Camphausen (Ludolf), preuß. Staatsmann, geb. 3. Jan. 1803 zu Hünshoven im Regierungsbezirk Aachen, widmete sich, nachdem er zuerst das weilburger Gymnasium und dann die rheydter Handelsschule besucht, dem Handelsstande. In Gemeinim 5 mit einem ältern Bruder begründete er 18²⁵ ein Bankgeschäft zu Köln, wo er bald darauf Mitglied des Stadtrats und der Handelskammer sowie verschiedener gemeinnütziger Vereine wurde. In verschiedenen Schriften wirkte er als einer der er ten in Deutschland auf den Bau von Eisenbahnen in. Im J. 1841 rief er die Kölner ine poft eppschifffahrtsgesellschaft ins Leben. Seine polit. Laufbahn begann er 1843, wo ihn die Stadt Köln zu ihrem Vertreter auf dem rhein. Provinziallandtage wählte. Mehrere wichtige Anträge der rhein. Stände wurden durch ihn herongerufen, wie z. B. 1843 der Antrag auf Preßfreiheit und 1845 der Antrag auf Vollziehung der Verordnung vom 22. Mai 1815, betreffend die Bildung einer Volksvertretung. f dem ersten Vereinigten Landtage von 1847, au welchem er sich zu der konservativen Fraction der liberalen Partei hielt, beantragte er den C.war Mit-Zusammentritt dieser i war Mitglied des Vereinigten ständischen usschusses als ihn die H 29. März 1848 an die Spitze des preuß. Staatsministeriums riefen. Die demokratischen Märzverheißungen fanden Runb. in dem altliberalen Ministerpräsidenten keinen un edingten Vertreter; er geriet sofort in Kampf mit den ihm viel zu weit gehenden demokratischen Elementen. Der von Hansemann ausgearbeitete miulnverentwurf, welchen C. der Nationalversammlung vorlegte, genügte der liberalen Majorität nicht, und lasf Opposition bewog ihn, 20. Juni seine Entlassung zu nehmen. Seine polit. Wirksamkeit hörte damit jedoch nicht auf, denn Ende VII wurde er Bevollmächtigter Preußens bei der deutschen Centralgewalt. In dieser neuen Stellung vertrat er im allgemeinen das Gagernsche Programm; die Schwierigkeiten, die sich ihm dabei entgegenstellten, veranlaßten ihn jedoch, Ende April diese Stellung niederzulegen und damit aus dem Staatsdienste audzuscheiden. Als Mitglied der preuß. Ersten Kammer machte er 1849—50 seine vermittelnde Politik mit Erfolg geltend; im Volkshause zu Erfurt verteidigte er als Referent des Verfa ungsausschusses die En-bloc-Annahme der Verfassung für den Erten Deutschen Bund. In der Session der preuß. Ersten Kammer von 1850—51 gehörte er zur Opposition. Später wurde er Mitglied des preuß. Herrenhauses. Nach einer kurzen neuen Beteiligung an der Leitung des kölner Bankhauses A. und L. Camphausen gab er diesen Wirkungskreis auf und zog sich ins Privatleben zurück, um sich vorzugsweise mit astron. Studien zu be chäftigen. amphausen (Otto), Bruder des vorigen, preuß. Staatsmann, geb. 21. Okt. 1812 zu Hünsoven im Regierungsbezirk Aachen, studierte in Bonn, Heidelberg, München und Berlin Jurisprudenz und Kameralwissenschaften, trat im Herbst 1834 als Referendar bei der Bezirksregierung zu Köln ein und wandte nun, angeregt durch seinen Bruder Ludolf, auch dem Handel und der Industrie Ases Teilnahme zu. Nachdem er 1837—40 als Assessor bei der Regierung zu Magdeburg gear⸗ „beitet, wurde er nach Berlin als Hilfsarbeiter in das Finanzministerium bei der Abteilung für Etats- und Kassenwesen berufen. Im Dez. 1840 ward er die Regierung zu Koblenz, im Febr. 1842 an die Regierung zu Trier versetzt und bei letzterer 1844 zum Regierungsrat ernannt. Bald darauf wieder in das Finanzministerium nach Berlin berufen, üubernahm er die Bearbeitung der auf die Grundsteuer bezüglichen Angelegenheiten; 1845 ward er ö zum Geh. Finanzrat ernannt. C. ist der Verfasser des 1847 dem Vereinigten Landtage vorgelegten Gesetzentwurfs wegen Einführung einer Einkommensteuer sowie der dem Entwurfe beigefügten aushrlichen Denkschrift. Als Mitglied der Zweiten Kammer von 1849 und während der Legislatureriode 1850—52 sowie auch des Erfurter Volks2— von 1850 gehörte er, gleich seinem Bruder, er