FeedBleichsucht
HeilkundeBrockhaus 1882

Bleichsucht (Chlorösis) nennt man eine besondere, namentlich bei weiblichen Individuen häu ge Form der Blutarmut (s. d.), wobei das Blut sehr arm an roten Bestandteilen (Blutkörperchen und Blutfarbestoff) geworden ist, und daher die Haut eine wachsartig-bleiche Färbung annimmt, die Lippen (besonders an der Innenfläche) blaßrot und die Ensen zach nur als dünne, rötliche oder violette inien sichtbar sind. In den Halsadern solcher Kranken hört man mit dem Stethoskop die unter dem Namen Nonnengeräusche bekannten brummenden Geräusche. Infolge m und dadn Verminderung der roten Blutkörperchen und dadurch beschränkter Aufnahme von Sauerstoff in das Blut kommt es zu den manni ustelt Beschwerden, zu leichter Ermübesch und Muskelschwäche, zu Herzklopfen, Atembes werden, Verdauungsstörungen, Magenkrampf, Schwindel, Grab pun Kopfschmerzen u. s. w. Ein solcher Grad von Blutmangel, der oft mit Blutwässerigkeit (daher Wassersuchten, Knöchelanschwellungen u. s. w.) verbunden ist, finbet sich allerdings vei den verschiedensten Altern und ambeiten tern. Wo er aber im Gefolge anderer Krankheiten auftritt (3. B. bei Schwindsüchtigen, Krebskranken, Verbluteten), hat man ihn bisher nicht mit besondern Namen uchen Geichler Dagegen findet er sich oft beim weiblichen Geschlecht in den zeugungsfähi-Jahren oder beim Herannahen derselben als uptübel, meist mit Störungen der Menstruation verbunden. Hier hat man ihn als besondere Krank⸗ ö t (Jungfernbleichsucht, Pubertätschlorose) unterchieden, jedoch mit Unrecht. Denn die Chlorose ist hier meist erst Folge einer aus der Kindheit mitgebrachten Blutarmut und Muskelschwäche, oft mit unvollkommener Entwickelung der innern Genitalien verbunden. Solange solche Mädchen noch leid139 rote Wangen und Lippen zeigen (Chlorosis rubra), werden sie von Dachalren rzten und Eltern —. — für gesund gehalten. Die gewöhnlichsten Ursachen der B. sind schlechte oder unpassende Kost, Mangel an Sonnenlicht und frischer 2. (daher man eine B. der Gefangenen und der Bergleute unterschieden hat), besonders aber bei Kindern Mangel an Muskelbewegung und Überhäufung mit geistigen Anstrengungen, z. B. durch unzweckmäßige Schuleinrichtungen, oft auch allzu frhe Reizung der geschlechtlichen Phantasie (durch Romane, Verführung u. s. w.), oder Liebesgram, geheime Sünden u. s. w. Die Krankheit ist gegenwäartig häufiger als früher, was besonders seinen Grund in Überbürdung der Kinder mit Arbeiten, in zu frühzeitiger Anspannung der Gehirnthätigkeit und im übermäßigen Genusse des Kaffees aben mag. Auf dem Lande ist sie wegen der besern Luft und des häufigern Aufenthalts der Kinder im Freien viel minder verbreitet als in den Städten. Die bis zur Wachsfarbe gediehene B. ist selten völlig heilbar, sondern hinterläßt häufig allerlei Nervenbeschwerden, Menstruationsfehler, Unfruchtbarkeit u. dgl. Frühere Stufen des lübels sind leicht heilbar, vorzüglich durch Vermeidung der erwähnten Gelegenheitsursachen. Die Kranken müssen sich viel, aber nicht bis zur Ubermüdung, in freier Luft bewegen, eine nährende Kost genießen, viel Milch trinken (nach Befinden auch mäßig Bier oder zu 1 etwas Wein) und die Haut eißig frottieren, bürsten und mit kaltem Wasser vorsichtig waschen oder lauwarme Bäder nehmen. Innerlich dienen besonders die Eisenpräparate, namentlich die Eisensäuerlinge; daher haben Driburg, Cudowa, Pyrmont und Schwalbach mit Recht einen großen rre als Kurorte für Bleichsüchtige. Vgl. Richter, „Blutarmut und B.» (Dresd. u. Lpz. 1850; 2. Aufl. 1854): Pfaff, 4Blutarmut und B.v (pz. 1870).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 158Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 2

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Heilkunde 6