FeedBewegung
AllerleiBrockhaus 1882

Bewegung nennt man die Ortsveränderung eines Körpers im Raume. Ob ein Körper in Ruhe oder ob er in B. ist, darüber können wir nur urteilen, wenn wir seine Lage mit derjenigen anderer Körper vergleichen, die wir als ruhend betrachten; unser Urteil über die B. eines Körpers ist deshalb auch stets ein relatives. Das Haus steht fest, es ist in Ruhe im Panten zu dem umgebenden Boden, u den benachbarten Bäumen, Felsen, Bergen u. s. w. ber das Haus ist nicht in absoluter Ruhe, denn es teilt mit der Hin doberfläche die tägliche Umdrehung um die Erdachse und urchläuft mit der Erde die n fa welche dieselbe um die Sonne beschreibt. Ein allender Stein, eine geworfene Bombe, ein dahinbrausender Eisenbahnzug ist aber auch in Beziehung auf die benachbarten festen Gegenstände der Erdoberfläche in B. Die B. der Körper kann eine höchst bre Geschwin sein, je nachdem ihre Richtung und ihre Geschwindigkeit sich ändert. Wenn ein Körper sich in unveränderter Richtung Lerad so ist die von ihm zurückgelegte Bahn eine gerade Linie, wie dies z. B. bei einem frei fallenden Körper oder bei einem Eisenbahnzuge der Fall ist, der eben auf einem geradlinigen Bahnstück dahinfährt. Findet dagegen eine stetige Anderung in der Richtung der Bahn statt, wie z. B. bei einem geworfenen Körper, bei der Bahn des Mondes um die Erde oder der Erde um die Sonne, so ist die Bahn eine krummlinige. In Beziehung auf Geschwindigkeit unterscheidet man gleichförmige Geschwindigkeit, wenn der Körper in jedem folgenden Zeitteilchen einen ebenso großen 4½½ wie in dem vorangehenden, wie dies z. B. bei einem Eisenbahnzuge der Fall wäre, welcher in jeder Sekunde genau eine 0 lange Strecke fahren würde. So beschreibt ein Schnellzug, im Mittel genommen, in jeder Sekunde einen Weg von 20— 22 m; ein Fußgänger geht gewöhnlich mit einer mittlern Geschwindigkeit von 1,3 min der Sekunde. Ein Beispiel gleichförmiger kreisförmiger B. liefert das Schwungrad einer Dampfmaschine, welches nicht allein für jeden vollständigen Umlauf gleich viel Zeit braucht, sondern auch ½, ½, . . ½ seines Umlaufs in ½½%, V, V. . . Ho der Umlaufszeit zurücklegt. Ein Körper bewegt sich mit beschleunigter oder verzögerter elchen einen cl wenn er in jedem folgenden Zeitteilchen einen größern oder einen kleinern Weg zurücklegt als in dem vorhergehenden. Ersteres findet bei einem frei fallenden, letzteres bei einem vertikal aufwärts geworfenen Körper während seines Steigens statt. Die wahren Gesetze der B. waren den Alten unbekannt, deren mechan. Kenntnisse sich auf die wenigen von Archimedes erkannten und bewiesenen Sätze der Statik(Hebel, Liche in Fuf und Gewichts-⸗ verlust von Körpern, welche in Flüssigkeiten untergetaucht sind) beschränkten. Was Aristoteles über B. gelehrt 1 ist großenteils ++Ur So unterschied er z. B. zwischen anatürlicher B. (freier Fall) und gezwungener B.y (B. geworfener Körper). Er behauptete, daß ein Körper um so schneller fallen müsse, je gewichtiger er sei u. s. w. Solange überhaupt das Gesetz der Trägheit noch nicht erkannt worden war, suchte man die krummlinige B. durch die Annahme einer Kraft zu erklären, welche den Körper gleichsam in der Kurve fortführt, wie denn auch Kepler noch der Meinung war, daß die Richtung der Kräfte, welche die Planeten in B. setzen, 10 der Tangente ihrer Bahn wirken müßten. Erst Galilei kann als Begründer der 5er D. wel re bezeichnet werden. Das erste Gesetz der B., welches er aufstellte (1638), ist dasjenige, welches gewöhnlich als „Gesetz der Trägheite bezeichnet wird. Nach diesem Gesetze Drad sich ein Körper, welcher einmal in B. ist, in