FeedBleiweiß
Bildende KunstBrockhaus 1882

Bleiweiß, Cerussa, Plumbum carbonicum s. hydrico-carbonicum, s. subcarbonicum, eine seit den ältesten Zeiten bekannte weiße Maler- und Deckfarbe, deren sich auch schon die griech. Frauen als Schminke bedienten. Es ist ein basisch kohlensaures Bleioxyd oder eine Verbindung von Bleioxydhydrat mit kohlensaurem Bleioxyd von der chem. Zusammensetzung einhrie 2PDCO‚. Seine im Großbetriebe ausgeführte Darstellung beruht auf der Thatsache, daß metallisches Blei bei Gegenwart von Sauerstoff, Feuchtigkeit und Essigsäure mit Leichtigkeit in basisches Bleiacetat verwandelt und daß aus diesem durch Kohlensäure B. gefällt wird, während neutrales Acetat entsteht, das dann wieder durch Oxydation gebildetes Bleioxydhydrat aufnimmt und sich in basisches Salz verwandelt; letzteres wird von neuem durch Kohlensäure zersetzt, sodaß eine kleine Menge von Essigsäure ausreichend ist, um fast unbegrenzt große Mengen von B. zu liefern. D. nachdem diese Operationen auf verschiedene Weise geleitet werden, unterscheidet man folgende Methoden: 1) Holländische Methode. Zu losen Rollen aufgewickeltes Walzblei wird nebst etwas Essig in Töpfe von Steinzeug gebracht, die lose mit einer Bleiplatte bedeckt und zu Hunderten schichtenweise neben⸗ und übereinander in eine gemauerte Grube so eingesetzt werden, daß der Boden zunächst mit einer Schicht frischem Pferdedünger belegt wird, hierauf kommt eine Schicht von Töpfen, die von den Wandungen der Grube owech eine Mistlage getrennt ist, und so folgen abwechselnd Schichten von Töpfen und Mistlagen, bis die ganze Grube gefüllt und schließlich mit einem Misthaufen überdeckt ist. Durch die bald eintretende Gärung des Mistes wird die ganze Masse erwärmt, Fühlen- und Wasserdampf treten mit dem Blei in Berührung, wodurch unter der Mitwirkung des Sauerstoffs der in den Töpfen eingeschlossenen Luft die Bildung des basischen Acetats eingeleitet wird, während gleichzeitg in dem 1 entsteht. N die zur Zersetzung nötige Kohlensäure entsteht. Nach etwa vier bis sechs Wochen ist der größere Teil des Bleies in B. verwandelt, worauf die Grube geräumt und die Töpfe entleert werden. Dieses älteste Verfahren hat den Übelstand, daß die Umwandlung des Bleies in B. nicht überwacht werden kann und daß bei der Gärung des Mistes außer Kohlensäure auch Schwefelwasserstoff gebildet wird, wodurch das B. eine gelbe Farbe annehmen kann. Dies vermeidet man durch die 2) Deutsche Methode. Bei dieser werden die Bleiplatten in der Mitte zusammengebogen und in Holzgestellen auf Trägern in einem gemauerten Raume in Ranir dicht aneinander aufgehängt. In diesen Raum werden Dämpfe von Essigsäure geleitet, und gleichzeitig wird Kohlensäure zugeführt. Letztere wird erzeugt, indem man Holzkohlen oder Coks in einem offenen Ofen in ö dem Lokal selbst verbrennt, oder indem man gä⸗ ö rende Substanzen, Weintreber, Weingeläger u. s. w. hineinbringt, oder indem man das aus Mineralwasserquellen entströmende Gas durch zweckmäßige Relemf der Quellen abfängt und in den Raum treten läßt. Die Umwandlung des Bleies in B. verläuft hier auf gleiche Weise wie beim holländ. Verfahren; nach Ablauf einiger Wochen sind die Platten bis auf einen Ere Bea Rest gänzlich in B. verwandelt. Die weitere Bearbeitung ist, wenn nicht besondere dabei enttehenden ergriffen werden, durch den dabei entstehenden Staub, dessen Bleiweißteilchen, indem sie in den Mund gelangen, vergiftend wirken, voll von Gefahren für die dabei beteiligten Arbeiter. In auisch Zeiten wurde hierbei auf eine als barbarisch zu bezeichnende Beise