Chirurgie (grch.) nennt man ursprünglich die Kunst, äußere Schäden vorzugsweise +7 äußere, mit der Hand applizierbare Mittel zu heilen. Da nun als äußere Schäden besonders die Wunden im weitern Sinne betrachtet wurden, so erhielt dieser Teil der Heilkunst auch den Namen Wundarzneikunst. Eine strenge Sonderung derselben von der sog. innern Medizin, die sich mit Heilung der innern Krankheiten vorzugsweise durch Arzneimittel und Diät beschäftigt, ist weder wissenschaftlich noch praktisch durchführbar. Arzt und Chirurg sollten immer möglichst in einer Person vereinigt sein, und waren es auch wohl in den ältesten Zeiten, z. B. bei den Indern und Arabern, sowie bei den Griechen. Der Mangel an ausreichenden anatom. Kenntnissen gestattete den Arzten des Altertums keine bedeutenden äußern Eingriffe in den Organismus, obschon es auch damals einzelne Operateure gegeben hat. Erst als mit Aristoteles das anatom. Studium aufzuleben begann, das in Alexandria seine Blüte erreichte, wurde die C. kühner. Man suchte nun immer häufiger durch absichtlich mit kunstgerecht geführtem Messer gemachte Schnitte, welche selbst tief in das Innere drangen, sowie durch Maschinen und Verbände aller Art den Kranken von den verschiedensten Leiden zu befreien. Nicht alle Arzte hatten aber dazu Geschick, und so zerfiel das Heilpersonal in Therapeuten (Arzte) und Chirurgen, ohne daß jedoch eine strenge Absonderung dieser Heilgebiete erfolgte. Die C., deren Name sich mit jener Trennung fand, wurde, wie die Anatomie, auf die sie sich vorzugsweise stutzt, namentlich in der zu Alexandria blühenden Gelehrtenschule mit Enthusiasmus Phlore Indes blieb keine der Schriften, worin Philorenos, Gorgias, Sostratos, Heron, Apollonios, Ammonios, Tryphon, Meges, Antyllos, Philagrios u. s. w. ihre Erfahrungen niederlegten, erhalten, sondern nur Bruchstücke und Auszüge, wie sie Celsus, Galenus, Äötius, Paul von Ägina und 90chrer mitgeteilt haben. Die Römer scheinen trotz ihrer Kriege sich wenig um die Ausbildung der C. verdient gemacht zu haben. Archagatus, welcher die griech. Kunst nach Rom brachte, verdiente sich bloß den Namen eines Carnifer (Schinder), und nur Celsus dürfte etwas mehr als bloßer Kompilator gewesen sein. Bei den Arabern widerstrebten Neigung und Religionsansichten der operativen C. Gering ist daher auch der Gewinn, welchen die C. aus den Schriften der arab. Ärzte ziehen kann, wenn das ihnen von den Griechen Überlieferte abgerechnet wird. Doch wurden sie die Mittelspersonen, welche, wie die geistige Bildung 3Rednnge so auch die medizinisch-chirurgische dem in tiefen geistigen Schlummer versunkenen Europa überbrachten. Während des Mittelalters versank die C. wieder Möuche in ihre Kindheitsperiode. Nur wenige önche und Juden, welche die einzigen Förderer der Medizin jener Zeit waren, und einzelne herumziehende Zahnbrecher, Steinschneider, Bruchschneider, Staroperateure u. dgl. wagten bedeutendere operative Eingriffe. Geringere Operationen, wie Schröpfen und Aderlassen, übten die Bader und Bartscherer, die als die Handlanger der Arzte betrachtet wurden. Allmählich suchten sich jedoch diese Handlanger als praktische Chirurgen zu emanzipieren. Bereits 1271 wurde das Kollegium der Chirurgen zu Paris gegründet, welches durch den Eintritt Lanfranchis (1295) eine festere Stütze erhielt und von da an Frankreich den Ruhm sicherte, das Vaterland der neuern C. zu sein. Die Einführung der Feuerwaffen mußte natürlich der Behandlung der Wunden eine andere Richtung geben. Noch mehr aber förderte das erwachte Studium der Zergliederungskunst die Ausbildung der C. im allgemeinen, zumal da die praktische Seite der Anatomie, die Sektionen und das Präparieren der Leichname, allein den Chirurgen zufiel. In Frankreich glänzen als ältere Vertreter der C. die Namen Guy von Chauliac (um 1350), Paré (1509—90), Guillemeau (1550—1612), Garengeot (1688175, de la Motte (1655 —1703), Morand (1697—-1773), Quesnay (1694—1774), Louis (1723—92), J. L. Petit, Ledran u. s. w. Das äußere Ansehen der Chirurgen wie die Wissenschaft selbst förderte wesentlich die