Buchbinderkunst. Die Kunst, Bücher zu binden, d. h. die einzelnen Blätter oder Bogen eines Buchs zu einem Ganzen zu vereinigen, mit einem Umschlag, Deckel und Stoffbezug zum Schutze dieser Blätter, resp. Bogen zu Grotl. läßt sich bis in die führen. Prächtige Denkmale der B. aus dem 9. bis 11. Jahrh. sind in den Bibliotheken von Wolfenbüttel, Venedig und Rom erhalten. Selbst der handwerksmäßige Betrieb der B. läßt sich bis ins 14. Jahrh., also lange vor Erfindung der Buchdruckerkunst, nachweisen. Die seit Erfindung der Buchdruckerkunst möglich gewordene schnelle Vervielfältigung der Bücher kam auch der B. in erheblichem Maße zugute, indem dadurch der handwerksmäßige Betrieb der B. si Hi allen beneutenden Städten verpflanzte. Ihre höchste B erreichte die B. im 16. und 17. Jahrh., u*m diesem Zeitpunkte an mehr und mehr in Verfall zu geraten; erst der neuesten Zeit war es vorbehalten, der Buchbinderei einen der ersten Plätze unter den Kunsthandwerken einzuräumen. Man unterscheidet gegenwärtig handwerksmäßigen und Feteieb. 06 Betrieb, oder Kleinbetrieb und Großbetrieb. Während die B. bei ersterm meist oder ausschließlich Handarbeit, ist sie bei letzterm meist Maschinenarbeit. Die zu bindenden Bücher (Bogen) werden zunächst gaazt, d. h. regelrecht nach dem Format der Druckseiten (Folio, Quart, Oktav) gebrochen, die Bogen mit dem Falzbein niedergestrichen, gleichgestoßen, eingepreßt, der dirre Ochla. nach zusammengetragen, kollationiert, durch Schlagen mit dem Schlaghammer (s. Tafel: Buchbinderkunst, Fig. 18) oder durch Walzen mittels Walzwerks (Fig. 3) zusammengedrückt, wofern es den Bogen an sangelein mangelt. Sind Bücher auf Druckpapier (ungeleimt) hergestellt, so 50 der Buchbinder die Leimung (Planieren) der ogen vor dem Falzen vorzunehmen; es geschieht dies, indem die Bogen durch warmes, mit Alaun versetztes Leimwasser gezogen werden; die überflüssige Nässe beseitigt man durch Auspressen der Bogen, die zum Trocknen auf Schnüre gehängt werden. Unter Anfügen von Vorsatzblättern erald. nun das Heften der Bücher auf der Heftade (Fig. 16) mittels Zwirn in Verbindung mit Bindfaden (Bünde). Für die Bünde, deren man zwei bis fünf je nach Größe des Buchs anwendet, macht man Sägeschnitte in den Rücken der Bücher, wenn die Bünde vertieft liegen sollen; ohne Einschnitte auf Bindfaden geheftete Bücher erhalten erhabene Bünde. Zum Falzen der Bogen hat sich eine Maschine, trotz verschiedener Versuche, bisher nicht bder But dagegen bedient man sich zum Einsage der Buchrücken schon seit langem der Einägemaschine (Fig. 4), die sowohl durch Treten mit dem Fuße wie auch durch Dampf in Bewegung gesetzt wird und deren kreisrunde Sägen den daruber geschobenen Naschne einschneiden. r das Heften mittels Maschine . Brehmers Drahtheftmaschine (Fig. 5) bahnbrechend gewesen, doch steht zu erwarten, daß das Heften der Bücher mittels Zwirn in kürzester Frist ebenfalls mittels Maschine bewerkstelligt wird. Nach dem Heften vollzieht man das Leimen der Buchrücken zum Zweck der innigen Verbindung der Bogen aneinander, beschneidet die Vorderseite, klopft das Buch rund, wodurch die gleichmäßige Wölbung des Rückens und die gleiche hohlkehlenartige Rundung des Vorderschnitts hergestellt wird, setzt nun das Buch zwischen Bretter (Preßbretter), die vom Rücken ein wenig abgesetzt werden, in die Presse, dreht diese mittels