FeedBürger (Gottfr. Aug.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Bürger (Gottfr. Aug.), deutscher Dichter, geb. (nach dem Kirchenbuche) 31. Dez. 1747 zu Molmerswende in der Grafschaft Falkenstein am Unterharz als . eines Pfarrers, kam 1759 zu seinem mütterlichen Großvater nach Aschersleben, wo er die Lateinschule besuchte, die er aber bald wieder verließ. Hierauf bezog er das Pädagogium zu Halle, wo er mit Gockingk Freundschaft schloß, und 7 1764 die dortige Universität, anfangs Theologie, späterhin 3 nach Oaun studierend. Im J. 1768 begab er sich nach Göttingen, wo er in dem lonen der Schwiegermutter des hallischen Philologen Klotz, mit dem er in Halle oft und vertraut verkehrt hatte in Verbindungen geriet, die seinen Sitten und Studien nicht förderlich waren. Doch leiteten ihn Biester, Sprengel und namentlich Boie, welche damals in Gottingen studierten, auf einen bessern Weg. Mit ihnen gemeinschaftlich las er außer den Alten die Dichter der Engländer, Franzosen, Italiener und Spanier, besonders sen Lr und Percys „Reliqueso, welche letztere sein Lieblingsbuch wurden. Durch Boies Vermittelung erhielt er 1772 die mit kärglichen Einkünften versehene Stelle eines Justizamtmanns im Uslarschen Amte Altengleichen, wo er nach und nach an verschiedenen Orten wohnte, Göttingen nahe genug, um mit dem 1772 gestifteten Göttinger Dichterbunde, ohne ihm eigentlich anzugehören, in wechselseitigem, persönlichem acht zei zu bleiben. In Gelliehausen, wo B. zunächst seinen Wohnsitz aufschlug (ogl. Gödeke, «B. in Göttingen und Gelliehausen. Aus Urkundeno», Hannov. 1873), dichtete er die KLenorev, die 1773 im «Göttinger Musenalmanach für 17745 erschien und mit einem Schlage seinen Dichterruhm begründete. rette Leonhart, der Tochter eines hannov. Beamten zu Niedeck, und zog mit ihr nach Wöllmershausen. Anfangs war, wie aus gleichzeitigen Briefen B.s ervorgeht, die Ehe glücklich, aber bald entzündete ich in B. eine unwiderstehliche Neigung zu seiner aufblühenden Schwägerin Auguste, welche er in seinen Gedichten als Molly so hoch water. hat; eine Leidenschaft, zu der er, wie er spaäter selbst berichtet, den Keim schon, als er mit der ältern Schwester am Altar stand, im Herzen trug. Molly erwiderte seine Liebe, und nach längern Kämpfen estaltete sich mit Bewilligung der Gattin das Verhaltnis zu den beiden Schwestern in der Weise, daß B. in einer Doppelehe lebte. Molly gebar fern in Obersachsen einen Knaben, der bei einer Schwester des Vaters erzogen wurde. Zu diesem Mißverhältnisse kam eine unglückliche Spekulation, indem B. eine Pachtung in Appenrode 1780 — 83 übernahm und dabei den gibsten Teil seines ererbten Vermögens zusetzte, sodann Zwistigkeiten mit seiner Gerichtsherrschaft und eine kränkende ungerechte Anklage bei der hannov. Regierung, inoon deren er endlich 1784 seine Stelle, wie er chon längst beabsichtigt, aufgab, um sich in Göttingen als Privatdocent niederzulassen. Kurz vor dem Umzuge starb seine Gattin Dorette, welche ihm eine 1862 unvermählt gestorbene Tochter hinterließ, und ein Jahr darauf ließ sich B. mit Molly trauen. Durch Vorlesungen und Privatunterricht erwarb er sich ein hinlängliches Auskommen, und er schien in der That einer glücklichern Zukunft entgegenzugehen, als ihm Molly schon 9. Jan. 1786, 14 Tage nach der Entbindung von einer Tochter, entrissen wurde, ein Schlag, der ihn auf das tiefste niederbeugte. Indem er in ernsten Studien Heilung seines Schmerzes suchte, warf er sich mit Eifer auf die Kantsche daraer und hielt auch mit Beifall Vorlesungen darüber. Das 50jährige