erhalten, ließ er das m dem Undethanz alsbald allen, aber das von ihm dem Unterhause vorgelegte Budget bewies, daß er zum Finanzminister nicht das rechte Geschick habe, und die Verwerfung desselben führte schon im Dezember den Sturz des Ministeriums herbei. Der bald darauf ausbrechende Orientkrieg ließ die nachider Redert in den Hintergrund treten. Erst nach der Niederlage Palmerstons in der Konspirationsbill gelang es den Tories, im Febr. 1858 sich wieder der Regierung zu bemächtigen, worauf B. seinen Eaanttellen V als Schatzkanzler einnahm. Seine finanziellen Maßregeln hatten diesmal bessern Erfolg, auch sicherte das gegenseitige Mißtrauen der Radikalen und der Whigs ihm eine Zeit lang die Majorität im Parlament; die Einigung beider gegen die von ihm einebrachte uhemats um Mü ihn indes schon im Juni 1859 abermals zum Rücktritt. Während des Waffenstillstandes der Parteien, der nun, unter dem Ministerium Lord Palmerstons, fast fünf Jahre (1860—65) dauerte und besonders durch die Verwickelungen und Debatten merkwürdig war, H der amerik. Bürgerkrieg herbeiführte, bewahrte B. eine Unabhängigkeit des Urteils Über die Ursachen und die Zwecke des roßen Kriegs, die ihm um so mehr zur Ehre gereichte, je seltener sie, besonders bei seiner Partei, in England zu finden war. Na Lord Palmerstons Tode bekämpfte er in der Session von 1866 mit Geschick die Reformbill des Ministeriums Russell-Gladstone und dahnte sich durch die Niederlage derselben Juli 1866) von neuem die Rückkehr ins Amt. Die drohende Ausbreitung der Reformagitation überzeugte 20 indes noch während desselben Jahres von der otwendigkeit umfassender Zugeständnisse hinsichtlich der Reform der parlamentarischen Vertretung und 1867 brachte er eine Reformbill ins Parla ment, die im Vergleich mit allen ihren Vorgängerr als radikal Alent wie werden konnte. Das sn nenswerte Ta Gegen womit er diese an ersten Ranges, in Gegensatz zu den durchfuhrte, errangen ihm Triumph und bereiteten ihm den Weg zu der letzten Stufe der Macht, welche ihm noch zu ersteigen übrigblieb. Als Graf Derby im Febr. 1868 aus Gesundheitsrücksichten seine Stelle als Premierminister niederlegte, folgte B. ihm in dieser Würde nach. n seiner Antrittsrede kündete er eine wahrhaft reisinnige Politiko an, und nach den Erfahrungen von 1867 war man keineswegs abgeneigt seinem Versprechen Gla wurde es klar, daß fürs erste kein Fortschreiten auf der Bahn der R Unnachgiebig bekämpfte er während der Session von 1868 die von schläge zu einer gründlichen Besserung der irischen Zustände und zunächst zur Entstaatlichung der irischen Kirche. den algemeinen Meume erklärte er, nur dem in den allgemeinen der Nation weichen zu wollen. Als diese Wahlen egen ihn entschieden, legte er noch vor dem Zuammentreten des neuen Parlaments sein Amt nieder (Dez. 1868). Die Königin bot ihm bei dieser Gelegenheit die Erhebung zur Peerswürde an. Er acceptierte dieselbe für seine Gemahlin (die Witwe seines 1838 verstorbenen Parlamentskollegen Windham Lewis, mit und welche 15. Dez. 1872 als Viscounteß of Beaconsfield starb), zog für sich selbst dagegen das Verbleiben in seiner rühern Stellung vor. Nach Graf Derb endlich die Führers Partei zu, die er seitdem bis zu seinem Tode leitete. Bei der mächtigen Majorität, mit welcher sein Gegner Gladstone aus dem e olnn hervorgegangen war, beschränkte B.s Politi nã gen Wder Jahre sich wesentlich auf den hartnäckigen regeln, welche das Ministerium Gladstone denkwürdig gemacht haben. Kirche, die irische Landbill, die Armeereform, die Erziehungsbill, die Ballotbill wurden mit mehr oder weniger Heftigkeit von ihm bekämpft. Inzwischen aber bereitete die Berulen in d durchgeührte Reformpolitik der Libera olke eine konservative Reaktion vor und nach den allgemeinen Neuwahlen vom Febr. 1874 fand B. sich zur Überraschun einer ebenso großen Majorität wie sechs Jahre früher Gladstone. Als rogramm des nun von ihm gebildeten konservativen Ministeriums stellte vorzüglich die soziale Reform, die Verbesserun der 6 schaftlichen zugleich wur wärtige Politik ein von den Liberalen ei Auslande zurückerobern solle. Hinsichtlich der sozialen Reform löste er sein Versprechen teilweise während der Sessionen von 1874—76 durch Vernhierung der Faktoreiakten, der Friendly Society Bills, eine Akte zur Verbeff arbeitenden Klassen, eine neue Schiffahrtsakte u. a. Als Beginn des verheißenen entschiedenern Auftretens nach außen konnte die Reise des Prinun von Wales nach Indien (Okt. 1875), der Anauf der Suezkanalaktien (Nov. 1875) und die Erdien Apr Königin Victoria zur diee M von Indien (April 1876) gelten. Alle diese Maßregeln waren zur Abwehr der vorgeblichen Croberungsolitik Rußlands in Asien bestimmt. Im Beginn r russ.