FeedChirurgen
HeilkundeBrockhaus 1882

Chirurgen, darunter Lisfrane, Guérin, Sedillot, Malgaigne, Roux, Velpeau, Nelatan, Chassaignac. In England entfaltete sich seit Astley Cooper die C. unter der Pflege von Liston, Fergusson, Guthrie, Davies, Erichsen u. a. In Deutschland entwickelte sich nach den Freiheitskriegen die C. hauptsächlich durch Rust (1774 — 1840), Gräfe (1787 — 1840, Fricke, Walther (17821849), Wattmann, C. J.M. Langenbeck, Chelius, Textor, Blasius u. a. Durch die Wirksamkeit dieser und anderer Männer als klinische Lehrer bildete sich Nale der h. eine große Anzahl tüchtiger Schüler. Viele der letztern schingen bald selbständige Wege ein und förderten vorzugsweise bestimmte Felder in der chirurg. Kunst. So erweiterte der erfindungs⸗ und erfahrungsreiche Dieffenbach das Gebiet der Operationslehre, und Männer wie Stromeyer, B. Langenbeck, Heyfelder, Schuh, Bruns, Ried, Wernher, Bardeleben, Roser schlossen sich ihm an. Sie förderten die C. zunächst dadurch, daß sie ihr mehr und mehr die Anatomie als Grundlage anwiesen (die anatomische C.), dann daß sie immer mehr neue mechan. Kräfte und Werkzeuge in Anwendung brachten. Hatte man einerseits zahlreichere Operationsmethoden ersonnen, so war man doch auch andererseits bestrebt, die Grenzen des operativen Eingriffs möglichst einzuschränken. Insbesondere wiesen Stromeyer und dessen Anhänger darauf hin, daß man sich hüten müsse, einer schon bestehenden Verletzung durch operatives Eingreifen eine neue hinzuzufügen, namentlich da, wo die Natur selbst noch Hilfe schaffen kann. Der humane Sinn der Neuzeit machte sich in der C. vor allem in dem Bestreben geltend, Mittel aufzusuchen, durch welche der Verlust von Gliedern in vielen Fällen vermieden werden kann, wo man früher amputierte. Man nennt diese chirurg. Kunst, Gliedmen zu erhalten, die konservative C. Beispielsweise zeigten Tertor und Stromeyer, daß es seht häufig gelinge, kranke Knochen nur durch Resektion (s. d.) zu entfernen, wo man es bisher für nötig hielt, das ganze Glied abzunehmen. Während der operativen C. der Neuzeit fort und fort Bereicherungen zuflossen, wurde für sie die Einführung der schmerzstillenden Mittel durch Entdeckung der Wirkung der Schwefeläther- und Chloroformeinatmungen wahrhaft epochemachend. (S. Anästhesieren.) Der humane Fortschritt unserer Zeit zeigte sich auch darin, daß man auf Grund der Erfahrungen, welche in den neuern Feldzügen und Kämpfen hinsichtlich der ärztlichen Verpflegung der Verwundeten gemacht waren, daran ging, einen Teil des ausgedehnten Gebiets der Militärchirurgie, nämlich die Einrichtung des Sanitätswesens der Heere, zeitgemäß reformieren. Diese Bestrebungen fanden ihren Ausdruck in den Beratungen eines internationalen Kongresses, welcher auf Anregung Dunants und Appias im Okt. 1863 zu Genf zusammentrat, um neue Hilfsmittel für Verwundete anzugeben, wo der bisher eingeführte Sanitätsdienst der Armeen nicht ausreichte. (S. Genfer Konvention.) Von besonderer Wichtigkeit sind die Neuerungen, welche der amerik. Bürgerkrieg in der Art und Beschaffenheit der Krankenhäuser angebahnt hat. Schon lange hatte man bemerkt, daß die Sterblichkeit der Verwundetenselbst in anscheinend gut eingerichteten Anstalten größer war, als