Blindenfürsorge umfaßt diejenigen öffentlichen organischen Einrichtungen, welche die Humanität für die unheilbar Erblindeten in das Leben gerufen hat. über die Häufigkeit der Blindheit hat erst die neuere Zeit bessere Kenntnis geschafft. Die Ermittelungen, welche gelegentlich der Volkszählungen in verschiedenen Ländern über die Zahl der Blinden angestellt zu werden pflegen, sind nur mit Vorsicht auhunchmen, da auch nicht selten vorübergehend Sehunfähige als blind bezeichnet werden. Die v0len schwanken zwischen 7—21 auf je 10000 Bewohner, in den deutschen Staaten rechnete man 8—9, in England 10, in Norwegen 13, in Island 19, in Finland 21. Die Ractbenbung u Ermittelungen haben in Sachsen, Mecklenburg und in Dänemark stattgefunden. In den Blindenanstalten bilden diejenigen, welche durch die Augenentzündung der Neueborenen erblindet sind, etwa den 3. Teil sämtlicher öglinge. Die Blindenfürsorge verfolgt den Zweck, die Nachteile der Blindheit für die. mit ihr behafteten Aimeichtune soweit als möglich zu beseitigen. Jene inrichtungen sind zunächst unter sich verschieden je nach den Kategorien der Blinden, auf welche sich die Fürsorge erstreckt. Eigene Blindenanstalten zur geistigen und technischen Ausbildung für diejenigen, welche sich noch im bildungsfähigen Alter befinden, gibt es erst seit dem Ende des 18. Jahrh. Bis dahin hatte man fast allgemein die Blinden für nicht bildungsfähig gehalten, und solche, die durch eine unter besonders glücklichen Verhältnissen erlangte Geistesbildung diesem Vorurteil widersprachen, galten für ganz außergewöhnliche Erscheinungen. Den ersten Gedanken zur Errichtung einer Erziehungs-⸗ und Unterrichtsanstalt für Blinde faßte Valentin Hauy (s. d.) in Paris. Mitleid mit dem Lose der armen Blinden, die damals in Frankreich meist verachtet, nicht selten in lächerlichem Aufputze zu öffentlicher Belustigung dienen mußten, scheint zuerst jenen Gedanken in ihm angeregt zu haben, in welchem er durch die Bekanntschaft mit der berühmten blinden Therese von Paradies aus Wien bestärkt wurde, als diese in der Fastenzeit 1784 nach Paris kam und hier als ausgezeichnete Orgelspielerin auftrat. Mit Hilfe der damals in Paris entstandenen Philanthropischen Gesellschaft errichtete Hauy noch 1784 seine Anstalt in welcher Blinde nicht nur zu angemessenen Handarbeiten angeleitet, sondern auch in der Musik, im Lesen, Schreiben, Rechnen und andern Disciplinen unterrichtet wurden. Die Anstalt wurde 1791 zur Staatsanstalt erhoben und mit dem Taubstummen⸗ »institut vereinigt, von diesem aber 1795 wieder getrennt und 1801 durch einen Beschluß der Konsuln mit dem Blindenhospital Quinze-Vingts vereinigt, worauf Zuchtlosigkeit und Unordnung in der Unterrichtsanstalt einriß, sodaß Hauy aus Verdruß darüber sich zurückzog und eine Privatanstalt gründete. Erst 1816 wurde die Blindenanstalt wieder von dem Hospital getrennt. Hauys Idee einer intellektuellen und technischen Ausbildung der Blinden fand bald Verbreitung. Einige, namentlich die Engländer, richteten jedoch ihre Aufmerksamkeit zunächst fast ausschließlich auf den Unterricht in Handarbeiten, und so entstanden die Arbeitsanstalten für Blinde zu 97. Lond (1791), Edinburgh (1792), Bristol (1793), London (1799), Dublin (1809), Glasgow (1828). Die Erblindung von 500 preuß. Kriegern in den Befreiungskämpfen gab die Veranlassung zur Errichtung der Werkschulen zu Berlin, Breslau, Königsberg, Marienwerder und Münster, welche zumeist, ihrem Zweck entsprechend, nur wenige Peits, bestanden. In Sachsen wurde 1818 eine Arbeitsanstalt nach engl. Muster eingerichtet. Neben diesen Arbeitsschulen wurde namentlich in Deutschland eine große Anzahl Blindenanstalten in das Leben gerufen, welche die technische und intellektuelle Bildung ihrer Zöglinge erstrebten, die letztere zum Teil einseitig bevorzugten. Es wurden gegründet die Blindenerziehungsinstitute zu Norwich (1805), zu Berlin (1806) bei Hauys Durchreise, zu Petersburg (1807) durch Hauy, welchen der Kaiser Alexander I. hierzu nach Rußland berufen hatte, zu Wien (1808) durch Klein, welcher schon 1804 Blinde unterrichtete, zu Prag (1808), Amsterdam (1808), Dresden (1809), Neapel (1818), Breslau im Anschluß