FeedCancionero (span.)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Cancionero (span.), Cancioneiro (portug.), d. i. Liederbuch, nennt man eine Sammlung kunstmäßiger lyrischer Gedichte meist von mehreren Verfassern. Doch bezeichnete man anfänglich mit diesem Namen vorzugsweise die eigentlichen höfiler Liederbücher. Als nämlich nach dem Muter der ältern und jüngern Troubadourpoesie sich an den miften von Catalonien, Portugal, Aragonien und Castilien von den Königen und dem Hofadel Dider hant und gepflegte poetische Gesellschaften gebildet hatten, legte man + Sammlungen der Produkte dieser höfischen Kunst⸗ und Konversationspoesie zum Ruhm und Vergnügen der Gönner an und nannte sie C. Ein solches eigentliches höfisches Liederbuch enthält daher die Produkte einer geschlossenen poetischen Gesellschaft an einem bestimmten Hofe, die einen gemeinsamen konversationellen Charakter tragen und in ihrer Ganzheit ein vollständiges abgerundetes Bild nicht nur von der Dichtkunst, sondern auch von dem geselligen Leben und Treiben dieses höfischen Kreises überhaupt geben. Von solchen höfischen Liederbüchern im strengern Sinne ist auf uns gekommen: der galicisch-portug. Cancioneiro der poetischen I . an dem Hofe der Könige Dom Affonso III. und Dom Diniz, das einige Liederbuch, das noch echten ritterlich-höfischen innegesang im Geiste und nach dem Muster der ältern Troubadourpoesie enthält. Von dieser Sammlung gab de Moura zuerst nur den Teil eraus, welcher die dem König Diniz selbst zugeschriebenen Lieder umfaßt („Cancioneiro d'el-rei Dom Dinizv, Par. 1847); nachdem dann später F. A. de Varnhagen einen Teil aus der in der Bibliothek des Vatikans befindlichen Handschrift «Cancioneirinho de troxas antigas v (Wien 1870) veröffentlicht hatte, erschien 1876 der ganze Kodex in diplomatischem Abdruck von Ernesto Monaci (II Canzoniere Portoghese della Biblioteca Vaticana, Halle) und 1878 in einer von Theophilo Braga kritisch veränderten Textgestalt zu Lissabon (4Cancionero Portuguez da Vaticanap). Ein anderes Manus kript desselben Liederbuchs ward bald darauf entdeckt und 1880 wurden alle Inedita desselben von Monaci herausgegeben (&II Canzoniere Portoghese Colocei-Brancutiv, Halle 1880). Eine weitere Ergänzung dazu bildet der «Cancioneiro da Ajudao, von dem F. A. de Varnhagen bereits 1819 einen Ke unkritischen Abdruck besorgt hatte unter dem itel Trovas e Cantares ou antes 0o Livro das ner ist erhalten die Liedersammlung vom Hofe der Könige Johann II. und Emanuel von Portugal (bekannt unter dem Namen des Cancioneiro geral de Garcia de Resendev, herausg. von Resende, Almeirim 1516; Abdruck von Kaußler, 3Bde., Stuttg. 1850—51). Von der der toulouser Meistersingerschule nachgebildeten poetischen Gesellschaft (Con-Sistorio de la gaya ciencia) am Hofe von Aragonien unter König Ferdinand I. und seinen unmittelbaren Nachfolgern haben sich nur handschriftlich erhalten der Cançoner d'amoro auf der pariser Nationalbibliother und ein ähnlicher auf der Universitätsbibliothek von Saragossa, beide fast durchaus in catalon. Sprache und Lieder nach dem Muster der spätern zünftigen Troubadourpoesie von Toulouse enthaltend. Das älteste castilische und einzige eigentlich höfische Liederbuch Castiliens ist der Cancionero de Baenas, der die Produkte der poetischen Gesellschaft am Hofe der Könige Johann I., Heinrich III. und vorzüglich asche, I. von Castilien enthält, teils