man sie nach der Beschaffenheit der Verletzungen erwarten sollte. Besonders galt dies von Schußverletzungen, sodaß im 15. und 16. Jahrh. lange Zeit allgemein angenommen wurde, daß bei der Schußverletzung, abgesehen von der mechan. Zerreißung und Zertrümmerung der organischen Teile, as Pulve eine Vergiftung, wie man meinte durch das Pulver, und eine Verbrennung durch die Kugel, von der man fälschlich voraussetzte, daß sie nahezu Ruhend in den Körper einschlage, einträte. Diese Annahmen sind längst rmißt, sind unter K aufzusuchen. aufgegeben, aber die Thatsache, daß Schußverletzte, in größerer Anzahl in Hospitälern ktsomrerens eine außerordentlich ungünstige Mortalitätsziffer ergeben, blieb, nur ihre Erklärung hat sich verändert. Die jetzt herrschende Ansicht geht dahin, daß diese Sterblichkeit bedingt ist durch Schädlichkeiten, die sich in größern Anstalten entwickeln, anhäufen, der Luft mitteilen, und die dann teils durch Einatmen, teils durch das Eindringen in offene Wunden sich den Krantheiten solcher Anstalten mitteilen. Zu den Krankheiten, die auf diese Art hervorgerufen werden, rechnet man die Art des Eiterungsfiebers, welche den Namen Pyämie (s. d.) erhalten hat, den Hospitalbrand, die purulente Infiltration (Pirogow), das wandernde Rotlauf der Verwundeten u. s. w.; man bezeichnet deshalb diese Krankheiten wohl auch als accidentelle Wundkrankheiten, d. h. als solche, welche zufällig zu einer Wunde hinzutreten können, dann erst auch den Tod herbeiführen, der von der Wunde an sich nicht zu erwarten gewesen wäre. Die Quelle der Schädlichkeiten, welche diesen Krankheiten zu Grunde liegen, sucht man allgemein in den Zersetzungsprozessen organischer Substanzen, vor allem der Wundsekrete. Diese Zersetzungsprozesse werden nach den Untersuchungen Pasteurs u. a. durch mikroskopische Pilze angeregt, deren Keime namentlich aus der Luft zu den organischen Stoffen (Wundsekreten) gelangen und von den ausgetrockneten zersetzten Substanzen aus wieder in die Luft ilsvendios sodaß sie als feinster Staub in der Luft suspendiert, vermöge ihrer giftigen Eigenschaften je nach ihrer spezisihen Natur diese oder jene aceidentelle Wundkrankheit hervorzurufen im Stande sind. Vorkehrungen, welche die Luft in den mit Verwundeten belegten Räumen von den Emanationen organischer Substanzen möglichst rein zu erhalten im Stande sind, werden daher das Auftreten der accidentellen Wundkrankheiten wenn nicht ganz verhindern, so doch auf ein ganz geringes Maß zurückführen. Obwohl diese Düwohl schon lange allgemein bekannt war und obwohl man schon lange wech verschiedenartige Ventilationssysteme, durch weckmäßige Einrichtung der Aborte, durch Festnelung eines reichlichen Raumquantums für jeden einzelnen Kranken, die für Heilung von Wunden und sonstigen Krankheiten (da bei allen Krankheiten die Reinheit der Luft eine wichtige Rolle spielt) günstigsten Bedingungen hencen 5och bemüht war, so haben diese Bemühungen doch erst im amerik. Bürgerkriege im großen und ganzen eine feste Gestalt gewonnen: in den sog. Barackenspitälern. (S. Baracke und Barackensystem.) Neben diesen Bestrebungen, den Ablauf schwerer Wunden durch zweckmäßige Einrichtung der Hospitäler günstig zu gestalten, ging eine andere