Jubiläum der Georgia Augusta brachte die philos. Doktorwürde, das Ra 1789 endlich die Ernennung zum außerord. Professor ohne Gehalt. In demselben Jahre erschien 8. Sept. im «Stuttgarter Beobachters ein anonymes Gedicht: »An den Dichter B.v, in welchem ein Schwabenmädchen » seine ud den verh und Liebe für den Dichter aussprach und dem verlassenen Witwer seine Hand anbot. B., der schon seit einiger Zeit daran dachte, hauptsächlich seiner drei Kinder wegen, sich wieder zu verheiraten, reizte das Geheimnisvolle der Sache. Er zog Erkundigungen ein, und das „»Schwabenmädchen» Christine Elise Hahn aus Stuttgart (geb. 19. Nov. 1769), Tochter einer Beamtenwitwe, wurde im Herbst 1790 seine Frau. Einem kurzen Glück folgte indes die bitterste Enttäuschung, und im Febr. 1792 wurde B. von der Unwürdigen gerichtlich geschieden. An Leib und Seele heftig erschüttert, von Schulden und Nahrungssorgen bedrängt, sodaß er den größten Teil seiner Zeit auf Übersetzungen verwenden mußte, durch Schillers bekannte bittere Recension seiner Gedichte (in der Allgemeinen Literaturzeitunge von 1791) tief verletzt, durch ein immer wachsendes Brustleiden gequält, lebte er traurig dahin, bis ein sanfter Tod ihn 8. Juni 1794 erlöste. Der allgemeine Beifall, mit welchem B.s Balladen, wie die Lenoreb, sein Meisterwerk, ferner „Lenardo und Blandine», seine Lieblingsdichtung, die nur zu lang ist, »Des Pfarrers Tochter von Taubenhaino, Der wilde Jägerꝰ, Das Lied vom braven Mann», Der Kaiser und der Abt v und so efunde andere teils nachgebildete, teils originell erfundene, aufgenommen wurden, beweist, daß er den richtigen Weg eingeschlagen hatte, um die Balladenpoesie, für die er zuerst unter den Kunstdichtern Deutschlands die nchtige Behandlung fand, in Deutschland einzubürgern. Im eigentlichen Liede, wo er sich dem Volkstone nähert und sich nicht, wie etwa in Rems „(Hohen Liede » oder in der «Nachtfeier der Venus »,‚ mit * Rhetorik und rhythmischem Glanze begnügt, teht B. den besten Dichtern gleich. Seine Liebesgedichte, obschon er in ihnen die Liebe nicht in ihren zarten Tiefen und geistigen Elementen erfaßte, sind oft hinreißend durch den vollen Klang ihrer Worte und durch ihre sinnliche und leidenschaftliche Glut. Seine Sonette gehören zu den besten, die in deutscher Sprache gedichtet worden sind. Wohl zu beachten ist 3•6 der fe 6e Mannessinn, der Haß gegen alles Schlechte, Gemeine, Despotische in manchen seiner Gedichte, wie er Ilus einer der ersten Deutschen war, welche die exklusive Gelehrsamkeit, den Gelehrtendünkel und die H in der Wissenschaft mutig angriffen. B. ist als einer der Sprachschöpfer des 18. Jahrh. zu betrachten. Nicht nur, daß er fast ängstlich auf Korrektheit und Wohllaut des Verses Helt und z. B. in Racht „Rechenschaft über die Veränderungen in der Nachtfeier der Venus» über die vier ersten Zeilen 40 eng gedruckte Seiten schrieb, so hat er auch manche fremdländische poetische Formen, wie das Sonett, in Deutschland wieder zu Ehren gebracht. Er war ferner mit der erste, der in seinen Übersetzungsproben aus der Iliade und in der Übertragung des vierten Buchs der AÄneide leichte und fließende Hexameter lieferte. Auch versuchte er eine Übersetzung der Iliade in fünffüßigen reimlosen Jamben und eine prosaische übertragung des Shakspeareschen «Macbetho. Ein tüchtiger, besonders gegen die damalige «Quisqui iengelehrtheito, wie er sie nannte, gerichteter polemischer Eifer Dönleich ue Prof seiner prosaischen Aufsätze aus, obgleich die Prosa sein eigentliches Feld nicht war. Die erste Sammlung seiner »Gedichter (mit Kupferstichen von Chodowiecki) erschien 1778 zu Göttingen, der 1789 ebendaselbst eine zweite folgte. 