noch in galicischer, zum größten Teile aber schon in castil. Sprache nach dem Muster der spätern Troubadourpoesie abgefaßt, aber in volkstümlichen Rhythmen und Maßen (herausg. von Gayangos und Pidal, Madr. 1851; von Michel, 2 Bde., Lpz. 1860). Von derselben Art, doch bedeutend weniger mm. Deselo⸗ ist das am Hofe Alfons' V. von Neapel um dieselbe Zeit entstandene Cancioneiro de Lope de Stünigas (Madr. 1873). Als sich diese Art Kunstpoesie später in immer weitern Kreisen verbreitete, begannen Liebhaber derselben, aber nicht mehr bloß im Auftrage und zum Vergnügen geschlossener höfischer Gesellschaften, sondern zu ihrem eigenen und dem gleichgesinnter Freunde, ähnliche Sammlungen anzulegen, die sie auch C. nannten. Sie benutzten dabei wohl die ältern eigentlichen höfischen Liederbücher, beschränkten sich aber nicht bloß auf einen bestimmten poetischen Kreis, ja nicht einmal auf eine strenger abgerenzte Periode, sondern nahmen ohne Rücksicht der Zeit und des Ortes und ohne strenge Sonderung alles auf, was von dem Frühern no gangbar und beliebt war, sowie auch das, was von den neuesten Erzeugnissen allgemeinen oder ihren besondern Beifall gefunden hatte. Daher tragen die dieser Art einen rein litterarischen Charakter und sind oft sehr bunte Mischsammlungen, die sich über mehr als ein bandschritli erstrecken. Solcher C. sind mehrere handschriftlich vorhanden aus der zweiten Hälfte des 15. und dem Anfang des 16. Jahrh. auf den Bibliotheken von Madrid, Paris u. s. w. (Auszüge daraus in Gallardos Ensayo de una Biblioteca espauola, Bd. 1, Madr. 1863); viele aber sind gedruckt. Die älteste derartige Mischsammlung ist der „Cancionero generalo, der zuerst von Juan Fernandez de Constantina angelegt, seit Ende des 15. Jahrh. gedruckt und dann durch Fernando de Castillo vermehrt und weiter gefuhrt ward. Das Wert des letztern erschien zuerst 1511 zu Valencia in Druck und wurde im Laufe des Jahrhunderts mehrfach in Spanien und Antwerpen aufgelegt. Dieser bekannte, von allen Litterarhistorikern erwähnte Cancionero generaly enthält in bunter Mif ung Produkte der castil. Kunstpoesie von den Zeiten Joscrede II. bis zu denen Karls V. Der von den verchiedensten Seiten gefaßte Plan, aus all den alten „Cancioneros generales o einen großen neuen zusammenzustellen, ist immer noch nicht zur Ausführung gekommen. Zuweilen führen auch die Sammlungen der Werke eines einzelnen Dichters den Titel Cancionero, wie z. B. von Enzina, Montesino u. s. w. Das Liede Beispiel solcher Cancioneross ist das große Liederbuch des Königs Alfons des Weisen von Castilien. Manchmal nennt man auch Sammlungen von Kunstliedern mehrerer Dichter über einen bestimmten Gegenstand „Cancioneron, wie die Vita Christiz (Sarag. 1492), den «Cancionero de Ramon Dellavias (Sarag. 1489). Uneigentlich aber nennt sich eine der ältesten Namanzenanmiun en Cancionero de romancesv. Vgl. Bellermann, Die alten Liederbücher der Portugiesen⸗ (Berl. 1840); Wolf, «über die Liederbücher der Spaniero,‚ im 10½ zu Ticknors 4 2 derie der span. Litteratur (Bd. 2, Lpz. 1852); derselbe, Studien zur üt, sind unter K aufzusuchen. Geschichte der span. und portug. Nationallitteratur (Berl. 1859) 06 »über die erste portug. Kunst⸗ und Hofpoesies (Bonn 1863).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 3, S. 899Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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