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GeschichteBrockhaus 1882

Bunsen (Christian Karl Josias, Freiherr von), ausgezeichneter deutscher Gelehrter und Staatsmann, geb. 25. Aug. 1791 zu Korbach im Waldeckischen, widmete sich seit 1808 zu Marburg theol. und 1809—13 Göttingen unter Heyne philol. Studien. Nachdem er an letzterm Orte 1811 bereits eine Lehrerstelle am Gymnasium erhalten und eine Preisschrift: De jure Atheniensium hereditario (Gött. 1813), veröffentlicht, nahm er, um nicht in westfäl. Dienste zu treten, 1813 seine Entlassung und ging, um seine unter Benecke mit Lachmann begonnenen alt⸗ und mittelhochdeutschen Studien zu einer vollständigen Kenntnis der german. Spra900 zu erweitern, zuerst nach Holland, dann nach openhagen, wo Finn Magnussen sein Lehrer im Isländischen wurde. Die letzten Monate des J. 1815 verbrachte er in Berlin, um Niebuhr, dessen histor. Werke und polit. Charakter ihn mit Begeisterung erfüllt hatten, persönlich kennen zu lernen. Hierauf wendete er sich im Frühjahr 1816 nach Paris, wo er unter Sylvestre de Sacy das Persische und Arabische studierte. Durch den jungen W. B. Astor, dessen Studien B. in Göttingen geleitet und in dessen Gesellschaft er 1813 kürzere Reisen gemacht atte, war ihm die Aussicht auf eine Reise nach ndien zur Erforschung der dortigen Sprachen eröffnet worden. Als sich die Freunde in Florenz 1 ein Mißverständnis verfehlten, ging B. 1816 auf Niebuhrs Wunsch zur Fortsetzung seiner Studien nach Rom, wo er sich 1817 mit einer Engländerin, Frances Waddington, verheiratete. Niebuhr nahm an Bis wissenschaftlichen Bestrebungen den Brandis lbane Anteil und erwirkte 1818, nach randis Abgang, seine Ernennung zum Gesandt-Inng urde e⸗ ür seine spätere bedeutende Stelung wurde der Aufenthalt des Königs von Preußen in Rom 1822 entscheidend, welcher B.s freimütige Außerungen über die preuß. Agende und die unter Bezeigung seines penzönlichen Wohlwollens aufforderte, im Staatsdienste zu bleiben. Als Niebuhr aus demselben ausschied, wurde B. im Frühiahr 1824 veranlaßt, die von ihm bisher interimistisch verwalteten Geschäfte der Gesandtschaft definitiv zu übernehmen, worauf er 1827 zum Ministerresidenten ernannt und mit den Unterhandlungen über die Dertrhem Ehen beauftragt ward. Die in engem Verkehr mit Niebuhr zu Rom verlebten Jahre hatte B. zur tiefern Begründung seiner Forschungen über die Philosophie der Sprache und Religion vom weltgeschichtlichen Standpunkte benutzt, insbesondere einesteils zum Studium der Platonischen Philosophie und der Staatsverfassungen des Altertums, andernteils zu biblischen, kirchengeschichtlichen und liturgischen Untersuchungen. Mühsame Arbeiten unternahm er auch für die umfassende „Beschreibung der Stadt Rom» (3 Bde., Stuttg. 1830—43); ihm gehören in dem genannten Werke ein großer Teil der topogr. Mitteilungen über das alte Rom und alle Untersuchungen über die ältere Geschichte des christl. Rom an. Aus den letztern ging auch das treffliche Werk «Die Basiliken des christl. Romo (Münch. 1843) hervor. Die erste Anwesenheit Champollions in Rom im J. 1826 bildete eine neue Epoche in B.s Altertumsstudien. Er ward nicht nur eifriger Zuhörer des franz. Gelehrten, sondern munterte auch Lepsius zu hieroglyphischen Studien auf. Für das Archäologische Institut, welches auf Veranlassung des Aufenthalts des damaligen Kronprinzen von Preußen in Rom im Winter 1829 unter Mitwirkung B.s durch Gerhard 3181858 ward, blieb B. während seines ganzen, is 1838 dauernden Aufenthalts in Rom als dessen Generalsekretär ununterbrochen thätig. Als er 1835 das Hospital nebst Wohnhaus für deutsche Künstler und Gelehrte (Casa Tarpea) gründete, erbaute er daselbst zugleich neben seiner Wohnung auf dem Kapitol den Versammlungssaal für das Archäologische Institut. Diese verschiedenen Gebäude, 1873 von dem Deutschen Reiche erworben, bilden gegenwärtig den glänzenden Mittelpunkt der Wirksamkeit der in Rom lebenden deutschen Gelehrten und Künstler. Sonst erwarb sich B. noch um viele seiner Landsleute in Rom sowie um vaterländische Anstalten, namentlich um das berliner Museum, manche Verdienste. Der Ausbildung und Belebung des evang. Gemeindegottesdienstes widmete er sowohl praktisch in der