⸗türk. Streitigkeiten war B. ganz bereit, für die Sache der Türkei in Europa mit den Waffen einzutreten. Hieran wurde er jedoch verhindert durch die großartige Opposition, welche Gladstone tals Führer der Liberalen gegen eine engl.⸗türk. Allianz organisierte. Dennoch trug B. durch —.5 drohen Haltung gegen Rußland und die gleichati den Turken gegebene geheime Versicherung, daß diese im äußersten Falle auf Englands Hilfe zählen in Ron viel zum Scheitern der europ. Koninzwischen, da er sich bei vorrückendem Alter den Strapazen der Ges ——— im uf der Seh nicht mehr gewachsen fühlte „nach Ablauf der S on von 1876 als Viscount Hughenden und Graf e 3,ohness erhoben. Während des Kriegs hielt er sich, ohne seine Sympathien für die Türken u verleugnen, neutral. Als aber der Sieg si 10 Rußland entschied, und die Türken um eng ermittelung nachsuchten, nahm er eine herausfordernde Haltung an, indem er Jan. 1878 die engl. Flotte in die Dardanellen schickte und nach dem —.— des Friedens von San-Stefano, den er in vielen wichtigen derter 10 modisiziert wissen wollte, die Reserven einberief und 7000 Mann ind. Truppen von Indien nach Malta beorderte (April 1878). Rußland willigte unter diesen Umständen in die Abhaltung eines europ. Kongresses in Berlin; aber schon ehe der letztere usammentrat, verständigte B. sich in geheimen Verträgen mit Ru land, dem er eine ½ wichtiger Zugeständnisse machte, und mit der Türkei, der er, * die gegen künftige Angriffe garantierte. Das Bekanntwerden dieser geheimen Verträge sowie B.s kühle Glan gegen Griechenland minderte etwas den lanz R Auftretens auf dem Berliner Konebr ichtsdestoweniger wurde er bei seiner Rückehr (16. Juli 1878) als Stifter eines gehrenvollen Friedens⸗(peace with mieh ih mit Jubel empfangen. Die Königin verlieh ihm den Hosenbandorden, die Stadt London das Ehrenbürgerrecht. Überhaupt stand er um diese Zeit auf der Hö seiner Macht und seines Ruhms als kühner, großem Sinne handelnder imperialistischer Staatsmann. Den ersten Stoß versetzte ihm der von ihm mißbilligte, aber doch weiter geführte Krieg gegen die Zulus; den zweiten der von ihm hervorgerufene Krieg gegen Afghanistan, Kriege, welche England nicht nur große Verluste und Demütigungen zujogen, sondern Verwirrung und Defizit in den Fi. zanzen herbeiführten. Der Umschwung der öffentichen Meinung wurde immer fühlbarer und fand ndlich einen entscheidenden Ausdruck in den allgeneinen Neuwahlen vom April 1880, die den Stu es Ministeriums B. zur Folge hatten. Obgleic och immer von bedeutendem Einfluß, nahm B. och verhältnismäßig selten an den arlamentaischen Verhandlungen teil. Bald nach seiner 101. »n im März 1881 gehaltenen Rede über die eng Politik in 4• erkrankte er und starb unter allgemeiner Teilnahme 19. April 1881. Seinem Lundihe emäß wurde er 24. April auf seinem Land 1 ughenden in Buckinghamshire an der (welcher B. den größten Teil seines Ve ens banes bes⸗ loh das aber auf den Antrag Gladstones beschloß das Parlament ihm ein Denkm in der bunhe in der P. zu errichten. Am 27. Febr. 1882 wurde in der Pfarrkirche zu Hughenden das ihm von der Königin Victoria gewidmete, vom ildhauer Belt gefertigte Monument (aus sicil. Marmor) aufgestellt. er kinderlos starb, ist die Peerswürde mit ihm erloschen. Zu seinem Sohn semes 5 ernannte er testamentarisch den Sohn seines Bruders Ralph, Conigsby Disraeli. Als Schriftsteller hatte B. noch einmal die Triumphe seiner frühern Jahre durch die Romane Lothairs (3 Bde., Lond. 1870) und Endymion- (3 Bde., Lond. 1881; deutsch von C. Böttger, 3 Bde., Lpz. 1881) erneuert. Billige Gesamtausgaben feiner Werke wurden in der neuesten Zeit mehrfach veranstaltet. Seine Reden erschienen gesammelt als „Constitutional reform, five speeches 1859—655 (Lond. 1866), „Parliamentary reform, series of speeches 1848 — 66 (Lond. 1867) und „Speeches on conservative policy of the last 30 yearso (Lond. 1870). gl. Mill, Disraeli the author, orator and statesmano (Lond. 1863); Althaus, Engl. Charakterbilder »(2 Bde., Berl. 1870) und „Benjamin D'JIsraeli, Lord B.» (im Neuen PEin . Bd. 9, 9 Wd Brandes, „Lord B. Ein Charakterbilds (Berl. 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 649Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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