gerader Linie mit gleichförmiger Geschwindigkeit forthemegen, elnnt keinerlei Kräfte auf ihn einwirken. Die Erkenntnis dieses Gesetzes war * schwierig, weil wir nicht im Stande sind, einen bewegten Körper dem Einflusse bewegender Kräfte und Bewegungshindernisse zu entziehen, weil also eine geradlinige und gleichförmige, nur unter dem Einflusse der Trägheit vor sich gehende B. gar nicht stattsinden kann. Bei allen B., welche man zu beobachten Gelegenheit hat, tritt also die Wirkung der Trägheit nie rein n sich auf, sondern stets modifiziert durch beschleunigende 7 und Bewegungshindernisse; es gilt also, die Wirkung der Trägheit in diesen Kombinationen zu erkennen und sie bei allen in der Wirklichkeit vorkommenden B. nachzuweisen, wie dies Galilei in der That beim en — Das zweite von Galilei aufgestellte Gesetz der B. heißt: Die Bahn eines unter dem Einfluß einer beschleunigenden Kraft sich bewegenden Körpers ist in jedem kleinen Zeitteilchen die Resultierende derjenigen Bahnen, welche der Körper einerseits vermöge der bereits erlangten Geschwindigkeit nach dem Gesetze der Trägheit und andererseits unter dem alleinigen Einfluß der beschleunigenden Kraft in diesem Zeitteilchen zurücklegen würde. Die B. wird eine geradlinige sein, wenn, wie beim freien Dach in jedem Punkte der Bahn die Richtung der Ranaten Gerehn Kraft mit der Richtung der bereits erlangten Geschwindigkeit zusammenfällt. Die Bahn des Körpers wird eine krummlinige sein, wenn in jedem Hun derselben die beschleunigende Kraft einen Winkel mit derjenigen Richtung macht, in welcher sich der Körper nach dem Gesetze der Trägbort vermöge seiner Geschwindigkeit tangentialiter ortzubewegen strebt, wie dies bei der Wurfbewe-Hie und bei der Planetenbewegung der Fall ist. ie beschleunigende Die Ee welche die Planeten treibt, ist stets gegen die Sonne gerichtet, während dieselben in jedem Moment nach dem Gesetze der Trägheit in tangentialer Richtung von ihrer Bahn sich zu entfernen Fand. Die Gesetze der B. werden in der Kinematik und Dynamik behandelt. Eine wissenschaftliche Übersicht der Mweden Fut vom neuesten Standpunkte gibt Maxwell, «Substanz und Bewegung » (Braunschw. 1881). Die B. lebender Organismen ist ein Akt der das Wesen des Lebens ausmachenden Selbstthätigkeit (oder Selbstregierung) und als solche eine Haupteigenschaft des Lebens, und zwar insbesondere des tierischen. Hier, bei den Tieren, gilt sie zugleich als das wesentliche Kriterium des Lebens, indem man alle Körper, bei welcher — nicht konstatiert werden kann, als tot ansieht. An und für Dchhi freilich keine bestimmte der e zwischen der Molekularbewegung infolge der Zersetzung des toten Körpers und der Molekularbewegung der Ernährung zu ziehen, sowie diese wieder, bei Beteiligung Fter Gruppen von Elementarteilen, in sichtbare B. ubergeht. Übrigens ist diese letztere eine Sntafalts der organischen Substanz selbst, des Zelleninhalts, und existiert selbst bei den niedrigsten Organismen, wo keine Spur von Scheidung von Organen oder Elementarteilen vorhanden ist. Die formlose Substanz der niedersten Organismen (Protisten) und der Zelleninhalt der höhern, Pflanzen wie Tiere, ist 190 die 2 kontraktil. Aber bei den e wen Tieren, wo die Arbeitsteilung der Organteile weiter vorgeschritten ist, erfolgt alle organische B., sowohl die ortsverändernde des ganzen Körpers und einzelner Glieder, als die innere, den Umlauf der Ernährungs⸗ und Bildungssäfte bedingende B., z. B. des Herzens und der Gedärme, durch Zusammenziehungen gewisser kontraktiler Fasern, welche Muskelfasern (s. Muskeln) genannt werden. Den Anstoß hierzu gibt in dem lebenden