Bragi, Sohn Odhins, nach der nordischen Mythologie Gott der Dichtkunst, neben welchem zweifelsohne ursprünglicher auch Odhin als solcher erscheint. Der Mythus von B. ist zünger und sich wohl erst durch B. den Alten, einen der ältesten und vortrefflichsten Skalden, ausgebildet. Er ward alt und langbärtig gedacht, ein Symbol der — Erfahrung, aus welcher der Dichter schöpfen muß; andererseits bezeugt B.s Vermählung mit Idhun die jugendliche Kraft, welche von der Ausübung der Dichtkunst untrennbar ist. Die Runen, die nach einem Eddaliede (erstes Brynhildlied) seiner Zunge eingeritzt waren, deuten seine Weisheit und Wortgewandtheit an. Ein Abschnitt der Snorra-Edda enthält mythische Geschichten, die B. bei einem Trinkgelage in der Halle der Götter dem Ogir erzählt (Bragaroedur). Er gehört zu dem Asenkreise und steht in der Zwölfzahl, seitdem sich dieselbe fest gebildet hatte. Nach einem jüngern Liede (Hrafngaldr) fuhr er mit Heimdall und Loki in die Unterwelt, als der Tod Baldrs durch Vorzeichen angekündigt ward, und blieb dort bei Idhun zurück. Zu seinem Gedächtnis (minni) kreiste bei feierlichen Anlässen, wie am Julabend und bei Erbbieren, ein Becher unter den Männern (Bragafull, bragarfull), auf den sie feierliche Gelübde ablegten.