Preßbengel (Fig. 19) zu und klopft auf beiden Seiten den zur Ausfüllung der Deckelpappen nötigen Falz an und überklebt in der Regel den Buchrücken mit einem Stück weißem, halbgeleimtem Papier. Nachdem der Rücken trocken, wird die obere und untere Seite mit dem Beschneidehobel in der Beschneidepresse (Fig. 11) beschnitten, der weiße Schnitt entweder mit Farbe gesprengt, gefärbt, marmoriert (Fig. 14) oder mit Goldschnitt versehen und eventuell mit dem Glättzahn (Fig. 21) geglättet. Auch zu diesen Arbeiten verwendet man Maschinenkraft, und zwar zum Beschneiden der Bücher eine der ältesten Hilfsmaschinen der Buchbinderei, die Beschneidemaschine (Fig. 2, 8),‚ zum Runden der Rücken die von Fomm in Leipzig geschaffene Rückenrundungsmaschine, sowie zum Anbringen der Fälze die Abpreßmaschine (Fig. 6). Bei Büchern, die nur mit Papier (Pappband) oder engl. Leinwand (Leinwandband) überzogen werden, macht sich Ebrgche das Anbringen eines von dünner Tolat gebrochenen Rückens notwendig, sodann erfolgt das Ansetzen der stärkern Deckelpappen, die schließlich mittels dazu passender Lineale (Kantenlineal) und Messer an den drei Buchseiten abgeschnitten (formiert) werden. Zum Schneiden der Pappen bedient man sich auch einer Maschine, der Pappschere (Fig. 7), sowie zum Schrägen der Deckelpappen einer Kantenschrägmaschine (Fig. 12). Nun erfolgt das Überziehen des Einbands mit Papier, Kaliko (engl. Leinwand), Leder, Pergament, Seide oder Samt. Nachdem das äußere Vorsatzblatt an den innern Pappdeckel mittels Leim oder Stärkekleister angeklebt (an-Bretter ist, wird das Buch nochmals zwischen Bretter in die Presse gesetzt, aus welcher es nach erfolgtem Trocknen als im großen Ganzen vollendet hervorgeht. Die Bucheinbände erns hete nach dem Material, mit welchem ihr Außeres bekleidet wird, in verschiedene Kategorien. Bei der Broschüre werden die Bogen nur mit zwei Stichen in der Mitte, teilweise auch gar nicht geheftet, und das Buch wird dann unbeschnitten in einen bedruckten Umschlag von Papier durch Ankleben an den Rücken eingefügt. Den niedrigsten Rang unter den Bucheinbänden nimmt die Steifbroschur ein, sie wird zwar auf Bindfaden, aber nur leicht, geheftet, die Deckel werden nur von dünner Pappe (Schrenz) gemacht und das Ganze mit Papier höchstens unter Anwendung eines Leinwandrückens überzogen und beschnitten. Der Pappband erhält unter den Papierüberzu einen Rücken von dünner Pappe und stärkere Decke mit Kanten. Mit Halbleinwand⸗„ resp. Halblederband bezeichnet man die Bücher, deren Rücken und Ecken mit Leinwand (Kaliko), resp. Leder versehen sind. Hat der Halblederband eine besonders sorgfältige Behandlung im Heften, Abpressen, Ansetzen u. s. w. erhalten und ist der Rücken überdies vergoldet (mit Goldtitel versehen), so bezeichnet man ihn mit dem Namen Halbfranzband. Ist ein Buch ganz mit Leinwand resp. Leder überzogen, so hat man einen Ganzleinwand⸗, resp. einen Ganzlederband vor sich. Zur Herstellung der Leinwanddecken dient auch die Anreibemaschine (Fig. 13). Ganzfranz nennt man wohl auch den Lederband, der ebenso wie der ad peraoidel i besonders sorgfältig gearbeitet und vergoldet ist. Weitere Überzugsstoffe für Bucheinbände sind ferner noch Pergament (Pergamentband), Samt (Samtband) und endlich Seide (Atlasband). Von Verbindungen der Bogen (Blätter) miteinander ohne Heften kommen zwei Arten in der B. zur