verfahren, und manches Menschenleben ist diesem an daben alle geopfert worden. Heute strebt man dahin, alle menschliche Arbeit, soweit es thunlich ist, dabei ganz auszuschließen und sie durch Maschinen, von denen jede einzelne mit einem dichten Gehäuse umhüllt ist, zu ersetzen und so jeder Verbreitung von Staub vorzubeugen. Die erste Operation, um die es sich handelt, ist beim holländ. Verfahren das Abwickeln der Rollen, beim deutschen das Entfalten der Platten. Hier muß die menschliche Hand noch eingreifen. Die damit beauftragten Arbeiter sind durch lange, bis zum Ellbogen reichende Handschuhe, durch beande vor dem Verlassen des Lokals zu wechelnde Kleidung zu schützen, und namentlich ist streng darauf zu halten, daß vor Mund und Nasenöffnungen ein feinporiger, mit Wasser befeuchteter Schwamm gebunden werde, welcher, wenn auch nicht einen vollkommenen, so doch den besten Schutz gegen das Einatmen des giftigen Staubes gewährt. Beim Auseinanderbiegen löst sich ein Teil des B. ab, dieses wird in den Stücken, so wie es abfällt, verpackt und kommt als Schieferweiß in den Handel. Der Rest des B. hängt fest an dem Bleirückstand. Um beide voneinander zu trennen, werden die Platten in ein Paternosterwerk gethan, welches sie einem endlosen Tuche übergibt, und dieses fördert sie bei seiner Vorwärtsbewegung zwischen mehrere aufeinander folgende Paare von kannelierten Walzen, von denen jedes nachfolgende Paar enger gestellt ist als das vorhergehende Paar. Durch den hier ausgeübten Druck splittert das B. von den Platten ab, und letztere werden von dem B. in einem weitmaschigen, schräg stehenden Siebcylinder getrennt, aus dessen unterer Offnung sie herausfallen, um endlich noch und dann durch Mablen zu werden. Dem B. ist dann noch durch Mahlen der eme Grad von Feinheit zu geben, welchen es zu seiner Verwendung als „ bedarf. Dies geschieht entweder 9—3. aßmühlen oder auf Trockenmühlen. i Verwendung der erstern und bei Verzichtleistung auf die Gewinnung des Schieferweiß kann man jegliche Staubbildung und damit die wesentlichste Gefahr verhüten, indem man das Abwickeln, resp. die Entfaltung der Platten unter Wasser vornimmt. Der dabei entstehende grobe Schlamm kommt auf die Naßmühle, welche entweder horizontal liegende Steine hat, oder aus einem Kollergang besteht, auf welchem der Schlamm unter stetigem Zufluß von Wasser bis zur nötigen Schlamr gebracht wird. Der mit Wasser verdünnte chlamm kommt in Reservoirs und verweilt darin, bis das Wasser sich vollkommen geklärt hat. Letzteres wird dann 1—— in weitere Behälter, in denen es mit Kalkmilch zu versetzen ist, um alles darin gelöste Blei als Bleioxydhydrat zu fällen. Erst nachdem es sich hier vollkommen geklärt hat und auf Zusatz einer Lösung von Jodkalium keine gelbliche Färbung mehr zeigt, darf es als Abfluß⸗ —0— 3 beseitigt werden. Eine Vernachlässigung dieser hauhe vder Brunm kann zur Vergiftung der Wasserläufe oder Brunnen führen. Der Schlamm ist dann noch zu trocknen. Zu diesem Behufe bringt man ihn in nicht glasierten irdenen Töpfen von etwa 11 Inhalt in Lonz te Trockenstuben, wo das B. bald eine solche onsitenz gewinnt, daß es in einem Stück sich beim Umstülpen der Töpfe ablöst, worauf es auf Brettern stehend ohne weitere Umhüllung gänzlich ausgetrocknet wird. Neuerdings wird der Schlamm vielfach in Filterpresse von der größten Menge von Wasser befreit un dabei zugleich zu quadratischen Platten geformt die dann entweder in Trockenstuben oder i Trockenöfen von dem pfcht des Wassers befreit wer den. Ein sehr zu empfehlender Ofen dieser Art i von Büssing