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GeschichteBrockhaus 1882

Chambord (Henri Charles Ferdinand Marie Dieudonneé von Artois, Herzog von Bordeaur, Graf von), Vertreter des ältern Hauses Bourbon (f. d.) und der Ansprüche desselben auf den Thron von Frankreich, der Enkel Karls X., der Sohn des 13. Febr. 1820 durch Louvel ermordeten Herzogs von Berri (s. d.) und der Prinzessin Karoline Ferdinandine Luise von Neapel, wurde 29. Sept. 1820 zu Paris geboren. Sein Vater, auf dem, bei der Kinderlosigkeit von dessen älterm Bruder, dem Dauphin, Herzog von Angouléme (. d.), die Tode setzung des Hauses beruhte, hatte ei seinem Tode nur eine Tochter hinterlassen. Um so erwünschter war es für die bourbonistische Partei, als die Witwe sieben Monate nach ihres Gemahls Tode noch einen Prinzen gebar. Derselbe erhielt den Titel Herzog von Bordeaur. Das Ministerium Richelieu wollte dem Prinzen, dem Kinde von Frankreicho, die Domäne Chambord im Namen der Nation ankaufen, mußte jedoch, da sich zahlreiche Stimmen erhoben, welche denselben als ein illegitimes oder untergeschobenes Kind bezeichneten, infolge des Widerspruchs der öffentlichen Meinung davon abstehen. Es bildete sich daher ein Verein von Legitimisten, der die Domäne erwarb und sie dem Prinzen am Tauftage (1. Mai 1821) schenkte. Als Karl X. in der Julirevolution von 1830 die Krone niederlegte, geschah dies zu Gunsten seines Enkels; zugleich verichtete auch der Herzog von Angouléme auf sein orrecht zu Gunsten des Neffen. Die Errichtung des Bürgerkönigtums 925 die Verbannung der ältern Bourbonen zur Folge. C. wurde am Hofe seines Großvaters zu Prag, unter dem Einflusse des beschränkten Angouléme und dessen Gemahlin, in ultramontanen und absolutistischen Grundsätzen erzogen. Der Prinz, dessen Erziehung wesentlich Baron Damas leitete, erhielt auf Karls X. Betrieb zwei Jesuiten aus Rom zu Untererziehern, welche aber dald durch Militärs ersetzt wurden, erst durch den General d'Hautpoul, dann durch Latour-Maubourg. Infolge der Familienzwiste der verbannten Bourbonen wurde die Legitimistenpartei zerspalten und zunächst politisch ganz hrgein ein Karl X nahm in einem Anfalle von Ehrgeiz seine Thronentsagung zurück und ließ sich von seinen nächsten wuährendel (Karlisten) königl. Ehren erweisen, während eine zweite Partei die Rechte Angoulémes, eine dritte (Henriquinquisten) die des jungen Herzogs von Bordeauxr oder Heinrichs V. verfocht. Nach dem 1836 erfolgten Tode Karls X. ließ sich der Herzog von Angouleme von seinem Hofe als Ludwig XIX. huldigen, wogegen eine andere Fration den Herzog von Bordeaur zum König erklärte. Der Einfluß des Fürsten Metternich brachte eine Aussöhnung zwischen den Gliedern der Familie zu Stande, die seit 1838 zu Görz 11 gemeinsamen Aufenthalt nahm. Der Prinz folgte 1839 seiner Mutter nach Italien, wo ihn die kleinen Höfe, besonders aber Gregor XVI., mit großer uszeichnung empfingen. In demselben Jahre fiel ihm durch den Tod des Herzogs von Blacas eine Erbschaft von mehr als 4 Mill. Thlrn. zu, sodaß er nun mit äußerm Glanze auftreten konnte. Bald belebte auch die europ. Verwickelung von 1840 die Partei des Prinzen mit kühnen ½½½ die jedoch die Friedenspolitik Ludwig Philipps sehr schnell wieder zunichte machte. Kurz vor dem leben des Herzogs von Angouléme einigten sich 1843 die Häupter der verschiedenen legitimistischen ate uw zu einem gemeinsamen Huldigungsakte, . welchem Zwecke der von Bordeauz nach England reiste. Diese sog. Pilgerfahrt nach Belgrave-Square führte 1 einem andern Resultat, als daß der Prinz erklärte, er wolle keine gewaltsame Bewegung in Frankreich