an die Kriegerwerkschule (1819), Barcelona (1820), Gemünd(1823), Linz (1824), Preßbur (1825), Weimar (1825), Freisingen (1826, nach München verlegt), zu Bruchsal (später nach Freiburg, zuletzt nach Ilvesheim verlegt), Bern, Barby, Braunschweig (mit der Blindenanstalt zu Hannover vereinigt), Bromberg, Brünn, Düren, Hamburg, Halle, Frankfurt a. M., Friedberg, Hannover, Kiel, Leipzig, Lemberg, Linz, Neukloster, Neu-Torney (Stettin), Pest, Paderborn, Schlüchtern, Soest, Stuttgart, Wien (für Juden), Wiesbaden, Wittstock, Würzburg u. a. a. O. Der größte Teil dieser Anstalten nehmen Kinder unter zehn Jahren nicht auf; mit den Blindenanstalten zu Kopenhagen, Dresden, Hannover und Wien sind jedoch Blindenvorschulen verbunden, die schon Kinder von sechs Jahren aufnehmen. Der Schulunterricht in den Blindenanstalten erstreckt sich auf alle Facher (Zeichnen und Tafelrechnen ausgenommen), welche in der Volksschule gelehrt werden. Methode und Lehrmittel sind ihm zum Teil eigentümlich, namentlich in Bezug auf das Schreiben und den geogr. Unterricht. Einen Schreibapparat, dessen sich eine Genferin bediente, erwähnt 1685 bereits G. Burnet. Fräulein von Paradies besaß eine Taschendruckerei, womit sie fühlbar Buchstaben druckte. Hauy führte dieselbe in Paris ein und noch heute sind ähnliche Druckapparate in vielen Anstalten gebräuchlich. In Deutschland haben die einfachen Schreibtafeln von Hebold (Inspektor der Blindenanstalt zu Barby, gest. 1871) und die Punktiertafeln des Franzosen Braille vielfach Eingang gefunden. Jene befähigen den Blinden, eine farbige, zur Korrespondenz mit Sehenden ½½½„ Schrift (röm. Uncialbuchstaben) zu schreiben; mit diesen läßt sich eine der Telegraphenschrift vergleichbare, fühlbare Punktierschrift herstellen. Schriften, für Blinde lesbar, sind gedruckt worden in Berlin, Breslau, Illzach (Stuttgart), München, Wien, Lausanne, Mallar phia, Paris, London, Glasgow, Boston, Mailand, Madrid, Kopenhagen u. a. a. O. Zum geogr. Unterrichte benutzte Hauy Landkarten, welche er durch Fräulein von Paradies kennen gelernt hatte und auf denen die Grenzen, Gebirge, Flüsse durch verschiedene Stickereien markiert waren. ehener hat man hierzu Cundieumd Karten, Reliefkarten und Tellurien. Die Städte und Grenzen sind durch Knöpfe fühlbar angedeutet. Beim Anschauungsunterrichte werden plastische Lehrmittel, Sammlungen von Naturalien, Gegenstände der Industrie und des Handels u. s. w. benutzt. Zeune (s. d.), der erste Direktor der berliner Blindenanstalt, ban sich seinerzeit wie um das Blindenwesen überaupt, so namentlich um die Verbesserung der Lehrmittel verdient gemacht. Nach Verlauf der Schulzeit erhalten die Zöglinge der meisten Blindenansalten auch eine technische Ausbildung. Sie erlernen die Seilerei, Korbmacherei, Bürstenbinderei, das tresteren Epunz Deckenflechten, Stricken, Haartressieren, Spinnen u. s. w., und die Arbeiten geschickter Blinden stehen ähnlichen Arbeiten von Se-D weder an Solidität noch an Schönheit nach. ie Musik wird ebenfalls gelehrt, allein in den meisten Anstalten nur als Erziehungsmittel und nicht als Erwerbsquelle für spätere Zeiten. In Müt Kopenhagen u. s. w. sind eine große Anzahl usikstücke mit fühlbaren Tonzeichen gedruckt worden. Besonders schwierig gestaltet sich die Fürsorge für diejenigen Blinden, die aus der Erziehungsanstalt entlassen worden sind oder die in eine solche ihres Alters wegen überhaupt nicht aufgenommen werden können. Die Erfahrung lehrte frühzeitig, daß auch jene nach der Rückkehr in die bürgerliche Gesellschaft das Gelernte vergaßen und, auf ihre Heimatsgemeinden angewiesen, oft in Elend gerieten. Diesem Übelstand suchte man zunächst durch Gründung von Versorghäusern zu begegnen, in welchen anfänglich die eine, später gewöhnlich beide der ebengenannten Kategorien lebenslängliches Unterkommen, resp. Beschäftigung fanden. Die älteste Versorganstalt soll von Herzog Welf VI. 1178 in Meiningen gegründet worden sein. Sicher ist, daß bereits 1260 nach dem Kreuzzuge damen dr des Heiligen in Paris ein Asyl unter dem Namen Quinze-Vingts gestiftet wurde, um in demselben 300 in Agypten erblindeten Kreuzfahrern eine Versorgung zu gewähren. Bonaparte brachte