3 f ammlungen sind um so beachtenswerter, da sie viele ursprüngliche Lesarten enthalten, die B. später durch minder passende ersetzte. Von 1779 bis zu seinem Tode gab er den «Göttinger Musenalmanach» und 1790 und 1791 das Journal „Akademie der schönen Redekünste» (Berl.) heraus. Endlich ist noch zu erwähnen, daß die zum Volksbuch gewordenen «Wunderbaren Reisen und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausenv (Gött. 1787 nicht von B. verfaßt, sondern von ihm nur na dem 1785 in London erschienenen engl. Original des nach England geflüchteten deutschen Gelehrten R. E. uto. übersetzt und hier und da erweitert worden sind. Von B.s Werken 15 zunächst Karl von Reinhard mehrere Ausgaben besorgt, zuerst in vier Bänden (Gött. 1796 - 98), zuletzt in sieben Bänden (Berl. 1823 —24). Nach ihm hat Bohtz B.s „Sämtliche Werker in einem Bande herausgegeben (Gött. 1834), und zuletzt sind sie in vier Bänden (Gött. 1860) erschienen. Nur eine Auswahl bieten B.s Werke », herausgegeben von Grisebach (2 Bde., Berl. 1872), mit einer biographisch-litterarischen Skizze. Die „Gedichtes allein bat ittmann mit einer biographisch-kritischen Einleitung und Anmerkungen (Lpz. 1869)“ herausgegeben. Außer Althof, dessen „Huachicht zuerst 1798 in Göttin-Leb erschienene «Nachrichten von den vornehmsten ebensumständen B.s, nebst einem Beitrage zur Charakteristik desselben auch in mehrere Ausgaben der KWerke B.3„ aufgenommen sind, haben Bs Leben beschrieben H. öring in 4B 3 Leben (Vers 1820, und „Hottfried August B. Ein bio⸗ „Briefe von und an B.y (4 Bde. * aus, die sehr viele bisher ungebruckte Briese üm halten. Zu erwähnen sind ferner: 4B.s Briefe an Marianne Ehrmann. Ein merkwürdiger Beitrag zur Geschichte der letzten Lebensjahre des Dichters. Mit einer histor. Einleitung herausgegeben pvon Th. F. Ehrmann (Weim. 1802); „B.s Chestandsgeschichte, die Ges 8.1 der dritten Ehe B.s⸗ (Berl. 1812); Ebeling, 4B. und Elise Hahn. Ein Che⸗, Kunst⸗ und Litteraturleben » (2. Aufl., Lpz. 1870) (B.s letztes (schon in der «CEhestandsgeschichteenthaltenes) Manuskript (Opz. 1846); „B. und Müllner, ein Briefwechsel» (Jüterb. 1833); Daniel, B. auf der Schule ⸗ Batte 1845), wiederholt in Daniels 4Zerstreuten Blättern v (Halle 1866). Retzsch illustrierte n von B.s Balladen (neue Aufl., Lpz. 1872), Ruhl seine „Lenores in 12 Umrissen (Kassel 1827) und Führich den »Wilden X ero (5 Blätter, mit kritischen Aufsätzen von „Müllner, Prag 1827). Die bedeutendsten Balladen B.s wurden in fast alle Sprachen der civilisierten Welt übersetzt, namentlich „Lenore», die mehrmals, darunter auch von Walter Scott, ins Englische übertragen wurde. Eschenburg gab drei dieser engl. Übersetzungen 1 1797) heraus. B.s dritte Frau, die bereits genannte Chri-Dm Elise Hahn, wurde nach erfolgter Scheiung ihrer Ehe Schauspielerin, gehörte nacheinander den Bühnen von Altona, Hannover und Dresden an, zog später als Deklamatrice und plastischmimische Darstellerin in Deutschland umher und ben u Frankfurt a. M. 24. Nov. 1833, nachdem ie in den letzten Jahren erblindet war. Sie schrieb auch mehrere Theaterstücke, z. B. «Adelheid, Gräfin von Teck) (Hamb. 1799), den Roman „Irrgänge des weiblichen Herzens» (Altona 1799) und „Gedichtey (Hamb. 1812), denen später eine Gedichtsammlung: „Lilienblätter und Cypressenzweige⸗ (Frankf. 1826), folgte.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 742Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Literatur & Sprache 6