Gesandtschaftskapelle zu Rom als litterarisch durch den Versuch eines allgemeinen evang. Gesangbuchs(Gotha 1833; später unter dem Titel: hunn. 1846. evang. Gesang⸗ und Gebetbucho, Hamb. 1846, neu erschienen) rege Teilnahme. Seit 1827 war B.s amtliches Leben bewegter geworden. So hatte er, von der europ. Gesandtenkonferenz in Rom zur Ordnung der Angelegenheiten des Kirchenstaats beauftragt, den als cMemorandum del Maggio 1832 bekannten Reformentwurf ausgearbeitet und 1832 das späterhin so berühmt und folgenreich gewordene Breve Leos XII. über die gemischten Ehen erwirkt. Schwieriger wurde jedoch seine Stellung, als 1834 die Kölner Wirren begannen. B. unternahm nach der Verhaftung des Erzbischofs von Köln im Nov. 1837 den Versuch, den Papst zu einer versöhnlichen Ausgleichung zu bringen. Da aber alle Unterhandlungen mißlangen, erbat er sich seine Abberufung, die ihm 1838 unter der 46 eines Reiseurlaubs nach England gewährt ward. Nach Ablauf desselben ging er im Nov. 1839 als preuß. Gesandter bei der Eidgenossenschaft nach Bern. Von dort ward er von Friedrich Wilhelm IV. 1841 nach Berlin berufen, und zum Zweck der Errichtung eines evangelischen engl. Preuß. Gesamtbistums in Jerusalem mit einer außerordentlichen Mission nach England beauftragt. Bald darauf erfolgte seine Ernennung zum preuß. Gesandten in England. Auch später unternahm B. mehrere Reisen nach Berlin, um in den polit. Verfassungsfragen mitzuwirken. Die Anfänge des parlamentarischen Lebens in Preußen 1847 und die tb-Bewegung des folgenden Jahres erregten B.s lebhaftes Interesse und thätige angrdtiegr In seiner amtlichen Stellung blieb 1848 — 52 seine Thätigkeit besonders auf die Verteidigung der Rechte Deutschlands und der Herzogtümer gegen Dänemark gerichtet. Bereits 1848 veröffentlichte er zu diesem Zweck das Memoir on the constitutional rights of the Duchies of Schleswig and Holstein, presented to Viscount Palmerston Sth April 18485. Während des J. 1849 führte er als Bevollmächtigter Preußens die Verhandlungen, und 1850 protestierte er gegen das Londoner Protokoll, nachdem er vergebens versucht, die Abfassung desselben zu verhindern. Doch mußte er 8. Mai 1852 den Londoner Vertrag unterzeichnen. Als alle Bemühunen B.s beim Ausbruch der orient. Wirren, Preuen zur Parteinahme gegen Rußland zu vermögen, escheitert waren, nahm er seinen Abschied und verieß im Juni 1854 England, wo er sich die allgemeinste? ¹½ erworben hatte. Eine große Anzahl deutscher und auch engl. Gelehrter, wie Max Müller, Birch, Cureton, verdanken ihm Anregung und Förderung, und die Reisenden Barth, Overweg und Vogel die Ermöglichung ihrer Expeditionen nach Afrika. —* sonst war er vielfach zu Gunsten seiner deutschen Landsleute (wie z. B. 1845 durch seine thätige Mitwirkung bei Stiftung des Deutschen Hospitals in der londoner Vorstadt Dalston) thätig gewesen. B. ließ sich zu Charlottenberg bei Heidelberg nieder. Nachdem er 1857 auf besondere Einladung des Königs der Versammlung der Evanelischen Allianz zu Berlin beigewohnt, erfolgte 1ane Berufung in das preuß. Herrenhaus und seine Erhebung in den Freiherrnstand. Er wohnte 1858 beim Eintritt der Regentschaft der Landtagssitzung bei. Zunehmende körperliche Leiden nötigten ihn, die Winter der beiden folgenden Jahre zu Cannes zuzubringen. Im Frühjahr 1860 siedelte er nach Bonn über, wo er 115 schon 28. Nov. 1860 starb. Neben seiner polit. Wirksamkeit war B. stets als Schriftsteller thätig geblieben. In dem Werke: «Die Verfassung der Kirche der Zukunfto (Hamb. 1845) entwickelte er zuerst den freiern Standpunkt, welcher ihn mehr und mehr von seinen frühern religiösen Gesinnungsgenossen trennen sollte. Die beiden Schriften: Ignatius von Antiochien und seine Zeite (Hamb. 1847) und «Die drei echten und die vier unechten Briefe des Ignatius von Antiochieno bnor. 1847) legten für seine eingehenden kulturistor. Studien ein glänzendes Zeugnis ab. Noch viel eingreifender jedoch wirkte die Untersuchung: „(Hippolytus und seine Zeite (engl., 4 Bde., Lond. 1851; deutsch, 2 Bde., Lpz. 1852—53), der anstatt einer zweiten Auflage das umfangreiche Werk „Christianity and mankindo (7 Bde., Lond. 1855) folgte. Letzteres vereinigt eigentlich drei Werke in sich, indem es außer