Reihe von Versuchen, welche die Wunde selbst zum Objekt ihres Angriffs machte. Sind von zersetzten organischen Stoffen stammende mikroskopische Pilze an einer Verderbnis der Wunden schuld, so muß es nützlich sein, diesen ganz und gar den Zutritt zur Wunde zu verwehren, oder dieselben, wenn sie bereits in die Wunde eingedrungen, zu zerstören. Dies sind die Voraussetzungen diefer neuen Versuche, aus denen die durch Joseph Lister (s. d.), Dandtund Methode der antiseptischen Wundbehandlung hervorgegangen ist, welche in England sowohl als namentlich in Deutschland mit dem größten Erfolge die ausgedehnteste Anwendung gefunden hat. Von technischen Fortschritten der neuesten Zeit sind namentlich hervorzuheben die Entwickelung der Laryngoskopie und Laryngochirurgie, d. i. die Erkenntnis der Kehlkopfkrankheiten mit Hilfe des Kehl— Vehandlun (Garcia, Czermak) und deren operative Behandlung unter Leitung des Spiegels (Türck, von Bruns u. a.); die Galvanokaustik(Middeldorpf), welche darin besteht, daß man mit galvanisch glühend gemachten Instrumenten von Platina Operationen auf unblutige Weise ausübt; die Ovariotomie, d. h. die Ausrottung entarteter Eierstöcke, eine Operation, die zuerst in England zur technischen Ausbildung und allgemeinen Anwendung gelangte (Spencer Wells), jetzt aber auch allgemein auf dem Kontinent geübt ist. Die plastische C. wurde durch verschiedene Methoden bereichert, namentlich von Simon, Thiersch und Reverdin. Die Technik der Militärchirurgie, in Bezug auf Verband und Operationen, hat besonders in Deutschland namhafte Vertreter, wie Stromeyer, Langenbeck, Esmarch, Fischer, Neudörfer u. a. Die operative Technik im allgemeinen erfuhr eine sehr wesentliche Verbesserung durch das von Esmarch eingeführte Verfahren zur Herstellung einer künstlichen Blutleere an den Teilen, an welchen zu operieren ist. (S. Blutarmut.) Unter den vielen bedeutenden Chirurgen der Neuzeit, denen die C. wichtige Arbeiten verdankt, sind außer den schon genannten noch anzuführen: Billroth, R. Volkmann, Wilms, Pitha, Uhde, Linhart, Passavant, Port, Heine, Heineke, Thiersch, B. Schmidt, Wagner, Hüter, Braune, Lücke, Socin, Rose, Bergmann, Czerny, Koenig, Kocher, Schönborn, Trendelenburg, Bose, Schede u. a.; in Sachen des Militärsanitätswesens Löffler, Roth u. s. w., ganz abgesehen von den engl., amerik., franz., ital. und russ. Chirurgen. Das Gebiet der C. it schwer zu begrenzen. Es charakterisiert sich hauptsächlich dadurch, daß es durch mechanisch wirkende Mittel Heilung herbeizuführen sucht. Diese mechanisch wirkenden Mittel sind teils Manipulationen, teils Apparate und Verbände, teils operative Eingriffe. anipulationen (Manualoperationen) werden z. B. bei der Einrichtung von Brüchen und Verrenkungen, bei der Beseitigung von Gelenksteifigkeiten angewandt. Von Apparaten und Verbänden macht die C. noch häufiger Gebrauch, und zwar um die Teile gehörig zu lagern, zu schützen, zu bedecken, zu vereinigen, sie unbeweglich festzustellen, sie einem dauernden Zug auszusetzen u. w. Die Lehre von den Verbänden und Bandagen nennt man Desmologie. Endlich sucht die C. noch durch operative Eingriffe zu heilen, bei welchen sie unter die Körperoberfläche eindringt, um die Teile zu trennen oder zu