konstruiert und im «Polytechnischer Journal (Bd. 224, S. 293) beschrieben. Gegen über den Naßmühlen besitzen die Troclenmühler die Annehmlichkeit, daß man von der Unschädlichmachung der Abflußwasser befreit ist und auch keine Kosten für das Trocknen aufzuwenden hat, bei ihrer Verwendung ist man aber andererseits darauf angewiesen, jede Staubbildung völlig zu vermeiden. Dies läßt sich durch die Mühle von Lefebre l vorstehende Fig. 1) erreichen. Das zu mahlende B. wird durch eine Archimedische Schraube in den Trichter A gefördert. In diesem dreht sich, durc die Welle B getrieben, eine geriffelte Nuß, die durch die Schraube D verstellt werden kann, und verwandelt die von den kannelierten Walzen kommenden Stückchen in feine Körnung, welche dann durch den Trichter bUin die vom Mantel M umhüllte horizontale Mühle fällt, aus deren Zarge das Mehl durch die weiten Röhren O in die rotierenden Siebcylinder 0“ gleitet. Letztere befinden sich in dicht shließenden Kasten, von deren Boden eine endlose Schraube das feine Mehl bis zum Verpackungsraum führt. 3) Französische Methode von Thenard. Bei diesem, zuerst in der Fabrik zu Clichy angewandten Verfahren erfolgt die Darstellung des B.s, indem man in eine Lösung von basisch essigsaurem Blei direkt Kohlensäure einleitet. Die Kohlensäure erhält man durch Verbrennen von Coks in geeigneten ofen, oder nach Ozouf, indem man abgekühlte Schornsteinluft auf Sodalösung wirken läßt und das gebildete Bicarbonat durch Erhitzen zersetzt, wobei man die Kohlensäure in einem Gasbehälter sammelt. Der zur Darstellung des B.s dienende Apparat der Fabrik zu St.⸗Denis ist in Fig. 2 abgebildet. Die Lösung des basisch essigsauren Bleies wird in dem hölzernen, mit Rührwerk versehenen Bottich X durch Digestion von Bleiglätte mit Essig dargestellt und fließt von hier nach W, von wo se durch die Pumpe Vin den liegenden Cylinder T gefördert wird. In letztern wird durch U die im Gasbehälter gesammelte Kohlensäure geleitet und die Flüssigkeit mit dem Gase 0 8 ein Rührwerk in innige Berührung gebracht. ach beendigter dern ießt das Ganze in den Bottich b; hat sich hier das B. zu Boden gesetzt, so wird die Lösung von neutralem Acetat durch das Rohr c und die Pumpe d abgezogen und nach X gebracht, wo dieselbe wieder mit Glätte gesättigt wird. Das in b verbleibende B. wird mit Wasser angerührt und durch Dekantation so lange gewaschen, bis es keine Bleilösung mehr abgibt; alsdann läßt man den Brei in den Rumpf g fließen, von wo die nasse Farbe in dünner Schicht auf den rotierenden Dampfeylinder f verteilt und bei der Umdrehung getrocknet wird. Die trockenen Schuppen werden durch einen Abden 50 vom Cylinder abgenommen, fallen auf den Boden des Raums und werden von hier einer Trockenmühle zugeführt. Das französische B. ist lockerer als das deutsche und holländische, Dar. dert daher eine größere Menge Öl bei seiner Verwendung als Anstrichfarbe und besitzt eine geringere Deckkraft. Dem B. werden häufig andere Stoffe zugefügt, teils um seine weiße Farbe zu nuancieren, teils um es billiger zu machen. So z. B. ist das Kremserweiß durch eine Spur Indigo ins Bläuliche abgetönt, Venetianerweiß — leiche Teile B. und Schwerspat oder Blanec fix, Hamburgerweiß 1 Teil B. und 2 Teile Schwerspat, Holländerweiß 1 Teil B. und 3 Teile Schwerspat. Vgl. Kerl und Stohmann (Muspratt!], „Encyklopäd. Handbuch der technischen Chemiev (3. Aufl., Bd. 1, Braunschw. 1874).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 164Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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