einer Umarbeitung der Arbeit über Hippolytus noch die lat. Analecta Ante-Nicaena und die Outlines of the philosophy of universal history as applied to language and religionp umfaßt. Die wachsende Intoleranz der auf evang. wie kath. Seite die Herrschaft anstrebenden Kreise veranlaßte die Schrift: „Die Zeichen der Zeite (2 Bdchn., Lpz. 1855; 3. Aufl. 1856), welche in Deutschland das größte Aufsehen erregte und auch ins Englische und Italienische übertragen wurde. Nachdem B. hierauf das bedeutungsvolle Werk: „Gott in der Geschichte, oder der Fortschritt des Glaubens an eine sittliche Weltordnungy (3 Bde., Lpz. 1857—-58) veröffentlicht, wovon eine franz. und eine engl. Übersetzung erschienen sind, begann er die Bearbeitung des auf neun Bände berechneten Vollständigen Bibelwerks für die Gemeindey, welches er als die Hauptaufgabe seines Lebens betrachtete, von dem er jedoch nur das Erscheinen des ersten, zweiten und fünften Bandes erlebte. Das großartige Werk ist von Holtzmann und Kamphausen in B.s Geiste und mit Benutzung seiner hinterlassenen Vorarbeiten zu Ende geführt worden (9 Bde., Lpz. 1858 —70). Cs zerfällt in drei Abteilungen, von denen die erste (4 Bde.) die Ubersetzung und Erklärung des Grundtextes enthält, die zweite sch mit der — ichtlichen Anordnung und Erklärung der Bibelurkunden und Bibeltexte beschäftigt (ebenfalls 4 Bde.), während die dritte (1 Bd.) den besondern Titel: „Bibeleschichte. Das ewige Reich Gottes und das Leben Fesu führt. Eine klare Würdigung desselben enthält Bährings Schrift: B.s Bibelwerk nach seiner edeutung für die Gegenwart beleuchtetv (Lpz. 1861 2. Aufl. 1871). Als Frucht von B.s ägypt. Studien erschien das epochemachende Werk:« yptens Stelle in der „ (6 Bde., Gotha 1844 —45). Von den kleinern Schriften B.s sind noch zu nennen: «Die Vollendung des Kölner Doms v (Augsb. 1842), «Elisabeth Frys (Hamb. 1843) und der Artikel Luthero in der Encyclopaedia Britannicah. Eine eingehende Schilderung von B.s Leben bietet die von dessen Witwe ve aßte Biographie: A memoir of Baron B.v (2 B e., Lond. 1867), welche in der von Nippold bearbeiteten deutschen Ausgabe: «Christian Karl Josias —U1½˙— von B. Aus seinen Briefen und nach eigener Anschauung geschildert von seiner Witwe (3 Bde., Lpz. 1868 —71), noch durch viele Mitteilungen aus seinem Nachlaf e bereichert wurde. Diese Mitteilungen haben seitdem in dem von L. von Ranke Friedrnh Wülde Buche «»Aus dem Briefwechsel riedrich Wilhelms IV. mit B. (Lpz. 1873) vielfache Vervollständigung erfahren. er älteste der funf Söhne B.s, Heinrich von B., geb. 1818, in England erzo en, wirkt als Pfarrer zu Donnington Rectory bei olverhampton. — Der zweite Sohn, Ernst von B., geb. 1819, preuß. Hauptmann a. D. und Kammerherr, schrieb: Die Einheit der Religionen» (Bd. 1, Berl. 1870), The chronology of the Bibles (Lond. 1874), „Biblische Gleichzeitigkeiten»(Berl. 1875).— Der dritte Sohn, Karl von B., geb. 1821, Legationsrat, wirkte als Sekretär der preuß. Gesandtschaft seit 1853 in Turin und Florenz, von wo er 1869 in gleicher Eigenschaft l nach dem V versetzt wurde. Im J. 1871 zog er sich auf seine esitzung bei Biebrich zurück. — der vierte — Georg von B., geb. zu Rom 7. Rov. 1824, erhielt seine Gymnaftalbildung in Pforta und widmete sich zu Berlin und Bonn philol., geschichtlichen und geogr. Studien. Er besuchte dann Frankreich, England und Italien. Seit Mai 1862 war B. unausgesetzt Mitglied des preuß. Abgeordnetenhauses, während der ersten drei Sessionen als Vertreter des Wahlkreises Bonn-Rheinbach, später von Lennep-Solingen und seit 1877 von Elberfeld-Landkreis (Mettmann). Im J. 1867 ward er vom Kreise Solingen in den Norddeutschen und 1871 in den Deutschen n Thäm ewählt. Infolge seiner parlamentarischen Thätigkeit hat B. in Berlin seinen dauernden Aufenthalt genommen. Seit 1876 vertritt er den Weoderz Hirschberg-Schönau im Reichstag. — Theodor von B., der jüngste Sohn, geb. 1832, war der preuß. Expedition nach Japan als diplomatischer Attache beigegeben, dann als und als erster Geschäftsträger des Norddeutschen

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 725Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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