vereinigen, sowie das Krankhafte zu zerstören. Zu diesen Operationen braucht man meist Instrumente (Messer, Scheren, Zangen, Sägen u. s. w.), daher nennt man sie auch Instrumentaloperationen. Bei den meisten dieser Eingriffe fließt Blut, weshalb man sie auch als blutige Operationen bezeichnet. Von diesen Operationen handelt die Operationslehre (Aki urgie), zu der auch die Instrumentenlehre Akologie) gehört. Das Gebiet der C. umfaßt also alle diejenigen Krankheiten, welche einer mechan. Behandlung zugänglich sind. In neuester Zeit hat jedoch auch die innere Medizin, z. B. bei Magenkrankheiten, von mechan. Mitteln vielfach Gebrauch gemacht „Die CS beschäftigt sich namentlich mit den Wunder (Entzündungen, Eiterungen, Wundkrankheiten, Wund- und Eiterfiebern), den Geschwüren, dem rmißt, sind unter K aufzusuchen. Brande, den Geschwülsten, den Verkrümmungen und Verwachsungen, den Knochen⸗, Gelenk⸗, Gefäß-d und Muskelkrankheiten, den Krankheiten der Mund⸗, Rachen⸗ und Nasenhöhle, des Kehlkopfes, der Schild-e drüse, des Mastdarms, der Harn⸗ und Geschlechtsorgane. Einzelne Gebiete der C. haben sich in neuester Zeit als Spezialfächer abgetrennt; so die Augen- und Ohrenheilkunde, die Gynäkologie. Die Ope⸗( rationslehre handelt von den kleinern Operationen (dem Schnitt, der Naht, dem Abbinden, Schröpfen, Aderlassen, Blutegelsetzen, der Kauterisation, Akupunktur, Transfusion, dem Impfen u. s. w.) und von größern (Amputationen, Exartikulationen, Resektionen, Erxstirpationen u. s. w.). Diejenigen Operationen, durch welche durch Mangel oder Zer-H1 störung von Teilen mißgestaltete Organe des menschlichen Körpers mittels Verpflanzung organischer Substanz an die defekte Stelle wiederhergestellt werden, behandelt die plastische C. oder Anaplastik. Zu dieser gehört beispielsweise die Lippenbildung oder Chiloplastik, die Augenlidbildung oder Blepharoplastik, die Nasenbildung oder die [! Kunst, verstümmelte Nasen wiederherzustellen (Rhi-Litteratur. Sprengel, «Geschichte der C.v (2 Bde., Halle 1805—19); Bernstein, Geschichte der C.v (2 Bde., Lpz. 1822—23); Gründer, Geschichte der C. und des chirurgischen Standeso (in Pitha und 16.5.— Handbuch der allgemeinen und speziellen Co, Bd. 1, Erlangen 1865, und in Billroth und Lückes «Deutsche C.y, Lfg. 1, Stuttg. 1879); Wernher, «Handbuch der allgemeinen und speziellen C.y (4 Bde., Gießen 1846—57); Emmert, „Lehrbuch der C.v (2. Aufl., 4 Bde., Stuttg. 1850 -67); Stromeyer, „Handbuch der C.v (2 Bde., Freiburg i. B. 1844—68); Pitha und Billroth, Handbuch der allgemeinen und speziellen C.v (Stuttg. 1865 — 81); Hüter, Die allgemeine C.v (Lpz. 1873); Bardeleben, 4Lehrbuch der C. und Operationslehrev — Aufl., 3 Bde., Berl. 1879—8ʃ); Roser, Handuch der anatomischen C.v (7. Aufl., Tübing. 1875); Billroth, Die allgemeine chirurg. Pathologie und Therapier (10. Aufl., von v. Winiwarter, Berl. 1882); König, Lehrbuch der speziellen C.v (3. Aufl., Berl. 1881); Albert, «Lehrbuch der C. und Operationslehrey (2. Aufl., 4 Bde., Wien 1881); Billroth und Lücke, «Deutsche C.y (19 Lfgn., Stuttg. 1879 —82); Hueter, «Grundriß der C. (2 Bde., Lpz.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 4, S. 312Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Heilkunde 6