Stiftung der Acadéèmie de Chirurgie durch die Bemühungen des unermüdlichen de la Peyronie 1731. Desault (1744 —95) endlich wurde der Schöpfer der chirurg. Anatomie, der Begründer der wissenschaftlichen Höhe der C., die sie im 19. Jahrh. erlangte. Die fortwährenden Kriege seit der Revolution trugen wesentlich zur Entwickelung der C. bei, die schließlich auch die innere Heilkunde im Erfolge überflügelte. Sabatier, Perey, Boyer, Delpech, Larrey, vor allen Dupuytren sind in Frankreich die gefeierten Namen der neuern Zeit. In Italien, der Wiege der modernen Wissenschaften, vermochte die C. nicht mit den Bestrebungen der Franzosen Schritt zu halten. Doch sind auch hier gefeierte Namen zu nennen, wie Saliceto (1470), Cerlata (1480), im 16. Jahrh. Vigo, Benivieni, Maggi, de Romanis, Ferri, Vido Vidius, della Croce, Tagligcozza und besonders Fabrieius ab Aquapendente. Namentlich im 17. Jahrh. war der Anteil der Italiener an der Ausbildung der C. gering, bedeutend dagegen im 18. Jahrh., wo Molinelli (1702—64), die beiden Nannoni in Florenz, Palluci, Bertrandi (1723 — 65), Flajani in Rom (1741—1808), Paletta in Maimißt, sind unter K aufzusuchen. land (1790), Assalini (1792), Vacca Berlinghieri, vor allen aber der um die Hernien und Aneurismen hochverdiente Scarpa (1750—1824) sich auch einen Namen jenseit der Alpen erwarben. In England wurde erst spät ein wissenschaftliches Interesse für die C. rege, aber bald auch das Versäumte nachgeholt. Die Reihe der trefflichen Chirurgen eröffnete hier im 18. Jahrh. cheselden (1688 - I1752), dem sein Schüler Sharp, ferner Monro, Pott, William und John Hunter, Benj. Bell, Alanson, Keate, Pearson, Carle, Abernethy, Latta u. a. folgten. Im 19. Jahrh. glänzen die Namen Home, Lawrence, Hey, Ch. Bell, Hodgson, Travers, Howship⸗ Sam. Cooper und vor allen Astley Cooper (f. d.), welche sämtlich in der Anatomie ein sicheres Fundament suchten und fanden. Der Anteil, welchen Schweden und Dänemark an der Entwickelung der C. nahmen, ging im allgemeinen aus den Verdiensten Acrels und Callisens hervor. Rußland verdankt bisjetzt fast alles den Bemühungen deutscher Gelehrten. Umfangreicher ist die Geschichte der C. in Holland, wo im 17. Jahrh. Barbette, Palfyn, van der Wyl, Blancaard, Solingen, van Horne und Nuck durch Schrift und That sie zu fördern suchten. Im 18. Jahrh. zeichneten sich nach van Geßcher besonders Camper, Sandifort, Bonn u. a. aus. In Deutschland blieb die Ausbildung der C. länger als in den andern Ländern urück. Nur oaen d. chneider, Zahnbrecher und Starsecher durchzogen das Reich, sodaß bis in die neuere Zeit hinein eine Art Verruf auf dem chirurg. Zweige der Heilkunde lastete. Sehr wenige Arzte ließen sich herab, mit dem Messer, den Bandagen und Maschinen eine genaue Bekanntschaft zu machen. Solche Leitsterne waren zuerst Hieron. Brunswig, Paracelsus, Gersdorf, besonders aber Fabricius Hildanus und Purmann. Der erste Universitätslehrer, welcher C. vortrug, war Lorenz Heister (1683—1758) in Altdorf und Helmstedt, zu dem sich dann Zach. Platner und Günz in Leipzig Mauchart in Tübingen, Kaltschmidt in Jena, Siebold in Würzburg und der große A. G. Richter in Göttingen gesellten. Indessen vermochten sie selten einen Arzt so für die Kunst zu gewinnen, daß er sie praktisch geübt hätte; auch war damals auf den deutschen Universitäten die C. eigentlich nur geduldet. Seit dem Siebenjährigen Kriege empfand man in Preußen und Osterreich das Bedürfnis, wenigstens bessere Militärchirurgen auszubilden, und es geschah dies hier durch Brambilla, Hunczopsky und Plenck, dort durch Eller, Scharschmidt, Henkel, Bilguer, Schmucker, Theden und Mursinna. Indessen führten auch diese Militärchirurgen immer noch den Namen Feldscherer. Erst in den Freiheitskriegen warf die C. in Deutschland vollständig ihre Fesseln ab, indem sich die wissenschaftlich gebildeten Arzte der chirurg. Kunst nun widmeten. Blut⸗ und Messerscheu wurden überwunden und gingen bald sogar bei manchem in das Gegenteil über. Seit den Napoleonischen Kriegen schließt sich in Frankreich an Dupuytren eine Reihe bedeutender