die im ägypt. Feldzuge erblindeten Krieger ebenfalls in demselben unter, und noch jetzt bietet es alten Blinden eine Zufluchtsstätte. Versorganstalten entstanden später in Dublin (1781 und 1825), Norwich (1805), Berlin, Dresden, Wien, Prag, München, Kopenhagen, Petersburg, Gemünd, Paderborn u. s. w. Die kostspielige Unterhaltung dieser Institute, ihre Unzulänglichkeit gegenüber der großen Anzahl von Blinden, die jährlich aus den Unterrichtsanstalten entlassen wurden, und verschiedene innere Übelstände ließen diese Fürsorge nicht zur allgemeinen Anwendung kommen und führten an mehrern Orten Deutschlands bald zu der Unterstützung der aus der Anstalt in die bürgerliche Gesellschaft zurückgetretenen Blinden. Namentlich trat der Direktor der Blindenanstalt zu Dresden, Georgi (gest. 1867), fur diese Fürsorge kräftig ein, welche den Blinden auf dem heimatlichen Boden zwar den sittlich stärkenden Kampf um die Erhaltung führen, ihn aber darin nicht untergehen läßt, und der erste europ. Kongreß der Leiter und Lehrer von Blindenanstalten, welcher 1873 in Wien tagte und 99 Teilnehmer zählte, erkannte dieselbe im Prinzip einstimmig für richtig an und erklärte sich für das in der sächs. Landesblindenanstalt gegenwärtig zur Durchführung gelangte System der Unterstützung. Dort wird den Blinden schon vor der Entlassung ein geeignetes Unterkommen vermittelt; bei derselben erhalten sie eine Ausstattung von Kleidungsstücken, Werkzeugen und Arbeitsmaterial; sie bleiben nach dem Eintritte in das bürgerliche Leben durch die Vermittelung einer angesehenen Person ihres Wohnortes im fortdauernden Verkehre mit dem Erziehungshause und erhalten aus demselben nicht nur das Material zu billigen Preisen, sondern auch Unterstützungen an Kleidungsstücken, Wäsche, Nahrungsmittel, Geld u. s. w., je nach der Beschaffenheit ihrer Individualität und ihrer Verhältnisse. Dieser Fürsorge erfreuen sie sich so lange, als sie derselben würdig und bedürftig bleiben. Die Mittel bietet ein 1843 begründeter und seitdem durch die Gaben von Menschenfreunden bedeutend vermehrter Fonds. Kranke und dauernd arbeitsunfähige Blinde werden in Hospitälern versorgt. In England und Schottland ist man seit längerer Zeit zur Einrichtung von Werkstätten geschritten, welche sowohl die in einer Anstalt ausgebildeten, als auch die noch technisch unvorbereiteten Blinden aufnehmen. In diesen sog. Werkanstalten mit durchgeführter Arbeitsteilung kann jeder Aufgenommene seiner Leistungsfähigkeit entsprechend beschäftigt und selbst der gering Befähigte bald zur Erwerbsfähigkeit gebracht werden. In der edinburgher Anstalt beschäftigen sich beinahe 100 Blinde mit der Fabrikation von Matratzen. In Deutschland bestehen (1882) 32 Blindenanstalten, davon kommen auf Preußen 16, Sachsen 4, Bayern und Württemberg je 3, je 1 auf Baden, Hessen, Mecklenburg, Weimar, Hamburg und Elsaß. In Großbritannien finden sich 30 (23 in England, 3 in Schottland, 4 in Irland), 15 in Frankreich, 11 in Osterreich-Ungarn, 9 in Italien, 6 in Belgien, 5 in Schweden und Norwegen, 4 in Dänemark, 4 in Rußland, 3 in der Schweiz, 3 in Spanien, 2 in Holland, 1 in Griechenland; 28 Blindenanstalten werden in den Vereinigten Staaten Amerikas, 2 in Canada, 2 in Mexiko und 1 in Brasilien erwähnt. Sonst findet sich nur eine Anstalt in Beirut, in Kairo und in Australien. Die meisten dieser Anstalten sind Erziehungsanstalten, nur wenige Versorganstalten. Litteratur: Zeune, Belisar, über den Unterricht der Blinden „(Berl. 1808; 4. Aufl., 1834); Klein, Lehrbuch zum Unterricht der Blinden» (Wien 1819); Jäger, «über die Behandlung blinder und taubstummer Kinder » (2. Aufl., Stuttg. 1831); Klein, (Geschichte des Blindenunterrichts und der B.» (Wien 1837); Matthias, «Organ für Taubstummen⸗- und Blindenunterricht (Friedb. 1855fg.) Georgi, «Anleitung zur Behandlung blinder Kindero (Dresd. 1857); Pablasek, „Die Fürsorge für die Blinden» (Wien 1867); „Bericht über den ersten Kongreß der Lehrer und Leiter von Blindenanstalten„ (Wien 1873). Moldenhawer, «Fremstilling af Blindeforholdene i Danmarko (Kopenh. 1879); Reuschert, «Heilpädagogische Karte nebst einem Verzeichnis sämtlicher heilpädagogischen Anstalten aller