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ErdkundeBrockhaus 1882

Bessarabien, Gebiet im südwestlichsten Teile des europ. Rußland, zwischen dem Schwarzen Meere, dem Dnjestr, dem Pruth und der untern Donau gelegen und begrenzt von den russ. Gouvernements Cherson (im O.) und Podolien (im O. und N.), von Galizien, der Bukowina (im W.) und Rumänien (im W. und S.), umfaßt gegenwärtig 45655qkm, auf denen in sieben Kreisen 1205 932 E. leben. B. leidet zwar Mangel an Holz und Quellen, eine untergegangene Waldzone hat jedoch über den kahlen Felsplatten eine schwarze, fette Bodenkrume zurückgelassen, auf der in weiten Steppen ellenhohes Gras wuchert, und in deren Bereich bedeutende Viehzucht betrieben wird. Das kontinentale Klima kalter Winter im Wechsel mit heißen Sommern läßt hier Weizen, Gerste, Hirse, Mais, Hanf, Flachs, Tabak, Melonen, Gemüse und Fruchtbäume gedeihen. Der Weinbau wird ausschließlich in dem südl. Teile B.s getrieben. Unter den Haustieren werden Rindvieh, Wid Schafe und Schweine am meisten gezogen. ild gibt es wenig, dagegen in den Gewässern viele Fische. Aus dem Mineralreiche ist nächst dem Gewinn an Salpeter, Marmor und Kalk der des Salzes wichtig, besonders aus den Salzseen des Distrikts von Akjerman. Die Industrie ist nicht sehr schwunghaft, sie beschränkt sich fast nur auf Gerberei, Branntweinbrennerei, Seifensiederei und Lichtzieherei. Der Handel ist in den Händen der Juden, Griechen und Armenier und erstreckt sich meist auf die Ausfuhr der Produkte der Viehzucht und des Ackerbaues nach Esterreich-Ungarn. Der einzige Hafen von Bedeutung ist Akjferman. Die Einwohner sind Moldauer, Kleinrussen, Rusniaken (aus Galizien), Bulgaren, Armenier (43 Kolonien), Juden, Griechen, Zigeuner und Tataren; doch haben sich . und nach seit 1814 auch 25 deutsche, meist prot. Kolonien im Akjermanschen Kreise angesiedelt. Protestanten zählt man etwa 30000, Juden über 100000, letztere meist in den Städten. Hauptstadt ist Kischenew, Sitz des Civilgouverneurs, der unter dem Generalgouverneur von Neurußland steht. Am Dnjestr liegen die Festungen Chotin und Bendery oder Bender, an der Mündung iberaht +r B. spielt als das Übergangsland aus den südruss. Steppen in die Donauniederungen in der Geschichte der Völker⸗ und Kriegszüge aller Bewo eine wichtige Rolle. Die frühesten bekannten Bewohner waren scythische Nomadenstämme. Im 2. Jahrh. v. Chr. finden sich daselbst die oden dilich Geten. Seit 106 n. Chr. bildete das Land den östlichsten Teil der röm. Provinz Dacien, die Kaiser Trajan erobert hatte. Im 3. Jahrh. wurde das Land von den Goten besetzt, im 5. von den Hunnen verwüstet, dann folgten die Völkerzüge der Avaren, Bulgaren und Slawen, die hier ihre Städte (Bjelgorod) erbauten. Im 7. Jahrh. bemächtigten sichdesselben die Bessen, von denen es seinen Namen trägt, im 9. die Ugrer, im 10. die Petschenegen, im 11. die Kumanen, Uzen und Polowzer, im 13. die Mongolenhorden des Batu-Chan. In ndetenien ulasungen a errichteten die Genuesen Handelsniederlassungen an den Ufern des Dnjestr. Von 1367 an war B. ein Teil der Moldau. Im J. 1503 geriet der südl. Teil B.s in die Gewalt der Türken, 1560 fielen 30000 Mann Noaier in das Land ein und verwüsteten dessen nördl. eil. * allen Türkenkriegen seit dem 18. sussen wurde B. eine gewöhnlich leichte Beute der Russen: so 17¹¹t, 1736—39, 1787—-91, 1806—12. Durch den Frieden von Bukarest (28. Mai 1812) fiel B. an Rußland. Die im Pariser Frieden vom 30. März 1856 an die Moldau abgetretenen Gebiete, wie das Stadtgouvernement Ismail und der größte Teil des Kagulschen Kreises sind durch den Berliner Frieden vom 13. Juli 1878 von Rumänien wieder an Rußland zurückgefallen. Vgl. Nakko, «Geschichte B.s von den ältesten Zeiten an» (Odessa 1873).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 895Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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