hervorrufen, sondern erst dann persönlich auftreten, wenn sein Erscheinen eine Notwendigkeit sein werbe. Am 16. Nov. 1846 vermählte er sich mit der Prinzessin Marie Therese Beatrir Gabtana (geb. 14. li 1817), der reichen Schwester des Herzogs von Modena. Der Vereinigungspunkt der Familie ward hierauf die Herrschaft Frohsdorf ( roschdorf bei Wien), wo die Herzogin von Angouléme Ni 18⁴⁴ wohnte, und die nach deren Tode (1851 in den Besitz des Prinzen überging. Nach der franz. Revolution von 1848 entwickelte e die Legitimistenpartei die größte Rührigkeit, gelangte auch zahlreich in die franz. Nationalversammlung, unterstützte aber vorderhand die Präsidentschaft Ludwig Bonapartes. Im Sommer 1849 erschien der Graf von C. zu Ems und im Aug. 1850 zu Wiesbaden, an welchen Orten sich um t die hervorragendsten seiner Anhänger versammelten, um gemeinsamen Rat wegen ihrer fernern Rersa Bestrebungen zu halten. Eine förmliche Verschmelzung (Fusion) der altbourbonischen Partei mit den Orléanisten, auf welche die Politiker beider Parteien drangen, kam aber nicht zu Stande, und auch als sich 1853 9101 Glieder der Familie Orléans geneigt zeigten, die Rechte Cis anzuerkennen, scheiterten die Unterhandlungen an der entschiedenen Weigerung der Herzogin von Orléans. * Nach dem Sturze des zweiten Kaiserreichs stand indes eine legitimistische Restauration in naher Aussicht, da die 8. Febr. 1871 stattgehabten Wahlen zur franz. Nationalversammlung eine überwiegend altbourbonische und orlzanistische Majorität ergeben hatten. Die Prinzen des Hauses Orléeans kehrten aus ihrer Verbannung nach Frankreich zurück, und C. bezog zu einem längern Aufenthalte sein Schloß Chambord; die Nzene der beiden Linien des königl. Hauses von Frankreich traten in Unterhandlungen wegen der Fusion derselhen. Da erließ C. 5. Juli 1871 ein anifest, worin er die rmißt, sind unter K aufzusuchen. franz. Trikolore zurückwies und erklärte, daß er an er Weißen Fahne Heinrichs IV. festhalten müsse. Mit dieser allgemein Anstoß erregenden Proklamation war die Fusion ebenso hinfällig geworden als die Aussichten auf eine Wiederherstellung der legitimen Monarchie. C. kehrte nach Frohsdorf zurück. Nach dem im Mai 1873 Weriur Sturze des Präsidenten Thiers wurde der Versuch der Fusion wiederholt, indem der Graf von Paris 5. Aug. dem Grafen von C. auf Frohsdorf einen Besuch abstattete und demselben die Stellung als Chef der gesamten königl. Familie und als alleiniger Prätendent für den franz. Königsthron im Namen des orléanistischen Zweigs des Hauses zuerkannte. Die Vorbereitungen zur Einsetzung des Grafen von C. als König Heinrich V. gingen nun rasch und mit iemlicher Aussicht auf Erfolg von statten. Nach⸗ —1— dieser Erfolg bereits gesichert schien, veröffentlichte jedoch C. 27. Okt. 1873 ein Manifest, worin er eine bedingungslose Unterwerfung verlangte und Perfan in der Fahnenfrage wie in Bezug auf die erfassung eine bindende Erklärung vorher abzugeben sich entschieden weigerte. Dadurch war auch der zweite Restaurationsversuch an dem Starrsinn C.s gescheitert. Ahnliche Manifeste wiederholten sich in den J. 1874 und 1877. Die legitimistische Partei hatte seitdem keine Erfolge mehr aufzuweisen, und die im Jan. und Febr. 1876 stattgefundenen Senatoren⸗ und Deputiertenwahlen brachten ihr vollends eine empfindliche Niederlage. Bei den Abgeordnetenwahlen von 1877 und 1881 sank der Präsenzstand dieser Partei immer tiefer herab. Die Che des Grafen ist kinderlos geblieben.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 171Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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