FeedJahn (Friedr. Ludw.)
ReligionBrockhaus 1882

Jahn (Friedr. Ludw.), der sog. Turnvatero, geb. 11. Aug. 1778 zu Lanz in der Priegnitz, wo sein Vater Prediger war, besuchte 1791 95 das Gymnasium zu Salzwedel und dann kurze Zeit das zum Grauen Kloster in Berlin und studierte 1796—1802 in Halle, Göttingen und Greifswald, wo er mit Ernst Moritz Arndt in freundlichem Verkehr lebte, Theologie und Philologie. Eine Frucht dieser Studien ist die Schrift „Bereicherung des hochdeutschen Sprachschatzes, versucht im Gebiete der Sinnverwandtschaft, ein Nachtrag zu Adelungs und eine Nachlese zu Eberhards Wörterbuche (Lpz. 1806). Aus Haß gegen die Franzosen wollte er im Herbst 1806 in das preuß. Heer eintreten, erreichte dasselbe aber erst nach der Schlacht von Jena und flüchtete dann mit diesem bis Lübeck. Während der nächsten Jahre unternahm er mehrere Reisen durch verschiedene Gegenden Deutschlands, um Sprachforschungen zu machen und das Nationalgefühl zu wecken, und arbeitete an seiner Schrift Deutsches Volkstume (Lübeck 1810; 2. Aufl. 1817). Im Herbst 1809 ging er nach Berlin, wo er 1810 als Hilfslehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster und an der Plamannschen Erziehungsanstalt angestellt wurde und 1811 seine Turnanstalt in der Hasenheide eröffnete. In dem Schmerze über die Demütigung Deutschlands, insbesondere Preußens, faßte er den Entschluß, die Wiederherstellung des Volksgeistes durch die Entwickelung der physischen und moralischen Volkskraft zur Aufgabe seines Lebens zu machen. Das Mittel dazu glaubte er besonders in der Turnkunst gefunden zu haben. Gleichzeitig wirkte er auch als Schriftsteller für Belebung des deutschen Nationalsinns unter der Jugend, wodurch er nicht wenig für Erhebung des Volks in dem großen Kampfe von 1813 beitrug. Infolge eines Rufs König Friedrich Wilhelms III. ging er 1813 nach Breslau, trat in das Lützowsche Korps und wurde von hier mehrfach von dem König zu Sendungen verwendet. Mit dem Lützowschen Korps und als Führer eines Bataillons Freiwilliger nahm er an den Feldzügen von 1813 und 1814 teil und zog 1815 mit in Paris ein. Nach der Rückkehr in die Heimat hielt er seit 1817 in Berlin Vorlesungen über deutsches Volkstum und wurde vom Staate als Turnlehrer angestellt. Wie weit J. mit Wort und That bei Begründung der Burschenschaft in Jena teilnahm, ist nicht genau festzustellen, daß er aber dabei nicht ohne wesentlichen Einfluß war, ist gewiß. Durch sein freies und derbes Wesen der herrschenden Reaktionspolitik gegenüber geriet er in den Verdacht eines Demagogen, und es erfolgte die Schließung der Turnplätze. J. selbst sah sich 14. Juli 1819, als er eben einem Rufe als Professor der Geschichte nach Greifswald zu folgen im Begriff stand, als Demagog verhaftet, zuerst nach Spandau, dann nach Küstrin gebracht und hierauf 1820 vor eine Immediatkommission in Berlin gestellt. Bis zur Entscheidung als Festungsgefangener in Kolberg unter Aufsicht gehalten, wurde er 1824 zu zweijähriger Festungsstrafe verurteilt, w1825 indes freigesprochen. Dennoch untersagte man ihm, seinen Aufenthalt in einer Universitäts-oder Gymnasialstadt und innerhalb 10 Meilen von Berlin zu nehmen. Er wählte Freiburg an der Unstrut zum Aufenthaltsorte, wurde aber 1829, weil er der Jugend durch demagogische Umtriebe ein gefährliches Beispiel gegeben haben sollte, nach Kölleda verwiesen. Erst später gestattete man ihm, wieder nach Freiburg zurückzukehren, wo er auch blieb. Im Nov. 1840 erhielt er nachträglich das Eiserne Kreuz. Eine Wen unntegind erregte 1844 sein Aufruf, ihn so weit zu unterstützen, daß ihm sein Besitztum in Freiburg verbleibe. Im Frühjahr 1848 wurde J. von dem Wahlbezirk, in dem er wohnte, in die Deutsche Nationalversammlung gewählt, wo er sich zur äußersten Rechten hielt. Er starb zu Freiburg 15. Okt. 1852. Auf seinem Grabhügel daselbst wurde ihm 1859 ein Denkmal gesetzt (Bronzebüste vonSchilling), ein größeres Bronzestandbild (von Enke) 11. Aug. 1872 auf dem Turnplatze in der Hasenheide bei Berlin, auf einem Steinhügel, zu dem deutsche Turner aus allen Gauen und selbst aus überseeischen Ländern Steinblöcke sandten. Die 1863 von der deutschen Turnerschaft begründete Pensionskasse für die Hinterlassenen von Turnlehrern wurde ihm zu Ehren Jahn-Stiftung genannt. Von seinen durch kernige, freilich auch manchmal gezierte Sprache ausgezeichneten Schriften sind zu erwähnen: Runenblätters (Naumb. 1814), Neue Runenblätter⸗ (Naumb. 1828), Merke zum deutschen Volkstum⸗ (Hildburgh. 1833) und Emitlechens Tied (Lpz. 1863). Außerdem gab er mit Eiselen Die deutsche Turnkunsto (Berl. 1816) heraus. Vgl. die Biographien J.s von Pröhle (Berl. 1855; 2. Aufl. 1872), Angerstein (Berl. 1861), Diesterweg (Frankf. 1864), Rothenburg (Minden 1871), Euler (Stuttg. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 9, S. 778Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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