Organismus das Nervensystem, welches zu diesem Behufe nach allen der Zusammenziehun fubigde Gebilden (Muskeln) des Körpers hin feine Nervenfasern, die Bewegungs⸗ oder motorischen Nerven von dem Centrum (dem Gehirn und Rückenmark) aussendet und vermittelst der sog. Nervenerregunen, welche wahrscheinlich im en mit der elektri-Muskelzellen auslöst. Durch diese Auslösung wird auch die B. für den Physiologen das Maß der Empfindung. Sogar in dem frischgetöteten Tiere erfolgt durch Reizung dieser Nervenfäden (z. B. mittels Stoß, Quetschung, Hitze, chem. Substanzen, Elektricität) eine Zusammenziehung der Muskeln, in welche jene Fäden ausmünden. Man unterscheidet gewöhnlich zwischen willkürlichen B., welche durch einen vom Centralorgan ausgehenden, direkten Reiz, eine Willensäußerung, ausgelöst werden, und Reflexbewegungen (s. d.), welche auch ohne Bewußtsein, mhrt n von Reizungen der sensiblen Nerven ausgeführt werden, also eine direkte Übertrazung des Reizes auf die Bewegungsnerven darstellen. Diese Ubertragung geschieht in den Centralorganen und am leichtesten, wenn das Sensorium entfernt ist, also z. B. bei schlafenden oder geköpften Tieren. Eine wesentliche Rolle spielen dann noch diejenigen B., welche, wie die Herz- und Darmbewegungen, gänzlich dem direkten Einflusse des Willens entzogen sind und wo die Quelle der Reizung, welche die B. veranlaßt, nur teilweise in dem Centralorgan, teilweise aber auch in den zerstreuten Nervencentren liegen, welche Ganglien (J. d.) genannt werden. Bei den niedern Tieren, besonders bei den Infusorien, der den 6 Quallen, einem Teil der Würmer, sowie bei den Eiern und Embryonen vieler, auch höherer Tiere, wird die Ortsbewegung und vielleicht e 3 leichzeitig der mechan. Stoffwechsel durch die Zusammenziehung des die weiche Leibesmasse dieser Organismen bildenden sog. tierischen Protoplasma bedingt, sowie durch feine haarörmige Fortsätze aus Protoplasmasubstanz (die sog. limmer⸗ oder Wimperzellen), welche 19 auf der äußern Leibesober äche efinden und wã rend des Lebens entweder stets oder zeitweise in schwingender, sichtlich unter dem Einflusse des Willens stehender B. begriffen sind. Im Pflanzenreiche finden sich Spuren der organischen B., besonders bei einer Reihe von mikrostovischen Pflanzen, wie den Algen, welche gewisse regelmäßige B. ausführen, oft sogar mittels Flimmerhaaren oder Geiseln umherschwimmen, so- wie bei den sog. Reizbewegungen vieler Pflanzenteile, wie der Sensitiven (Mimosa pudica), in den Staubfäden der Berberize, bei leiser Berührung mancher aufplatzender Samenkapseln u. s. w. Diese B. wird aber weder durch Nerven noch durch besondere Muskeln vermittelt, sondern teils durch die Kontraktilität des Inhalts (Protoplasma) der Zellen, welche den bezüglichen Pflanzenteil zusammen-Harrt teils msiuß physik. Momente, insonderheit urch den Einfluß der Schwerkraft und der Lichtbestrahlung sowie durch eine — erfolgende, auf dem echsel der Imbibition beruhende Veränderun in den Spannungsverhältnissen der pflanzlichen Zellhäute, wie dies besonders bei den eben genannten röbern Reizbewegungen gewisser Pflanzenteile der Fall ist. Neuerdings hat Darwin durch höchst sinnreiche Beobachtungen nachgewiesen, daß alle Pflanden namentlich an den Abendegenden ausführen, enen eine gewisse, dem überlegenden Willen ähnliche kanafam vor sit nicht abzusprechen ist, welche aber so angsam vor sich nahrn daß sie ohne besondere Vorrichtungen nicht wahrnehmbar sind.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 2, S. 932Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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