Anwendung. Das erste Verfahren beruht auf der Verbindung mittels Raspel gefaserter einzelner Buchblätter (durch Abschneiden des Rückens erzielt) mit einer Lösung von Kautschuk in Benzin, mit welcher der Rücken mehrmals überfahren wird; das zweite, dem Buchbinder „Baumfalk in Esens 1879 patentierte Verfahren eruht auf der Verbindung des gefaserten Sin rückens mit Leim in Verbindung mit Baumwollfaser; hierbei wird das Buch sowohl vorn wie auch am Rücken gleichmäßig beschnitten in einer Hohlkehle gerundet, eingepreßt, geraspelt, geleimt und mit Barchent überklebt. Beide Arten, besonders letztere, sind bei sorgfältiger Behandlung sehr dauerhaft. Neben der Bekleidung mit verschiedenem Material verdient aber auch die sonstige Ausstattung des Buchs Beachtung, weil sie einen wesentlichen Teil der B. ausmacht. Zu den schon erwähnten . und Goldschnitten gesellt sich der eiselierte chnitt, der durch Einschlagen verschiedener Figurenstempel (Punzen) auf den bereits fertigen Goldschnitt hergestellt wird. Weiter das nach seinem Erfinder Grüne benannte Grünesche Ermnen eines fahren. Letzteres bedingt das Aufbringen eines als Platte vorhandenen Ornaments mittels Gelatinhäutchens und Drucklack auf den fertigen Goldschnitt, darauf Einstäuben des Schnittes mit Gold- oder Silberbronze; nach dem Trocknen abgewischt, erscheint das Ornament matt auf blankem Buchschnitt, oder umgekehrt blank auf mattem Schnitt. Eine andere Seite der B. ist die Deckelverzierung mittels Blind⸗, Gold⸗ oder Farbendruck, von der Großproduktion fast ausschließlich mittels der durch gluhende Bolzen oder Gasflammen erwärmten Vergoldepresse (Fig. 1) hergestellt. Die aufzubringende Verzierung ist als gravierter Stempel (Platte) vorhanden und wird bei Blinddruck unmittelbar, bei Golddruck unter Auflegen von Blattgold mittels Messer (Fig. 17), und bei Farbendruck unter Aufwalzen Deael depnef Farben auf die Platte, auf den Buchdeckel gepreßt. Als schwierigste Arbeit gilt hierbei der, nur unter Anwendung von e, bergenet des Leders und Erwärmung der Platte, hergestellte Braundruck auf helles Kalbleder. Herrliche Farbeneffekte lassen sich durch den sog. Bronzedruck auf Buchdecken erzielen; derselbe wird hergestellt durch Aufdrucken von Firnis mittels Platte auf den Deckel und Einstäuben mit Gold⸗, Silber⸗ oder farbiger Bronze, die jedoch nachträglich mittels Schwarzdruck zu decken ist. Die Handvergoldung ist die s wierigste Technik in der B., sie erfordert sowohl erhöhte Kenntnisse wie auch Geschick und ist daher auch zu allen Zeiten von Kennern hochgeschätzt worden. Die dazu gehörenden Werkzeuge und Apparate sind sehr mannigfaltiger Natur G. 9, 10, 20). In neuerer Zeit wieder mehr in Aufnahme gelangt, wird sie selbst von der Großproduktion gepflegt und feiert heute ihre schönsten Triumphe in Verbindung mit der Ledermosaik (Lederschnitt). Das Grundleder des Buchdeckels wird nach einer bestimmten Zeichnung ausgeschnitten und durch andersfarbiges Leder ersetzt, wobei die Handvergoldung, als Linien, Bogen und Stempeln in Gold gedruckt, als Einfassung dient. Endlich dienen auch Schlösser (Schließen) und Beschläge (Ecken) als Verzierung des Buchdeckels und werden solche gern an Samtbänden und zwar nicht selten in edeln Metallen angebracht. In jüngster Zeit hat das stilvolle arab.maurische Ornament der Renaissancezeit außerordentlichen Einfluß auf