gemäßigt liberalen Partei an und war namentlich bei finanziellen Fragen als Berichterstatter Wat C. wurde 1854 zum Präsidenten der Seehandlung, 1860 zum Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit ernannt und nahm seitdem an den Anteil, bis er 26. Okt. 1869 an die Stelle von der Heydts mit dem Portefeuille der Finanzen betraut wurde. Das Budget Reigte damals ein Defizit von beinahe 5½ Mill. Thlrn., welches durch Zuschläge u den direkten Steuern gebeckt werden sollte. C. zog ie Zuschlagsentwürfe seines Vorgängers zurück und deckte das Defizit durch eine Verminderung der Schuldentilgung. Am 4. Nov. 1869 legte C. im Abgeordnetenhause dar: es 1e Dom ich nicht, jährlich 8—9 Mill. Thlr. auf die Tilgung von Anleihen zu verwenden, während man genötigt sei, fh alljährlich neue Anleihen unter lästigern Beingungen aufzunehmen. Viel zuträglicher sei es, im Wege eines freiwilligen Übereinkommens mit den Staatsgläubigern, und zwar durch Anerbieten einer Prämie, die esamte in den ältern Landesteilen bestehende 4½ prozentige und Aprozentige Rentenschuld Emd Täß eln. egen der Tilgung dieser Rentenschuld hätte der Staat nicht die Ver⸗ +77 zu übernehmen, im voraus Hngesehr eträge alljährlich zur Tilgung zu verwenden; vielmehr könne er mit deren Rückkauf vorgehen, wenn und soweit es seinen in die din entspreche. In diesem Sinne wurde denn die Rentenkonversion gesetzdurchgeführt. Die bedeutenden Mittel, welche dem diaum Staate aus der franz. Kriegskostenentschäigung und infolge der Rü erstattung des preuß. Kriegsschatzes und der Betriebsfonds der Militärzur Sbuld zuflossen, verwendete C. vorzugsweise zur Schuldentilgung und zum Bau productiver Eisenbahnen. Am 9. Nov. 1873 wurde er nach Roons Rücktritt zum Vizepräsidenten des preuß. Staatsministeriums ernannt und übte als folcher während der längern Beurlaubungen des Fürsten Bismarck einen hervorragenden Einfluß aus. Die agrarische und schutzzöllnerische Bewegung, welche infolge der wirt Haftlichen risis seit 1873 mehr und mehr an Boden gewann, richtete ihre Angriffe in erster Linie gegen C., dem man zum Vorwurf machte, durch allzu reichliche und schnelle Schuldentilgung den Geldmarkt überflutet und Em den Gründungsschwindel begünstigt zu aben. Trotzdem wußte C. sich auch nach dem Ru tritt Delbrücks in seiner Stellung zu behaupten, rief aber nun mißt, sind unter K aufzusuchen. dadurch, daß er sich dem Bismarckschen Reichseisenbahnprojekt und dem Plan eines weitern Ausbaues des indirekten Steuersystems anschloß, auch die Opposition der nationalliberalen Partei gegen sich wach, ohne doch bei Bismarck selbst, ber sich von der bisherigen freihändlerischen Richtung immer ent-Zu Febr. abwendete, einen festen Rückhalt zu finden. 77 1878 trat der Reichskanzler sogar, nachdem C. ha lebhaft das Tabakssteuergesetz gegen die liberale Partei verteidigt hatte, ihm offen gegenüber, indem er das Tabakssteuergesetz nur für einen Notbehelf und für einen vorbereitenden Schritt zum Tabaksmonopol erklärte. So von allen Seiten angegriffen, gab C. seine an Tirer auf und wurde am 23. März 1878 mit dem Titel und Rang eines Staatsministers entlassen. Als Mitglied des errr Sppost machte er später seinem atlihim der ebhafte position und bekämpfte namentlich in der Sitzung vom 17. Febr. 1881 den von der Regierung vorgechlagenen Steuererlaß. Fürst Bismarck trat ihm ierauf persönlich entgegen und kritisierte C.s eigene Finanzverwaltung in scharfer Weise. Namentlich warf er ihm vor, während der Zeit des finanziellen Überschusses ohne Plan und System für die Zukunft gewirtschaftet und dadurch die spätern Desizits selbst verschuldet zu haben. Die große Majorität, mit welcher der Steuererlaß hierauf vom Herrenhause angenommen wurde, zeigte C., uß der von ihm hervorgerufene Konflikt seinem Einflu im Herrenhause wesentlich geschadet habe, und veranlaßte ihn, sich bis auf weiteres aus dem Vordergrund der polit. Bühne zurückzuziehen.