die B. gewonnen, sodaß man diesen prächtigen Gebilden des 15. und 16. Jahrh. vielfach auf modernen Buchbinderarbeiten begegnet. Als besondere Zweige der B. haben sich im Laufe der Jahre, begünstigt durch den immer größer werdenden Konsum, verschiedene Spe ialgeschäfte Bei deef so die Fabrikation der Geschäftsbücher. ei diesen ist größtmöglichste Haltbarkeit, verbunden mit flachem Aufschlagen des Buchs, die Hauptsache; das erstere wird erreicht durch Heften des Papiers auf starke Leinenbänder mit gutem Hanfzwirn, sowie Überkleben des Buchrückens mit weichem Leder oder Leinwand, Benutzung starker Pappen und als überzug starke Leinwand, Moleskin oder Leder; die letztere Eigenschaft erzielt man durch den sog. Sprungrücken, einen von sich uken, der den dünnen Pappstreifen geklebten Buchrücken, der selbst unbiegsam, dem Buche eine immense Clastici“ tät beim Aufmachen verleiht. Weniger mit der B. zusammenhängend, aber doch von dieser abgeichdruckerkunst (geschichtlich) leitet, ist die Fabrikation von Photographie-Albums und von Portefeuille⸗(Leder⸗) Waren. Beide Zweige haben ihren Sitz in Berlin und Offenbach. Die Grundidee des Albums ist die Verbindung lithographierter oder gepreßter, ausgestanzter Kartons (Coulissen) mit dazwischengeklebten, gleichfalls aus⸗ „gestanzten Pappen, welche die Aufnahme von Photographien ermöglichen. Eine gewisse Anzahl dieser so he vereimg Rarlen Blätter werden zu einem Buche vereinigt, beschnitten, mit Goldschnitt versehen und in eine starke Lederdecke gebracht, die vorn über den Schnitt mittels Klappenschloß zusammengehalten wird. Die Deckel für Albums sind in der Regel reich vergoldet oder aber mit Metall⸗ [beschlägen verziert. Die Portefeuillewaren zerfallen in verschiedene Unterabteilungen, als deren bücher, Necessaires und Schreibpulte betrachtet werden können. Es erfordern diese Spezialitäten, weil sie sehr wenig Maschinen⸗, sondern vielmehr Handarbeit sind, ein mit denselben durchaus vertrautes Arbeitspersonal, um fabrikmäßig und preiswert hergestellt zu werden. Auch die Fabrikation von Kartonnagen (Kartons, * teln) tritt viel805 unabhängig von der B. als Gewerbe resp. Fabrikbetrieb auf; Ju Existenz bedingt das Vorndensein anderer Industriezweige, z. B. der Farikation von Seidenzeugen und⸗ Band, Samtweberei u. s. w. Die fabrikmäßige Herstellung der Kartons wird bedingt durch das Vorhandensein von Maschinen für die Zerkleinerung der Pappen, so der Pappschere 1e zum Morriten de und endbeh der Ritzmasch ine zum Vorritzen der Pappen behufs leichtern Umbiegens der Seitenwände vom Boden des Kartons. Hier sind ul die 2 Arbeitskräfte vielfach in Verwendung, weil die Arbeit leicht ist ö und auch möglichst billig hergestellt werden soll. Die Litteratur der B. ist zur Zeit keine reichhaltige; die ältern Schriften sind durch die neuern Genhrinen in der B. ganz oder teilweise entwertet. Von den neuern sind hervorzuheben: Bauer, HHandbuch der Buchbindereiv (Weim. 1881); Marius Michel, La reliure françaisev (Par. 1879); J. Zähndorf, «The art of bookbindingo (Lond. 1879); Musierif „Moderne Bucheinbände. Sammlung künstlerischer Originalentwürfe zur Ornamentierung. von Buchdecken (Heft 1—4, Lpz. 1878). Vertreter der Litteratur der B. sind die achzeitschriften: Whie für Buchbindereiv (Lpz. 1879 fg.), „Illustrierte Zeitung für Buchbindereiv» (Dresd.⸗ Blasewitz 1868 fg.). *